Weltkirche konkret
Im Heute leben - ausgerichtet auf Morgen
Unter diesem Thema stand die Missionstagung am 17. - 18. Juli 1998 im
Comboni-Missionshaus in Milland/Brixen, die jährlich von
MISSIO-Bozen/Brixen und der OEW Organisation für eine solidarische Welt
organisiert wird, um den Missionaren und Missionsschwestern auf
Heimaturlaub Gelegenheit zur Begegnung und zum gegenseitigen
Erfahrungsaustausch mit den Solidaritäts- und Missionsgruppen in
Südtirol zu geben.
Cirka 70-80 Leute setzten sich in diesen zwei Tagen damit
auseinander, ob unser westlicher Lebensstil ein MORGEN überhaupt zuläßt.
Eine harte Frage, die sich jedoch angesichts der globalen Zusammenhänge
von Wirtschaft, Ökologie, Politik und Sozialem jeder von uns gefallen
lassen muß. Sie fordert uns auch heraus, unsere Pläne und
Zukunftsperspektiven über das Jahr 2000 hinaus neu zu überdenken. Die
seit zwei Jahren geheim geführten Verhandlungen der 29 OECD-Staaten (wir
gehören auch dazu) zum M.A.I.-Abkommen (Multilateral Agreement on
Investment) konnten erst in letzter Minute von Basisbewegungen publik
gemacht werden und die Unterzeichnung wurde zumindest von Juni auf
Oktober verschoben.
Nachdem das M.A.I.-Abkommen als ein direkter Angriff auf die
Demokratie anzusehen ist, ist höchster Alarm berechtigt. Da
Investitionen von M.A.I. extrem weit definiert werden (u. a. geistiges
Eigentum, Patentrechte auf Gene, Grund und Boden ecc.) wird nahezu die
gesamte Ökonomie eines Landes von den M.A.I.-Bestimmungen erfaßt.
Konsumentenschutz, Arbeits- und Umweltschutz werden außer Kraft gesetzt
mit der Folge, daß M.A.I. das Recht erhält, die einzelnen Staaten
unabhängig von ihrer Souveränität auf die Einhaltung der
M.A.I.-Bestimmungen zu klagen
- Nach verschiedensten Referaten zur Welt-Situation, zur derzeitigen
Realität in Südtirol, zum Missionsauftrag für die Zukunft der
europäischen Kirche und Gesellschaft sowie zu zukunftsorientierten,
angepaßten Technologien arbeiteten die TeilnehmerInnen in der
Kreativwerkstatt konkrete Anliegen und Lösungsansätze aus. Dabei ergab
sich ein fruchtbarer Austausch zwischen Alt und Jung, Nord und Süd,
Frauen und Männern, Afrikanern und Europäern, Laien und Missionaren, so
daß die einzelnen Arbeitsgruppen sehr viel Freude am gemeinsamen
Experimentieren erlebten. Aus der Fülle der Ergebnisse sollen hier
einige Anregungen genannt und als Ermutigung verstanden werden: Er ist
da als zentraler Gedanke, auch wenn im Norden der Erde Tannen und im
Süden Palmen wachsen.
- Brücken bauen und sich solidarisieren mit allem Lebendigen, nach
Gemeinsamkeit/Einheit suchen, statt nach dem Trennenden, Vernetzung
suchen und sich dabei hinterfragen, aber auch beschenken lassen.
- Gottesbeziehung und Menschenbeziehung mit allen Bedürfnissen
leben/pflegen, der Gottesdienst soll als Fest der Begegnung gefeiert und
erlebt werden.
- Die veränderte Welt von heute akzeptieren, auch mit
Zwiespältigkeiten leben lernen, aber trotzdem Werte vorleben und
glauben, daß sie Sinn haben.
- Zeichen der Zeit lesen, von den Afrikanern lernen, daß das Leben
immer weiter geht und Entwicklung stets stattfindet
- Sich Zeit nehmen für Menschen in Not, Freude und Leid teilen,
Begegnung und Freundschaft mit Menschen anderer Sprache, Rasse, Kultur
versuchen.
- Partnerschaft in der Familie leben/pflegen, auch in der Ortskirche
die Menschen mit unterschiedlichen Gaben/Fähigkeiten annehmen,
hereinholen, so findet auch die Jugend wieder ihren Platz.
- Durch einfachen Lebensstil und Selbstbesteuerung und Teilen
beitragen zu einer gerechteren Welt, Produkte aus dem fairen
Handel/Weltläden bevorzugen
- Konflikte lösen lernen mit friedlichen Mitteln wie Dialog und
Kompromißbereitschaft, statt mit Rückzug, Schweigen oder gewaltsamen
Methoden.
- Sich informieren und aktiv reagieren durch Mittragen von
Initiativen, trotz der beinahe erdrückenden Informationsflut sich
betroffen machen lassen von den weltweiten Problemen, die politische
Ebene dabei nicht scheuen.
- Von den Jungen Kirchen lernen: Die Beauftragung und Schulung der
Laien ist ein Gebot der Stunde (Modell der Katechisten) und auch der
spirituelle Austausch bereichert und beschenkt uns.
- Die Ortskirche muß aufwachen, sensibel werden für die Anliegen des
heutigen Menschen und ihn dort abholen, wo er /sie steht.
- Die Gleichwertigkeit der Frau fehlt immer noch, bei Ansprachen und
Predigten sind nicht Brüder, sondern Geschwister gemeint.
- Finanzielle Beteiligung an Entwicklungsprojekten durch Pfarreien,
aber auch die gemeinsame Sorge für pastorale Anliegen kann Pfarreien
langsam auf dem partnerschaftlichen Weg zusammenwachsen lassen.
Nachdem in den letzten Jahren sehr zum Bedauern der TeilnehmerInnen bei
den Missionstreffen außer dem Missio-Leiter Dr. Robert Amhof keine
Vertreter der Diözesanleitung /Seelsorgeamt anwesend waren und dies am
Beginn der Tagung bemängelt wurde, erschien am zweiten Tag Generalvikar
Dr. Matzneller und zeigte dadurch sein Interesse. Das Anliegen der
Beauftragung und Schulung der Laien auch für unsere Diözese wurde ihm
dringend ans Herz gelegt. Es scheint für ihn jedoch noch ein "sehr
weiter, langer Weg" zu sein. Haben wir denn noch sooo viel Zeit zum
Zögern und Zaudern??
Christine Baumgartner
"Christus lebt überall dort, wo geglaubt und geliebt wird, auch außerhalb der Kirche"
Dorothee Sölle