Impulse von unten: Hat der Glaube, Prof. Biser, im dritten
Jahrtausend noch eine Zukunft.
E. Biser: Da bin ich tief davon überzeugt. Ich kann darauf eine
positive Antwort geben.
Worin besteht also die Zukunft des Glaubens?
E. Biser: Die Zukunft des Glaubens besteht in den unterschwelligen
Strömungen und Bewegungen. Ich spreche in diesem Zusammenhang von einer
glaubensgeschichtlichen Wende, in der wir begriffen sind. Das merkt man
allerdings nicht an der Oberfläche, aber das merkt man, wenn man in die
Tiefenstrukturen hinein leuchtet. Dort entdeckt man einen dreifachen
Übergang vom Autoritäts- zum Verstehensglauben, vom Bekenntnis- zum
Erfahrungsglauben und vom Leistungs- zum Verantwortungsglauben. Das ist
die dreifache Wende, in der wir begriffen sind und die mir die Garantie
bietet, daß der Glaube eine wirkliche Zukunft hat.
Andererseits scheint der Glaube in der Gesellschaft immer mehr zu
schwinden. Warum bleiben Sie trotzdem bei ihrer Überzeugung?
E. Biser: Ja, weil der Glaube sich in all den Jahrhunderten als die
eigentlich siegreiche Kraft erwiesen hat. Das ist unser Sieg, der die
Welt überwindet, heißt es im ersten Johannesbrief: unser Glaube. Und
deswegen bin ich überzeugt, daß ungeachtet der derzeitigen
Gegenströmungen, des Gegenwindes, in dem wir uns befinden, der Glaube
eine Zukunft hat. Der Gegenwind ist allerdings ganz erheblich,
vielleicht seit Jahrzehnten nicht mehr so intensiv wie heute. Damit muß
man sich auseinandersetzen.
Wie soll der Glaube, ja wie kann der Glaube in unserer heutigen
Gesellschaft vermittelt werden?
E. Biser: Vor allen Dingen durch das, was ich die
Schicksalsgemeinschaft zwischen Kirche und Mensch nenne. Ich sehe da
eine gegenseitige Beziehung, eine Wechselbeziehung, in der beide vor
dieselben Probleme gestellt sind, beide aber bei der Lösung dieser
Probleme aufeinander verwiesen sind. Das ist das Identitätsproblem. Das
Christentum und die Christenheit wissen eigentlich immer noch nicht,
warum sie als eigene Weltreligion existiert. Viele betrachten sich als
Christen nur als Ableger des Judentums. Das ist eine Fehlinterpretation.
Wir müssen zurück in die Mitte unseres Glaubens und die besteht in der
Gottesentdeckung Jesu. Jesus ist in meinen Augen der größte Revolutionär
der Religionsgeschichte. Er hat uns einen wirklich neuen Gott geschenkt
und von dort her erklärt sich dann die Identität des Christentums. Aber
auch der Mensch leidet an einer Identitätskrise, denn den meisten
Menschen liegt noch viel an Prestige, an Geld, an Einfluß, an sozialer
Position, aber wenig an sich selbst. Sie sind sich selbst entfredet. Die
Kirche braucht einen wachen, einen zu seinem Glauben durchgedrungenen,
einen seines Glaubens bewußten, vor allen Dingen einen von
Glaubensbegeisterung getragenen Menschen. Umgekehrt braucht der Mensch
die Kirche, denn sie hütet das Geheimnis Gottes, auch wenn das erst noch
ergründet und ans Licht gehoben werden muß. Aber sie hat es. Sie ist
gleichsam eine Monstranz, in deren Mitte Gott sich selbst enthüllt hat.
Und der Mensch findet nur zu seiner Identität durch Gott. Natürlich sind
relative Felder der Identitätsfindung nicht ausgeschlossen. Auch in der
Arbeit finden wir Identität, auch im gesellschaftlichen Engagement
finden wir Identität, in der Familie, in der Liebe finden wir Identität.
Aber das sind alles nur relative Formen der Identitätsfindung. Die
letzte Antwort auf die Sinnfrage gibt der Gott, der sich selbst
offenbart. Wenn er sagt, wer er selbst ist, dann sagt Gott zugleich, wer
der Mensch ist. Das ist der Kern der Lösung dieses Problems.
Sie sagen damit, daß auch die Kirche eine Zukunft hat. Worin besteht
sie?
E. Biser: Die Kirche ist notwendig, weil sie allein die
Rahmenbedingungen dafür bietet, daß das Christentum unverfälscht
weitergetragen wird. Ohne Kirche würde sich das Christentum in eine
Fülle von Sekten auflösen. Am Rande des Christentums gibt es ja schon
eine Fülle von zum Teil sehr komischen und eigentümlichen Sekten. Dann
würde das Christentum sich amalgamieren mit ganz heterogenen Strömungen.
Das hatten wir in der Urkirche schon. Deswegen brauchen wir die Kirche.
Wie aber muß sich die Kirche verändern, damit sie den Glauben an den
heutigen Menschen weitervermitteln kann?
E. Biser: Sie braucht im Grunde nur sich zurückzubesinnen auf das
große Gottesgeschenk, das ihr in diesem Jahrhundert gemacht worden ist
und das ist und bleibt das II. Vatikanische Konzil, jenes Konzil, das
sich etwas vorgenommen hat, was keinem anderen Konzil je in den Sinn
gekommen ist. Es wollte der Kirche zu einer neuen Identität und zu einer
neuen Innerlichkeit verhelfen durch das Prinzip des Dialogs. Die Kirche
braucht im Grunde genommen nur darauf sich konsequent zurückzubeziehen.
Dann hat sie auch den Menschen. Denn der heutige Mensch will
angesprochen werden. Er will ins Gespräch gezogen werden. Er will
gefragt werden nach dem Grad seines Verständnisses. Er will
ernstgenommen werden mit seinen Problemen. Und eine Kirche, die mit den
Menschen in diesen Disput, in diesen Dialog eintritt, die hat ihn. Er
wird dankbar und zustimmend auf ihr Angebot reagieren.
Wie haben Sie das II. Vatikanische Konzil erlebt und was ist ihre
Meinung nach daraus geworden?
E. Biser: Ich habe es erlebt als eine gewaltige Befreiung. Ich
erinnere mich noch sehr lebhaft, wie Mario von Galli uns immer wieder
berichtet hat von seinen Erlebnissen in Rom, wie wir an den
Lautsprechern hingen, um ihn zu hören. Das was sich inzwischen im Konzil
getan hat, war etwas, was uns mit einer geradezu atemlosen Spannung
erfüllt hat. Wir waren ihm zutiefst dankbar. Wir waren der Kirche
dankbar, daß sie sich in diese neue Sphäre hineinbegeben hat, in dieses
neue Kapitel ihrer Geschichte. Wir haben also das II. Vatikanische
Konzil als etwas Beglückendes empfunden. Nie war die Zustimmung zur
Kirche auch größer als gegen Ende dieses Konzils. Ich erinnere mich
noch, als der Konzilspapst Johannes XXIII gestorben ist, da haben Juden
in Amerika auf öffentlichen Plätzen geweint um diesen Papst. Sogar
Juden, die der Kirche noch fernstanden. Wieviel größer war dann erst die
Zustimmung innerhalb der Kirche. Allerdings - wir erleben heute im
gegenwärtigen Pontifikat eine Zurücknahme der Errungenschaften dieses
Konzils.Die Kirche ist heute in eine Phase der Angst hineingeraten. Ich
ahne nicht warum. Aber es ist leider unbestreitbar so. In der Angst
versucht man sich einzubunkern und sich zurückzuziehen auf feste
Positionen. Und deswegen erleben wir im Augenblick die Tendenz, die
Dinge zurückzuwerfen auf vorkonziliare Verhältnisse. Das muß
aufgebrochen werden. Aus dieser Engführung muß sich die Kirche wieder
freischwimmen, um den Menschen dieser Zeit zu erreichen. Denn wenn es so
weitergeht wie jetzt mit dieser zunehmenden Abwanderung, dann steht es
bedenklich um diese Kirche, besonders in diesem zusammenwachsenden
Europa. Wir sollten uns noch darüber klar sein, daß die Theologie auf
absehbare Zeit noch immer in Deutschland gemacht wird, nicht etwa in
Lateinamerika oder sonst irgendwo. Deswegen ist entscheidend daran
gelegen - auch im Interesse der Kirche und Rom liegt ja innerhalb dieses
sich einigenden Europa - daß in diesem Europa das Christentum erhalten
wird, die Zustimmung zur Kirche wieder zunimmt. Das ist ein
Lebensinteresse, auf das alles ankommt.
Rom scheint aber gerade vor der deutschen Theologie Angst zu haben.
Der Treueeid, der kürzlich für ProfessorInnen vorgeschrieben wurde,
scheint ja gerade an die deutschen ProfessorInnen gerichtet zu sein.
E. Biser: Wenn ich lese, daß der Glaube gegen die Theologen
verteidigt werden muß, dann frage ich mich, was das noch zu tun hat mit
dem Urauftrag der Kirche. Da war der Glaube gegen Häretiker und
Andersgläubige zu verteidigen, aber doch nicht gegen die eigenen
Theologen. Hier ist ein Selbstmißverständnis am Werk. Die Kirche der
Gegenwart hat offensichtlich vergessen, daß sie ohne Theologie nicht in
die Zukunft hineinkommt. Theologie mag des öfteren unbequem sein, aber
die Theologie hat die Aufgabe, den Glauben zu reflektieren und den
Glauben in einen konstruktiven Disput mit den Zeitströmungen und dem
Zeitbewußtsein zu bringen. Deswegen ist entscheidend daran gelegen, daß
die Theologie in ein Vertrauensverhältnis zur heutigen Theologie
hineinkommt. Umgekehrt wären die Theologen sicher dankbar, wenn man
ihnen mit der Vorgabe des Vertrauens entgegenkäme. Denn das Vertrauen
ist wie ein warmer Regen. Dann blühen die Energien auf. Mißtrauen
bewirkt genau das Gegenteil: eine Vereisung der Verhältnisse.
Wieviele Priester müssen noch weniger werden, wieviele Theologen und
wieviele Frauen müssen noch aus der Kirche ausziehen, damit sich in der
Kirche etwas bewegt?
E. Biser: Ich sehe schon die große Gefahr, daß gerade junge Frauen
abwandern, daß die Intelligenz abwandert. Das ist eigentlich das
Allerbedenklichste bei dieser Abwanderungserscheinung. Sie ist nicht nur
eine quantitative, sondern leider Gottes auch eine qualitative. Was
geschehen muß, das weiß nur der liebe Gott. Aber ich weiß, daß es in der
Kirche sehr oft in der Geschichte, immer dann, wenn eine gewisse
Einengung der Fall war, plötzlich zu einem Aufbruch gekommen ist. Das
haben wir ja in der Vergangenheit ganz deutlich erlebt. Kein Mensch
konnte ahnen, wie es nach Pius XII weiterging. Das war eine Engführung,
in die die Kirche damals hineingekommen ist. Dann wählte man einen
Papst, den man ausdrücklich als Übergangspapst gewählt hat in der
Erwartung, daß er bald sterben werde. Und er ist dann auch bald
gestorben. Aber in der knapp ihm zugemessenen Zeit hat dieser Papst die
größte Innovation in der Kirchengeschichte der Neuzeit heraufgeführt.
Nach diesem Beispiel können wir zuversichtlich sein.
Vor drei Jahren hat es ein Kirchenvolksbegehren in Österreich, in
Deutschland und auch in Südtirol gegeben. Was halten Sie davon?
E. Biser: Insgesamt halte ich das schon für ein positives Phänomen,
denn es hat sich gezeigt, daß den Christen das Schicksal der Kirche
nicht gleichgültig ist, daß sie sich an der Neugestaltung der Kirche
aktiv beteiligen wollen, daß sie mit ihrem Herzen an der Kirche hängen
und daß sie aus eigener Initiative einen Beitrag leisten möchten, daß
die Kirche wieder zu einer neuen Begegnung mit dem Menschen dieser Zeit
gelangt.
Soll ein zukünftiger Papst ein konservativer, soll er ein
progressiver sein oder brauchen wir einen ganz anderen Papst?
E. Biser: Wir brauchen vor allem einen spirituellen Papst. Die bisherigen Päpste waren entweder Moraltheologen oder Kirchenrechtler ihrer Ausbildung nach. Wir bräuchten jetzt mal einen Papst, der aus der Spiritualität hervorgeht. Denn wenn ich noch einmal zurückblenden darf auf meine Eingangsthese: Was die Kirche braucht, ist eine neue Identitätsfindung. Sie muß zurückfinden zu ihrer Mitte. Sie muß zurückfinden zur Neuentdeckung Gottes durch Jesus Christus. Sie muß zurückfinden zu jenen Gedanken des Apostels Paulus, in denen eigentlich ihre Zukunft beschlossen ist. Und das ist vor allen Dingen die Idee, daß Christus sich dadurch von allen Religionsstiftern der Welt unterscheidet, daß er in seiner Stiftung fortlebt. Wir brauchen ein neues Bewußtsein des in der Kirche fortlebenden Christus. Deswegen ist meine Hoffnung die, die auf einen spirituellen Papst gerichtet ist.
Was, glauben Sie, sollte an der Struktur der Kirche verändert werden?
E. Biser: Die Kirche hat eigentlich ihre Strukturen, aber ich sehe,
daß diese Strukturen, wo es darauf ankommt, in eine Krise geraten sind.
Das Jahresthema unserer Diözese lautet heuer: Vater unser im Himmel.
Hier scheint die männliche Seite in besonderer Weise betont. Wo sehen
Sie die weibliche Seite Gottes?
E. Biser: Die weibliche Seite Gottes ist in die Väterliche
eingeschlossen. Ich werde nicht müde zu sagen, der Vater Jesu Christi
ist väterlicher als jeder Vater und mütterlicher als jede Mutter.
Es gibt viele LaientheologInnen, aber sie müssen in der Seelsorge
gleichsam vor der Tür stehen. Wie sollte die Kirche mit dem
Zölibatsgesetz umgehen?
E. Biser: Sie sollte das Problem liberalisieren. Sie hat es ja im
Grunde schon längstens getan. Die Unierten in der Ostkirche haben ja
keine Zölibatsverpflichtung. Es gibt auch immer wieder Geistliche, die
aus dem Protestantismus hervorgegangen sind. Ich erinnere an Heinrich
Spämann - , die ihre Ehe fortführen durften, wenn auch nicht in vollem
Umfang. Dann doch eben als rechtliche Institution. Diese Zugeständnisse
zeigen doch, daß die Zölibatsverpflichtung für die Kirche nichts
Unabwendbares ist. Sie ist historisch gewachsen. Deswegen könnte sie
heute liberalisiert werden nach meinem Verständnis. Und sehr viele junge
Menschen würden dann den Weg zum Priestertum mit Freuden antreten, wie
ich aus Erfahrung weiß.
Die Kirche scheint derzeit auf allen Ebenen zentralistisch und
klerikal ausgerichtet zu sein. Wie könnte eine konkrete Mitentscheidung
der Gläubigen aussehen.
E. Biser: Im Grunde ist auch das schon geregelt durch die Einrichtung
der Pfarrgemeinderäte. Die müßten nur ernstgenommen werden. Das dürften
keine Gremien des Befehlsempfangs von Seiten des Pfarrers sein, sondern
das müßten wirklich Gremien der Auseinandersetzungen, des Gesprächs
sein. Es müßte ein wirklich kompetentes Gremium sein, in dem auch
theologische Fragen sinnvoll diskutiert werden können. Wenn das gegeben
ist, dann wäre das Instrument bereits gegeben und vorhanden, mit Hilfe
dessen eine wirkliche dialogische Situation herbeigeführt werden kann.
Sie betonen oft, daß die Kirche aus der Frohbotschaft manchmal eine
Drohbotschaft gemacht hat.
E. Biser: Die Drohbotschaft besteht darin, daß zu meinem Schmerz
sogar von bedeutenden Theologen immer wieder darauf hingewiesen wird,
daß Jesus ja auch gedroht habe, daß er von der Hölle gesprochen habe,
von der ewigen Verwerfung. Ich kann diese Theologen nur einladen, einmal
sich wirklich in das Evangelium vertiefen. Dann werden sie sehen, daß
diese Drohung überhaupt nichts mit Jesus zu tun hat. Natürlich gibt es
eine Menge von Schriftworten, in denen Jesus von Verwerfung, vom Ort des
Heulen und Zähneknirschens zu sprechen scheint, aber dieses letztere ist
ein Zitat aus dem Buch Jesaja und kann keineswegs für die Botschaft Jesu
in Anspruch genommen werden. Im übrigen haben diese unbestreitbaren
Drohworte eigentlich immer nur den Charakter der Warnung. Der Warnung,
daß der Mensch sich nicht das Unglück antun möge, sich von seiner
Botschaft abzuwenden und sich dadurch in die selbst angefertigte Hölle
zu stürzen. Denn die Hölle, die Jesus da im Auge hat, bereitet der
Mensch sich selber durch die Abkehr von der unendlichen Chance seiner
Botschaft. Deswegen steht im Zentrum der Botschaft Jesu keine Drohung,
wohl aber eine ungeheure Einladung, eine Einladung an die ganze Welt,
sich ihm und seiner Gottesverkündigung zuzuwenden und vor allen Dingen
dem, was er der Menschheit bietet. Das ist in allerletzter Hinsicht er
selbst. Das Christentum lebt vom Fortleben Christi in den Seinen.
Heute wird oft Christentum mit Moral gleichgesetzt.
E. Biser: Ich kann nur immer wieder betonten: das Christentum hat
eine Moral, eine moralische Mission. Ich würde sogar hinzufügen: es ist
in dieser Mission noch gar nicht richtig ans Licht gehoben worden. Denn
Jesus hat die Menschen nicht dadurch zum Guten zu bewegen versucht, daß
er ihnen neue Gebote gegeben hat, sondern daß er ihnen das Prinzip der
Immunisierung gegen das Böse eingestiftet hat. Wer liebt, kann den
anderen nicht belügen, nicht benachteiligen, nicht überfordern, nicht in
den Schatten drängen, sondern er muß ihn fördern aus innerstem Bedürfnis
heraus. Das ist die Immunisierungsstrategie Jesu. Aber das Christentum
hat eine Moral, es ist keine Moral. Es ist im Kern eine mystische
Religion und Mystik bedeutet die Neuentdeckung der Gegenwart Christi in
seiner Kirche, in seinen Gläubigen.
Sie haben beim II. Vaticanum vom neuen Dialogprinzip gesprochen.
Worin besteht es?
E. Biser: Dieser Dialog hat viele Perspektiven. Einige davon sind
gesehen und werden auch praktiziert: Ein neues Verhältnis zwischen Papst
und Bischöfen, zwischen Bischöfen und Priestern, zwischen Priestern und
Pfarrgemeinderäten. Zweitens: ein neues Verhältnis zwischen den
christlichen Konfessionen. Da hat sich unendlich viel getan. Drittens:
ein neues Verhältnis unter den Weltreligionen. Aber das vierte, das
harrt noch der Verwirklichung. Der Gott Jesu Christi sucht das Gespräch
mit den Menschen. Deswegen ist der Glaube kein Akt der Unterwerfung
unter seine Autorität. Diese Unterwerfung unter die Autorität Gottes ist
eigentlich nur die Vorgabe, daß das zustande kommt, was einer der besten
Hermeneutiker unserer Tage, Hans Georg Gadamer, das Wunder des
Verstehens genannt hat. Was Gott den Menschen gegenüber sucht und was
der Mensch von Gott erwarten darf, ist das Wunder des Verstehens, daß er
in das Geheimnis Gottes eindringen kann an der Hand Jesu und getragen
vom Geiste Jesu.
Welche Konsequenzen ergeben sich aus dieser Sichtweise des Dialogs
zwischen Gott und den Menschen?
E. Biser: Da ergibt sich vor allem die eine Konsequenz, daß der
Mensch die ganze Angst vor Gott niederringt, weil sie gegenstandslos
ist, weil der Gott Jesu Christi nicht gefürchtet werden darf, weil er
nicht gefürchtet werden will. Das ist der eigentliche Kern. Und wenn
diese Barriere der Angst überwunden ist, die selbstverständlich nicht
bedeutet, daß die Ehrfurcht beiseite geschoben wird, die muß bleiben,
die gehört integrierend dazu. Gegenüber Gott gibt es nur ein Verhältnis,
das auf den Knien herbeigeführt wird, das mit Ehrfurcht gepaart ist.
Aber die Ehrfurcht ist gleichzeitig nur die Bedingung der kindlichen
Begegnung und des kindlichen Vertrauens und deswegen steht ja im Zentrum
der christlichen Anthropologie nicht wie viele meinen die Idee der
Gottebenbildlichkeit, sondern die Idee der Gotteskindschaft. Das ist das
neue Verhältnis, in das der Gott Jesu Christi den Menschen zu sich
ziehen will. Der Mensch ist ungeachtet seiner Hinfälligkeit, seiner
Fragwürdigkeit an das Herz Gottes gezogen und dort geborgen. Das müßte
ihm ein neues Selbstverhältnis schenken, aber dann auch in der
Fähigkeit, das Verhältnis zum Mitmenschen zu revidieren. Das alles würde
begründet sein in diesem Vertrauensverhältnis zum Gott, der ihn liebt.
Manchmal wird von den zornigen Alten in der Kirche gesprochen.
Verstehen Sie sich als einer davon?
E. Biser: Ich bin überhaupt nicht zornig. Ich leide an vielen Dingen,
aber zornig bin ich nicht. Wohl aber bin ich bemüht, der Kirche
beizustehen auf ihrem Weg in die Zukunft. Ich verstehe meinen
theologischen Beitrag als eine Hilfeleistung und ich hoffe, daß das, was
ich in meiner langen Tätigkeit als Theologe erkämpft und erlitten und
erdacht habe, von der Kirche auch eines Tages als eine echte Hilfe
angenommen wird.
Ich danke sehr herzlich für das Gespräch.
Interview: Robert Hochgruber
Der emeritierte Prof. Dr. Dr. Eugen Biser war Inhaber des Lehrstuhles
für christliche Weltanschauung in München.