Zwei Erfahrungberichte von wiederverheirateten Geschiedenen

Hilft es leben?

Es ist Sonntag, "Caritassonntag", ich besuche mit meiner Familie den Gottesdienst.

"Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch...Selig, die zum Tisch des Herrn geladen sind".

Viele gehen zur Kommunion. In der Bank bleibe ich mit meiner Tochter und meiner Frau zurück: mit meiner neuen Familie, ja, denn ich bin ein wiederverheirateter geschiedener Christ, ich darf nicht zur Kommunion gehen. In einigen Tagen werden wir unsere Tochter zur Erstkommunion begleiten. Mehr als einmal hat sie uns gefragt, warum wir nicht zur Kommunion gehen; es ist schwierig, einem Kind von neun Jahren eine Antwort zu geben, ohne dabei die Kirche als strafende Institution darzustellen. Wie wird es unserer Tochter in diesem für ihr christliches Leben so wichtigen Augenblick ergehen, wenn Mutter und Vater nicht mit ihr gemeinsam zur Kommunion gehen?

Trennung und Ehescheidung bringen immer großes Leid mit sich. Es gibt keine Trennung, die wie kaltes Wasser abfließt. Hinter jeder Trennung steht immer Leid.

Aber es gibt auch ein Leid, das so tief ist und so innerlich und das ist jenes des wiederverheirateten geschiedenen Christen, der weiß, daß er nicht mehr zum Sakrament der Eucharistie hinzutreten kann. Niemals, so wie gestern habe ich mich allein gefühlt, niemals so wie gestern habe ich mich so von den Menschen verlassen gefühlt. Der Priester hatte am Caritassonntag ein Wort für jeden, aber nicht ein einziges Mal habe ich von der Kanzel ein Wort des Trostes und eine Botschaft der Liebe für die vielen christlichen Familien gehört, die das Leid einer gescheiterten Ehe leben oder teilen. Ich sage "teilen", denn auch meine Frau, die das "Unglück" hatte, sich in einen Geschiedenen zu verlieben, kann nicht mehr die Eucharistie empfangen. Wenn ich sage, ich habe mich von allen verlassen gefühlt, wenn ich sage, daß ich mich allein in der Bank fühle und gefühlt habe, muß ich aber auch sagen, daß ich mich nicht vom Herrn verlassen fühle, denn schon die Tatsache, daß ich mich mit meiner neuen Familie in offenen Armen anzunehmen.

Es ist richtig, daß es Regeln gibt, es ist richtig, daß es Normen gibt, aber es müßte ebenso richtig sein, ein gutes Wort zu haben, ein Zeichen nicht nur für die Kranken, die Ausländer, die Nomaden, usw., sondern auch für jene, die in der Gemeinschaft der Kirche leben, die versuchen gute Christen zu sein, auch wenn es ihnen nicht gelungen ist, in der ersten Ehe beisammen zu bleiben und die dann das Glück und die Gnade hatten, den "richtigen Menschen" zu finden.

Ich glaube, kein Mensch auf der Erde kann für sich beanspruchen, im Herzen des Menschen lesen zu können, ich glaube auch, das Leid in sich und für sich ist nicht meßbar. Ich glaube auch, daß ein Wort, eine Geste, eine ausgestreckte Hand, ein "Komm, mein Bruder in Christus, reden wir!" bewirken können, daß das Leid sich mildert, daß es eine Erinnerung bleibt und eine Hilfe für Menschen wie mich, die dieses Unbehagen erlebt haben und davon geprägt sind. Hilft es leben?

So zwingend hinterfragte Jesus sein Tun, aber auch das der religiösen Elite seiner Zeit. Da war eine Heidin, die von seiner Heilkraft gehört hatte, schreiend hinter ihm her - zum Ärger der Apostel - "Es ist nicht recht, das was den Kindern zusteht, den Hunden vorzuwerfen" spricht der Meister. Die Frau darauf: "Dann gib mir, was den Hunden zusteht!", das heißt für mich: wenn ich schon keinen Rechtsanspruch habe, so gib mir doch was jenseits jedes Anspruchs liegt und das ist geschenkte Gnade. und Jesus bescheinigt daraufhin ihr - der Frau - der Heidin(!) einen großen Glauben. (Mt 15, 21-28). Ist die Teilhabe an Leib und Blut Christi ein Rechtsanspruch oder geschenkte Gnade? Nie hab ich es anders verstanden als eben als Gnade!

Das Sakramentverbot der Kirche erlebte ich stets schmerzlich: keinerlei Segnung bei unserer Eheschließung, nach der Geburt unseres Sohnes subtile Fragen - ob er denn getauft werden könne? Erstkommunion? Firmung...? Es tat immer wieder weh ... Ich hatte ja kein leichtes "Ja" zu dieser Ehe sagen können, die für meinen Mann der zweite Versuch war (er und sein eineinhalbjähriger Sohn waren von der Frau wegen einer anderen Beziehung definitiv verlassen worden), für mich aber schlicht die Ehe ist. Ich hätte zu Ihm nicht ja gesagt, ohne nicht auch zum Kind voll ja sagen zu können und so zögerte ich lange. Dann aber habe ich dieses doppelte Ja nie mehr zurückgenommen und nie - nicht einmal gedanklich - aufs Spiel gesetzt.

Die Haltung der Kirche tut weh, aber hoffnungsvoll griff ich Signale und Aufrufe von Theologen zum barmherzigen Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen auf. Der erneute Trommelwirbel fürs Gesetzestreiben aus Rom erschlug mich geradezu!

Mühsam und auch mit der Hilfe jener Hoffnungssignale und auch einfühlsamer Seelsorger war es uns gerade gelungen, die Bitterkeit etwas zu überwinden - und dann das! Ich muß sagen: mich hat in meinem Leben nichts so nachhaltig verletzt wie dieses Schreiben aus Rom. 'Von da an würgte es mich für lange Zeit bei jeder Messe, so daß ich schon dachte, nicht mehr teilnehmen zu können, ja dieser "Mutter" Kirche, die solche wie mich nicht leiden kann, den Abschied zu geben. Unseres gemeinsamen mittlerweile halbwüchsigen Sohnes wegen verbalisierte ich diese Gedanken jedoch nicht. Er seinerseits tat es. O-Ton: "Dieser Papst und seine Vasallen sind für mich erledigt! Ihr (Eltern) seid ja nun amtlicherseits ärgere Sünder als Mörder! Wenn die beichten wird der Tote ja auch nicht mehr lebendig davon! Wir sollen uns jetzt wohl als Sündenkinder - als Menschen zweiter Wahl empfinden - was?" Er hatte so eine gesunde Wut auf die Kirche - oder sollte er darüber krank werden?

Hilft es leben? Mir blieb noch, ihn auf den Unterschied von Gesetzlichkeit und Gnade zu verweisen ... Im übrigen halte ich es mit dem trotzigen Glauben jener Kanaanäerin. Ich gehe wieder nach vorne, wenn Jesus einlädt, und ich trete vor den Priester mit der unausgesprochenen Frage: Willst DU mein Richter sein? Ich möchte nur das, was den Hunden zusteht, und das ist Gnade!

Ich kann meine Vergangenheit nicht austauschen - sie ist bereits Ewigkeit, und ich habe nur dieses eine Leben. All die Jahre habe ich aufrichtig geliebt bis hinein in die zärtliche Hingabe, mit der ich meinem Mann auch auf leibhafte Weise sage: Ich nehme dich ganz und gar an. Und ich denke nicht daran, diese ehrliche und innige Lebensgemeinschaft mit religiösen Klimmzügen ("Josefsehe") zu verkrampfen. Diese kalte Forderung einer zumindest in diesem Zusammenhang liebe-losen Hierarchie kann mich dazu nicht motivieren und sie kann mir nicht glaubhaft machen, daß ich damit die Heiligkeit Gottes antasten könnte. Hilft es leben?...

Aus: Das seelsorgliche Gespräch mit wiederverheirateten Geschiedenen. Eine Handreichung, Seelsorgeamt der Diözese Bozen Brixen, FD 5/98, S. 223-226.



Wiederverheiratet - Geschiedene: eine Geschichte

In dieser Zeit kam Jesus in ein Dorf. Der Pfarrer trat an ihn heran und fragte: "Meister, in meinem Dorf lebt eine Familie, Vater, Mutter und drei Kinder. Der Vater ist allerdings wiederverheiratet geschieden. Dürfen diese beiden Eltern an deinem Mahl teilnehmen, zu dem du Sonntag für Sonntag einlädst? " Jesus fragte zurück: "Was sagt das (Kirchen-) Gesetz dazu?" "Nach dem geltenden Gesetz ist dies nicht erlaubt." "Warum fragst du dann?" "Weil es mir schwerfällt, nur diesen beiden Menschen in meiner Gemeinde sagen zu müssen, daß sie nicht an deinem Mahl teilnehmen dürfen. Ich kenne sie nämlich gut, ich kenne ihre Lebensgeschichte von Kindheit an, ihr Suchen und Ringen, ihr Kämpfen und ihr Versagen, ihr Bemühen um Ehrlichkeit sich selbst und anderen gegenüber, auch ihre Schuld. Aber wer von uns ist ohne Schuld, wer ist gerecht? Wenn ich so beobachte, wer sonst so ganz selbstverständlich an deinem Mahl teilnimmt, tu ich mich schwer, nur diesen beiden sagen zu müssen, daß sie dazu nicht eingeladen sind." Jesus antwortete ihm: "Ich werde meine kompetentesten Schriftgelehrten und Berater zusammenrufen, sie werden darüber beraten und ich werde dir dann eine Antwort zukommen lassen."

Die Zeit verging, ein Jahr, ein zweites Jahr, ein drittes. Der Pfarrer glaubte nicht mehr daran, eine Antwort zu erhalten. Schließlich nach fünf Jahren kam Jesus wieder in dieses Dorf. Er erinnerte den Pfarrer an seine damalige Frage und sagte zu ihm: "Meine Beamten und Berater haben innerhalb von vier Jahren in 23 Sitzungen über deine Frage beraten und sind zum Ergebnis gekommen, daß es wichtig ist, mit diesem Paar über diese Frage zu reden." "Ja, und was soll ich Ihnen sagen?" "Du kannst ihnen sagen, daß du zwar Verständnis hast für ihre Situation und ihre Entscheidung. Was aber die Teilnahme an meinem Mahl betrifft, mußt du ihnen sagen, daß sie zwar verpflichtet sind, an der Feier meines Mahles teilzunehmen, aber mitessen und mittrinken dürfen sie nicht. Sollten sie es trotzdem wagen, dann sollst du sie nicht bloßstellen vor der gesamten Gemeinde der Gerechten, aber sie anschließend auf jeden Fall darauf hinweisen, daß sie dazu nicht eingeladen sind und dies das nächste Mal unterla ssen sollen."

"Aber Meister, diese Antwort verwirrt mich nach dem, was ich von dir in den Heiligen Schriften gelesen habe." "Mich auch!" sagte Jesus, verschwand und ward nie mehr gesehen.

Helmut Falkensteiner, Vahrn