Das Interview: Eugen Biser, München

Die Kirche muß zu ihrer Mitte zurückfinden

Die Zukunft des Glaubens und der Kirche

Impulse von unten: Hat der Glaube, Prof. Biser, im dritten Jahrtausend noch eine Zukunft.

E. Biser: Da bin ich tief davon überzeugt. Ich kann darauf eine positive Antwort geben.

Worin besteht also die Zukunft des Glaubens?

E. Biser: Die Zukunft des Glaubens besteht in den unterschwelligen Strömungen und Bewegungen. Ich spreche in diesem Zusammenhang von einer glaubensgeschichtlichen Wende, in der wir begriffen sind. Das merkt man allerdings nicht an der Oberfläche, aber das merkt man, wenn man in die Tiefenstrukturen hinein leuchtet. Dort entdeckt man einen dreifachen Übergang vom Autoritäts- zum Verstehensglauben, vom Bekenntnis- zum Erfahrungsglauben und vom Leistungs- zum Verantwortungsglauben. Das ist die dreifache Wende, in der wir begriffen sind und die mir die Garantie bietet, daß der Glaube eine wirkliche Zukunft hat.

Andererseits scheint der Glaube in der Gesellschaft immer mehr zu schwinden. Warum bleiben Sie trotzdem bei ihrer Überzeugung?

E. Biser: Ja, weil der Glaube sich in all den Jahrhunderten als die eigentlich siegreiche Kraft erwiesen hat. Das ist unser Sieg, der die Welt überwindet, heißt es im ersten Johannesbrief: unser Glaube. Und deswegen bin ich überzeugt, daß ungeachtet der derzeitigen Gegenströmungen, des Gegenwindes, in dem wir uns befinden, der Glaube eine Zukunft hat. Der Gegenwind ist allerdings ganz erheblich, vielleicht seit Jahrzehnten nicht mehr so intensiv wie heute. Damit muß man sich auseinandersetzen.

Wie soll der Glaube, ja wie kann der Glaube in unserer heutigen Gesellschaft vermittelt werden?

E. Biser: Vor allen Dingen durch das, was ich die Schicksalsgemeinschaft zwischen Kirche und Mensch nenne. Ich sehe da eine gegenseitige Beziehung, eine Wechselbeziehung, in der beide vor dieselben Probleme gestellt sind, beide aber bei der Lösung dieser Probleme aufeinander verwiesen sind. Das ist das Identitätsproblem. Das Christentum und die Christenheit wissen eigentlich immer noch nicht, warum sie als eigene Weltreligion existiert. Viele betrachten sich als Christen nur als Ableger des Judentums. Das ist eine Fehlinterpretation. Wir müssen zurück in die Mitte unseres Glaubens und die besteht in der Gottesentdeckung Jesu. Jesus ist in meinen Augen der größte Revolutionär der Religionsgeschichte. Er hat uns einen wirklich neuen Gott geschenkt und von dort her erklärt sich dann die Identität des Christentums. Aber auch der Mensch leidet an einer Identitätskrise, denn den meisten Menschen liegt noch viel an Prestige, an Geld, an Einfluß, an sozialer Position, aber wenig an sich selbst. Sie sind sich selbst entfredet. Die Kirche braucht einen wachen, einen zu seinem Glauben durchgedrungenen, einen seines Glaubens bewußten, vor allen Dingen einen von Glaubensbegeisterung getragenen Menschen. Umgekehrt braucht der Mensch die Kirche, denn sie hütet das Geheimnis Gottes, auch wenn das erst noch ergründet und ans Licht gehoben werden muß. Aber sie hat es. Sie ist gleichsam eine Monstranz, in deren Mitte Gott sich selbst enthüllt hat. Und der Mensch findet nur zu seiner Identität durch Gott. Natürlich sind relative Felder der Identitätsfindung nicht ausgeschlossen. Auch in der Arbeit finden wir Identität, auch im gesellschaftlichen Engagement finden wir Identität, in der Familie, in der Liebe finden wir Identität. Aber das sind alles nur relative Formen der Identitätsfindung. Die letzte Antwort auf die Sinnfrage gibt der Gott, der sich selbst offenbart. Wenn er sagt, wer er selbst ist, dann sagt Gott zugleich, wer der Mensch ist. Das ist der Kern der Lösung dieses Problems.

Sie sagen damit, daß auch die Kirche eine Zukunft hat. Worin besteht sie?

E. Biser: Die Kirche ist notwendig, weil sie allein die Rahmenbedingungen dafür bietet, daß das Christentum unverfälscht weitergetragen wird. Ohne Kirche würde sich das Christentum in eine Fülle von Sekten auflösen. Am Rande des Christentums gibt es ja schon eine Fülle von zum Teil sehr komischen und eigentümlichen Sekten. Dann würde das Christentum sich amalgamieren mit ganz heterogenen Strömungen. Das hatten wir in der Urkirche schon. Deswegen brauchen wir die Kirche.

Wie aber muß sich die Kirche verändern, damit sie den Glauben an den heutigen Menschen weitervermitteln kann?

E. Biser: Sie braucht im Grunde nur sich zurückzubesinnen auf das große Gottesgeschenk, das ihr in diesem Jahrhundert gemacht worden ist und das ist und bleibt das II. Vatikanische Konzil, jenes Konzil, das sich etwas vorgenommen hat, was keinem anderen Konzil je in den Sinn gekommen ist. Es wollte der Kirche zu einer neuen Identität und zu einer neuen Innerlichkeit verhelfen durch das Prinzip des Dialogs. Die Kirche braucht im Grunde genommen nur darauf sich konsequent zurückzubeziehen. Dann hat sie auch den Menschen. Denn der heutige Mensch will angesprochen werden. Er will ins Gespräch gezogen werden. Er will gefragt werden nach dem Grad seines Verständnisses. Er will ernstgenommen werden mit seinen Problemen. Und eine Kirche, die mit den Menschen in diesen Disput, in diesen Dialog eintritt, die hat ihn. Er wird dankbar und zustimmend auf ihr Angebot reagieren.

Wie haben Sie das II. Vatikanische Konzil erlebt und was ist ihre Meinung nach daraus geworden?

E. Biser: Ich habe es erlebt als eine gewaltige Befreiung. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft, wie Mario von Galli uns immer wieder berichtet hat von seinen Erlebnissen in Rom, wie wir an den Lautsprechern hingen, um ihn zu hören. Das was sich inzwischen im Konzil getan hat, war etwas, was uns mit einer geradezu atemlosen Spannung erfüllt hat. Wir waren ihm zutiefst dankbar. Wir waren der Kirche dankbar, daß sie sich in diese neue Sphäre hineinbegeben hat, in dieses neue Kapitel ihrer Geschichte. Wir haben also das II. Vatikanische Konzil als etwas Beglückendes empfunden. Nie war die Zustimmung zur Kirche auch größer als gegen Ende dieses Konzils. Ich erinnere mich noch, als der Konzilspapst Johannes XXIII gestorben ist, da haben Juden in Amerika auf öffentlichen Plätzen geweint um diesen Papst. Sogar Juden, die der Kirche noch fernstanden. Wieviel größer war dann erst die Zustimmung innerhalb der Kirche. Allerdings - wir erleben heute im gegenwärtigen Pontifikat eine Zurücknahme der Errungenschaften dieses Konzils.Die Kirche ist heute in eine Phase der Angst hineingeraten. Ich ahne nicht warum. Aber es ist leider unbestreitbar so. In der Angst versucht man sich einzubunkern und sich zurückzuziehen auf feste Positionen. Und deswegen erleben wir im Augenblick die Tendenz, die Dinge zurückzuwerfen auf vorkonziliare Verhältnisse. Das muß aufgebrochen werden. Aus dieser Engführung muß sich die Kirche wieder freischwimmen, um den Menschen dieser Zeit zu erreichen. Denn wenn es so weitergeht wie jetzt mit dieser zunehmenden Abwanderung, dann steht es bedenklich um diese Kirche, besonders in diesem zusammenwachsenden Europa. Wir sollten uns noch darüber klar sein, daß die Theologie auf absehbare Zeit noch immer in Deutschland gemacht wird, nicht etwa in Lateinamerika oder sonst irgendwo. Deswegen ist entscheidend daran gelegen - auch im Interesse der Kirche und Rom liegt ja innerhalb dieses sich einigenden Europa - daß in diesem Europa das Christentum erhalten wird, die Zustimmung zur Kirche wieder zunimmt. Das ist ein Lebensinteresse, auf das alles ankommt.

Rom scheint aber gerade vor der deutschen Theologie Angst zu haben. Der Treueeid, der kürzlich für ProfessorInnen vorgeschrieben wurde, scheint ja gerade an die deutschen ProfessorInnen gerichtet zu sein.

E. Biser: Wenn ich lese, daß der Glaube gegen die Theologen verteidigt werden muß, dann frage ich mich, was das noch zu tun hat mit dem Urauftrag der Kirche. Da war der Glaube gegen Häretiker und Andersgläubige zu verteidigen, aber doch nicht gegen die eigenen Theologen. Hier ist ein Selbstmißverständnis am Werk. Die Kirche der Gegenwart hat offensichtlich vergessen, daß sie ohne Theologie nicht in die Zukunft hineinkommt. Theologie mag des öfteren unbequem sein, aber die Theologie hat die Aufgabe, den Glauben zu reflektieren und den Glauben in einen konstruktiven Disput mit den Zeitströmungen und dem Zeitbewußtsein zu bringen. Deswegen ist entscheidend daran gelegen, daß die Theologie in ein Vertrauensverhältnis zur heutigen Theologie hineinkommt. Umgekehrt wären die Theologen sicher dankbar, wenn man ihnen mit der Vorgabe des Vertrauens entgegenkäme. Denn das Vertrauen ist wie ein warmer Regen. Dann blühen die Energien auf. Mißtrauen bewirkt genau das Gegenteil: eine Vereisung der Verhältnisse.

Wieviele Priester müssen noch weniger werden, wieviele Theologen und wieviele Frauen müssen noch aus der Kirche ausziehen, damit sich in der Kirche etwas bewegt?

E. Biser: Ich sehe schon die große Gefahr, daß gerade junge Frauen abwandern, daß die Intelligenz abwandert. Das ist eigentlich das Allerbedenklichste bei dieser Abwanderungserscheinung. Sie ist nicht nur eine quantitative, sondern leider Gottes auch eine qualitative. Was geschehen muß, das weiß nur der liebe Gott. Aber ich weiß, daß es in der Kirche sehr oft in der Geschichte, immer dann, wenn eine gewisse Einengung der Fall war, plötzlich zu einem Aufbruch gekommen ist. Das haben wir ja in der Vergangenheit ganz deutlich erlebt. Kein Mensch konnte ahnen, wie es nach Pius XII weiterging. Das war eine Engführung, in die die Kirche damals hineingekommen ist. Dann wählte man einen Papst, den man ausdrücklich als Übergangspapst gewählt hat in der Erwartung, daß er bald sterben werde. Und er ist dann auch bald gestorben. Aber in der knapp ihm zugemessenen Zeit hat dieser Papst die größte Innovation in der Kirchengeschichte der Neuzeit heraufgeführt. Nach diesem Beispiel können wir zuversichtlich sein.

Vor drei Jahren hat es ein Kirchenvolksbegehren in Österreich, in Deutschland und auch in Südtirol gegeben. Was halten Sie davon?

E. Biser: Insgesamt halte ich das schon für ein positives Phänomen, denn es hat sich gezeigt, daß den Christen das Schicksal der Kirche nicht gleichgültig ist, daß sie sich an der Neugestaltung der Kirche aktiv beteiligen wollen, daß sie mit ihrem Herzen an der Kirche hängen und daß sie aus eigener Initiative einen Beitrag leisten möchten, daß die Kirche wieder zu einer neuen Begegnung mit dem Menschen dieser Zeit gelangt.

Soll ein zukünftiger Papst ein konservativer, soll er ein progressiver sein oder brauchen wir einen ganz anderen Papst?

E. Biser: Wir brauchen vor allem einen spirituellen Papst. Die bisherigen Päpste waren entweder Moraltheologen oder Kirchenrechtler ihrer Ausbildung nach. Wir bräuchten jetzt mal einen Papst, der aus der Spiritualität hervorgeht. Denn wenn ich noch einmal zurückblenden darf auf meine Eingangsthese: Was die Kirche braucht, ist eine neue Identitätsfindung. Sie muß zurückfinden zu ihrer Mitte. Sie muß zurückfinden zur Neuentdeckung Gottes durch Jesus Christus. Sie muß zurückfinden zu jenen Gedanken des Apostels Paulus, in denen eigentlich ihre Zukunft beschlossen ist. Und das ist vor allen Dingen die Idee, daß Christus sich dadurch von allen Religionsstiftern der Welt unterscheidet, daß er in seiner Stiftung fortlebt. Wir brauchen ein neues Bewußtsein des in der Kirche fortlebenden Christus. Deswegen ist meine Hoffnung die, die auf einen spirituellen Papst gerichtet ist.

Was, glauben Sie, sollte an der Struktur der Kirche verändert werden?

E. Biser: Die Kirche hat eigentlich ihre Strukturen, aber ich sehe, daß diese Strukturen, wo es darauf ankommt, in eine Krise geraten sind.

Das Jahresthema unserer Diözese lautet heuer: Vater unser im Himmel. Hier scheint die männliche Seite in besonderer Weise betont. Wo sehen Sie die weibliche Seite Gottes?

E. Biser: Die weibliche Seite Gottes ist in die Väterliche eingeschlossen. Ich werde nicht müde zu sagen, der Vater Jesu Christi ist väterlicher als jeder Vater und mütterlicher als jede Mutter.

Es gibt viele LaientheologInnen, aber sie müssen in der Seelsorge gleichsam vor der Tür stehen. Wie sollte die Kirche mit dem Zölibatsgesetz umgehen?

E. Biser: Sie sollte das Problem liberalisieren. Sie hat es ja im Grunde schon längstens getan. Die Unierten in der Ostkirche haben ja keine Zölibatsverpflichtung. Es gibt auch immer wieder Geistliche, die aus dem Protestantismus hervorgegangen sind. Ich erinnere an Heinrich Spämann - , die ihre Ehe fortführen durften, wenn auch nicht in vollem Umfang. Dann doch eben als rechtliche Institution. Diese Zugeständnisse zeigen doch, daß die Zölibatsverpflichtung für die Kirche nichts Unabwendbares ist. Sie ist historisch gewachsen. Deswegen könnte sie heute liberalisiert werden nach meinem Verständnis. Und sehr viele junge Menschen würden dann den Weg zum Priestertum mit Freuden antreten, wie ich aus Erfahrung weiß.

Die Kirche scheint derzeit auf allen Ebenen zentralistisch und klerikal ausgerichtet zu sein. Wie könnte eine konkrete Mitentscheidung der Gläubigen aussehen.

E. Biser: Im Grunde ist auch das schon geregelt durch die Einrichtung der Pfarrgemeinderäte. Die müßten nur ernstgenommen werden. Das dürften keine Gremien des Befehlsempfangs von Seiten des Pfarrers sein, sondern das müßten wirklich Gremien der Auseinandersetzungen, des Gesprächs sein. Es müßte ein wirklich kompetentes Gremium sein, in dem auch theologische Fragen sinnvoll diskutiert werden können. Wenn das gegeben ist, dann wäre das Instrument bereits gegeben und vorhanden, mit Hilfe dessen eine wirkliche dialogische Situation herbeigeführt werden kann.

Sie betonen oft, daß die Kirche aus der Frohbotschaft manchmal eine Drohbotschaft gemacht hat.

E. Biser: Die Drohbotschaft besteht darin, daß zu meinem Schmerz sogar von bedeutenden Theologen immer wieder darauf hingewiesen wird, daß Jesus ja auch gedroht habe, daß er von der Hölle gesprochen habe, von der ewigen Verwerfung. Ich kann diese Theologen nur einladen, einmal sich wirklich in das Evangelium vertiefen. Dann werden sie sehen, daß diese Drohung überhaupt nichts mit Jesus zu tun hat. Natürlich gibt es eine Menge von Schriftworten, in denen Jesus von Verwerfung, vom Ort des Heulen und Zähneknirschens zu sprechen scheint, aber dieses letztere ist ein Zitat aus dem Buch Jesaja und kann keineswegs für die Botschaft Jesu in Anspruch genommen werden. Im übrigen haben diese unbestreitbaren Drohworte eigentlich immer nur den Charakter der Warnung. Der Warnung, daß der Mensch sich nicht das Unglück antun möge, sich von seiner Botschaft abzuwenden und sich dadurch in die selbst angefertigte Hölle zu stürzen. Denn die Hölle, die Jesus da im Auge hat, bereitet der Mensch sich selber durch die Abkehr von der unendlichen Chance seiner Botschaft. Deswegen steht im Zentrum der Botschaft Jesu keine Drohung, wohl aber eine ungeheure Einladung, eine Einladung an die ganze Welt, sich ihm und seiner Gottesverkündigung zuzuwenden und vor allen Dingen dem, was er der Menschheit bietet. Das ist in allerletzter Hinsicht er selbst. Das Christentum lebt vom Fortleben Christi in den Seinen.

Heute wird oft Christentum mit Moral gleichgesetzt.

E. Biser: Ich kann nur immer wieder betonten: das Christentum hat eine Moral, eine moralische Mission. Ich würde sogar hinzufügen: es ist in dieser Mission noch gar nicht richtig ans Licht gehoben worden. Denn Jesus hat die Menschen nicht dadurch zum Guten zu bewegen versucht, daß er ihnen neue Gebote gegeben hat, sondern daß er ihnen das Prinzip der Immunisierung gegen das Böse eingestiftet hat. Wer liebt, kann den anderen nicht belügen, nicht benachteiligen, nicht überfordern, nicht in den Schatten drängen, sondern er muß ihn fördern aus innerstem Bedürfnis heraus. Das ist die Immunisierungsstrategie Jesu. Aber das Christentum hat eine Moral, es ist keine Moral. Es ist im Kern eine mystische Religion und Mystik bedeutet die Neuentdeckung der Gegenwart Christi in seiner Kirche, in seinen Gläubigen.

Sie haben beim II. Vaticanum vom neuen Dialogprinzip gesprochen. Worin besteht es?

E. Biser: Dieser Dialog hat viele Perspektiven. Einige davon sind gesehen und werden auch praktiziert: Ein neues Verhältnis zwischen Papst und Bischöfen, zwischen Bischöfen und Priestern, zwischen Priestern und Pfarrgemeinderäten. Zweitens: ein neues Verhältnis zwischen den christlichen Konfessionen. Da hat sich unendlich viel getan. Drittens: ein neues Verhältnis unter den Weltreligionen. Aber das vierte, das harrt noch der Verwirklichung. Der Gott Jesu Christi sucht das Gespräch mit den Menschen. Deswegen ist der Glaube kein Akt der Unterwerfung unter seine Autorität. Diese Unterwerfung unter die Autorität Gottes ist eigentlich nur die Vorgabe, daß das zustande kommt, was einer der besten Hermeneutiker unserer Tage, Hans Georg Gadamer, das Wunder des Verstehens genannt hat. Was Gott den Menschen gegenüber sucht und was der Mensch von Gott erwarten darf, ist das Wunder des Verstehens, daß er in das Geheimnis Gottes eindringen kann an der Hand Jesu und getragen vom Geiste Jesu.

Welche Konsequenzen ergeben sich aus dieser Sichtweise des Dialogs zwischen Gott und den Menschen?

E. Biser: Da ergibt sich vor allem die eine Konsequenz, daß der Mensch die ganze Angst vor Gott niederringt, weil sie gegenstandslos ist, weil der Gott Jesu Christi nicht gefürchtet werden darf, weil er nicht gefürchtet werden will. Das ist der eigentliche Kern. Und wenn diese Barriere der Angst überwunden ist, die selbstverständlich nicht bedeutet, daß die Ehrfurcht beiseite geschoben wird, die muß bleiben, die gehört integrierend dazu. Gegenüber Gott gibt es nur ein Verhältnis, das auf den Knien herbeigeführt wird, das mit Ehrfurcht gepaart ist. Aber die Ehrfurcht ist gleichzeitig nur die Bedingung der kindlichen Begegnung und des kindlichen Vertrauens und deswegen steht ja im Zentrum der christlichen Anthropologie nicht wie viele meinen die Idee der Gottebenbildlichkeit, sondern die Idee der Gotteskindschaft. Das ist das neue Verhältnis, in das der Gott Jesu Christi den Menschen zu sich ziehen will. Der Mensch ist ungeachtet seiner Hinfälligkeit, seiner Fragwürdigkeit an das Herz Gottes gezogen und dort geborgen. Das müßte ihm ein neues Selbstverhältnis schenken, aber dann auch in der Fähigkeit, das Verhältnis zum Mitmenschen zu revidieren. Das alles würde begründet sein in diesem Vertrauensverhältnis zum Gott, der ihn liebt.

Manchmal wird von den zornigen Alten in der Kirche gesprochen. Verstehen Sie sich als einer davon?

E. Biser: Ich bin überhaupt nicht zornig. Ich leide an vielen Dingen, aber zornig bin ich nicht. Wohl aber bin ich bemüht, der Kirche beizustehen auf ihrem Weg in die Zukunft. Ich verstehe meinen theologischen Beitrag als eine Hilfeleistung und ich hoffe, daß das, was ich in meiner langen Tätigkeit als Theologe erkämpft und erlitten und erdacht habe, von der Kirche auch eines Tages als eine echte Hilfe angenommen wird.

Ich danke sehr herzlich für das Gespräch.

Interview: Robert Hochgruber



Der emeritierte Prof. Dr. Dr. Eugen Biser war Inhaber des Lehrstuhles für christliche Weltanschauung in München.