"Fragen S' mich was Leichteres!" - Günther Nenning, Wien

Herr und Frau Gott

Als es in einem meiner Vorträge wieder einmal um Gott ging, fragte mich in der Diskussion ein sympathischer, boshafter Atheist: "Wer ist Gott?"

Im ersten Schrecken antwortete ich mit Wiener Schmäh: "Fragen S' mich was Leichteres!"

Die Antwort war gar nicht so blöd. Eigentlich ist jede dogmatische Antwort der gelernten Theologen aller Religionen eine Tautologie (griech. unnütze Wiederholung ein und desselben). Das aber kann der liebe Gott selber besser; er definiert sich: "Ich bin, der ich bin" (2. Buch Mose 3,14).

Luther übersetzt, und das ist ebenso richtig, weil im Hebräischen die Zeitwortformen eher unbestimmt sind: "Ich werde sein, der ich sein werde."

Was heißt das? Es ist, als ob uns Gott zum Narren halten wollte. Aber dazu ist er berechtigt, denn wir begreifen ihn ja doch nicht. Den radikalen Schluß daraus hat der Buddhismus gezogen: Buddha benennt Gott nicht als Person, sondern als Geheimnis: als "Ungeborenes, Ungewordenes, Ungeschaffenes", als "Einziges, Sicheres, Vollkommenes, Höchstes".

Auch in der ältesten indischen Religion, in den heiligen Texten der "Veden" und "Upanishaden", wird das höchste Wesen nicht als Person erfaßt, sondern als Urprinzip, genannt "Brahma". Seine Definition ähnelt jener des biblischen Jahwe. Der Gott namens "Ich bin, der ich bin " heißt hier "das Seiende des Seienden" (satyasya satyam).

Ein unpersönliches Ur-Prinzip, genannt "Tao", gehört auch zur alten chinesischen Religion.

Das unbegreifliche Geheimnis gar nicht erst in eine Person fassen, sondern bestehen lassen als Ur-Prinzip: das ist konsequent, aber kalt. Es läßt unser Gemüt hungrig. In allen drei großen "unpersönlichen" Religionen: Buddhismus, indische und chinesische Religion - wird das "Unpersönliche" im Laufe ihrer Geschichte ergänzt oder ersetzt durch eine Vielfalt persönlicher Gottheiten und Geister.

Der strenge frühe Buddhismus z. B. macht Platz für Spätformen, in denen "Bodhisattvas" auftreten, liebende, hilfreich sich erbarmende Gottheiten, die Jesus Christus ähneln.

Der grandiose strenge Glauben an den einen und einzigen Gott der Juden, Christen, Muslime wird im Christentum aufgelockert ducht sonstige Gestalten minderen oder auch gleich hohen Ranges. Daß es Jesus gibt, Maria und etwa fünftausend Heilige, an die man sich wenden kann, ist für mich ein unvergleichlicher Vorzug des katholischen Christentums.

Gott wird dadurch nicht weniger, sondern mehr. Er gewinnt an Herzenswärme. Keine monotheistische Religion kommt in der Praxis ihrer Gläubigen mit einem einzigen Gott aus. Und andererseits haben polytheistische Religionen über der Vielfalt ihrer Götter einen Göttervater, einen Zeus, Jupiter, Wodan, der Züge des "höchsten Wesens" von Eingottreligionen zeigt.

Wir Christen sollen nicht arrogant sein. Statt an anderen Religionen herumzukritisieren, sollten wir sie hochachten. Sie kennen- und schätzenlernen ist der Weg zur Freude am eigenen Christentum.

Ist Gott männlich oder weiblich? Im ältesten Deutschen ist das Wort "Gott" in allen drei Geschlechtern verwendbar. Ähnlich steht es mit griechisch "theos" und lateinisch "deus"; diese Worte sind ursprünglich männlich und weiblich. Die chinesische Religion verwendet für die Einheit und Gleichheit der Geschlechter des Göttlichen das heute schon altbekannte schwarz-weiße Yin-Yang-Symbol.

In sehr alten Religionen sind die höchsten Gestalten nicht Männer, sondern Frauen, Mütter und zugleich, weil auf kenen Mann angewiesen, Jungfrauen. Längst gibt es eine "feministische Theologie", die sich damit intensiv befaßt.

Auch im Christentum ist Vater unser ebensosehr Mutter unser. Der Herrgott ist ebenso eine Fraugott. Es stimmt schon, daß der christliche Gott, modern gesagt, "patriarchalische", "machistische" Züge hat. Beim Gott der Juden und des Islam sind sie noch stärker. Dort fehlt das Gegengewicht, das mir im Christentum so angenehm ist. Ein doppeltes Gegengewicht: Christus ist sanft und frauenfreundlich. Und Maria ist eine "Frauengöttin", wie sie mit gleichem Reichtum keine der "großen" Religionen hat, sicher nicht die jüdische und islamische.

Maria - eine Karriere. Aus spärlicher Erwähnung in der Bibel wächst sie zu einer Gestalt, die in der frommen Praxis der Katholiken ebenso wichtig ist wie Gott und Christus. Das nenn' ich Emanzipation.

Warum ist die Beschäftigung mit Herrn und Frau Gott so interessant? Ich weiß keine Antwort. Da ist es immer gut, wenn man einen Dichter zur Hand hat. Charles Baudelaire schrieb in sein intimes Tagebuch (1860): "Selbst wenn es keinen Gott gäbe, wäre Religion immer noch heilig und göttlich. Gott ist das einzige Wesen, das, um zu herrschen, nicht einmal der Existenz bedarf."

Aus: Günther Nenning . Gott ist verrückt.
Die Zukunft der Religion. Düsseldorf 1997, S. 39-41.