So pünktlich wie die Adventszeit kommt alle Jahre die Diskussion über Weihnachten als großes Fest des Konsums. Warenhäuser und Handelsketten überbieten sich gegenseitig in Weihnachtsangeboten, Ladenöffnungszeiten sind ein Dauerthema in der Tagespolitik. Weihnachtsmärkte finden sich schon in jeder Gemeinde, aus karitativen Gründen oder einfach nur aus bloßem Geschäftsinteresse. Und wir kaufen, kaufen, kaufen... Geschenke für unsere Lieben, Nützliches oft, Praktisches, einen kleinen Luxusartikel vielleicht, es ist ja Weihnachten und das Fest der Freude.
Auf meinem Schreibtisch liegt noch der Dolomitenartikel vom 10. September 1998. Die UNO hatte ihren Jahresbericht veröffentlicht und darin eine weitere Vertiefung der Kluft zwischen Arm und Reich festgestellt. Ich weiß nicht, wie viele von Euch diesen Zeitungsbericht gelesen oder vielleicht gar ausgeschnitten und aufgehoben haben. Mich haben die nüchternen Zahlen schockiert, erregt, betroffen und zugleich wütend gemacht. Es steckt nämlich System dahinter, daß Reiche immer reicher werden und Arme immer noch ärmer. Es ist das System der unmenschlichen Marktwirtschaft, das System der Ausbeutung.
Einige Kostproben aus dem UNO Bericht: 86% aller Konsumausgaben entfallen auf nur 20% der Weltbevölkerung von 5,8 Milliarden Menschen. 1,16 Milliarden Menschen konsumieren 86%, 1,3 Milliarden Menschen leben von weniger als 1 Dollar - 1740 Lire pro Tag. Weltweit werden 780 Milliarden Dollar für Rüstungsgüter ausgegeben, 6 Milliarden Dollar aber nur für grundlegende Bildunsmaßnahmen. 17 Milliarden Dollar geben Tierbesitzer in Europa und USA für die Fütterung ihrer Lieblinge aus, mehr als 112 Milliarden Dollar werden für Parfüm und 105 Milliarden Dollar für alkoholische Getränke ausgegeben.
Jedoch in unserer liberalen Marktwirtschaft lagern Betriebe weiterhin Produktionen in Billigstländer aus. Natürlich, denn dort, wo man mit 1740 Lire pro Tag leben müßte, ist jede und jeder froh um ein bißchen, wenn auch schamlos unterbezahlte Arbeit. Der Skandal der Kinderarbeit taucht nur kurz ins Bewußtsein der Öffentlichkeit, Politskandale und Börsenberichte scheinen wichtiger in unserer Gesellschaft. Die Wirtschaft muß wachsen, die Währung stabil bleiben, die Einkommen sollen gesichert bleiben, wir müssen weiterhin konsumieren.
Doch wie kann ich mich an einem neuen Kleid freuen, wenn ich weiß, wie junge Philippinas 12 und mehr Stunden am Tag für einen Hungerlohn ihre Gesundheit in den Textilfabriken ruinieren? Wie kann Kaffeegenuß vollkommen sein, wenn Frauen und Kinder rechtlos und beinahe lebeigen unter menschenunwürdigsten Verhältnissen meine Bohnen gepflückt haben? Wie gesund ist mein Glas Orangensaft, wenn brasilianische Kinder tonnenweise die Früchte ernten müssen und sich niemand um ihre Gesundheit und Bildung kümmert? Und wie wohlriechend ist mein neuer Duft, der den Schweiß tausender ägyptischer Kinder nicht verdecken kann, die im Morgengrauen säckeweise Jasmin ernten müssen?
Ach, es gibt so viele Beispiele von Ausbeutung, meine Wut darüber wächst. Wieso eigentlich, was kann ich denn dafür? Nun, ich weiß, ich habe absolut nichts dazu beigetragen, daß ich hier in Europa geboren wurde. Es hätte genauso gut Brasilien oder Indien oder Afrika sein können. Vielleicht wäre ich dann eine Kaffeepflückerin oder meine Kinder müßten statt zur Schule zu gehen Teppiche knüpfen. Doch mein Lebensraum ist hier. Ich wurde getauft und erzogen im Glauben an einen zutiefst solidarischen Gott. Ein Gott, der Mensch wird, unser Schicksal teilt, uns Hoffnung gibt und uns erinnert an Seines Vaters Plan für eine gerechte Welt. Im Reich Gottes haben Ausbeutung und Unterdrückung keinen Platz mehr. Und sagte Er nicht, es wäre mit Ihm schon angebrochen? Ist Weihnachten nicht der tatsächliche Beginn Seiner Herrschaft? Nun, dann möchte ich dieses Fest möglichst ohne Ausbeutung begehen!
Ihr kennt doch die 6 Weltläden in Südtirol. Erlaubt mir, Werbung zu machen für den fairen Handel, wo kleine Genossenschaften produzieren, gerechte Löhne bezahlt werden, in Bildung und Gesundheit investiert wird. Ein handgestrickter Pullover aus Peru wärmt nicht nur Euren Ehegatten, die Strickerin kann dadurch ihre Kinder ernähren. Ein Brotkorb aus Bangladesh ziert nicht nur Euren Frühstückstisch, er steht für Menschenwürde, für Arbeit und gerechten Lohn. Seht Euch um in unseren Weltläden, Ihr findet Nützliches, Praktisches und auch ein wenig Luxus darin und Ihr könnt sicher sein, mit dem Kauf der Produkte in eine gerechtere Welt zu investieren, denn all unsere Waren werden ohne Ausbeutung hergestellt.
Doch Weihnachten soll nicht ein Fest des Konsums bleiben, auch wenn das Konsumverhalten geändert wird. Meine siebzehnjährige Tochter hat mir ein rührendes Beispiel von Solidarität gegeben. Auch sie hatte den Zeitungsbericht gelesen, mit ihrer Freundin darüber diskutiert und ist zum Entschluß gelangt, monatlich von ihrem Taschengeld 15.000 Lire zu sparen und mir für Afrika zu geben. Und wahrlich, ihr Taschengeld ist nicht so reichlich.
Geschenke, die weltweit Freude machen, sind Solidarität und Teilen! Meine Kinder, meine Familie, meine Freundinnen und Bekannten, denken und handeln schon danach. Der Kreis wird immer größer. Doch wenn auch die Hoffnung wächst, so bleibt die Betroffenheit bestehen. Gott ist Mensch geworden, wo ist Er zu finden?
Isabella Engl