Mitte September hat das Institut für Gerechtigkeit, Frieden und
Bewahrung der Schöpfung im Katholischen Sonntagsblatt eine
Leserbefragung zur Schöpfungsverantwortung in der Kirche gestartet.
Isabella Engl aus Milland hat folgende kritische Gedanken an das
Institut gesandt:
"Eine Meinungsumfrage in unserer Kirche! Das ist neu, ist ungewohnt,
ist erfrischend und läßt Dialog aufkeimen.
... Allerdings hat mich diese Umfrage auch mit einiger Verwunderung
erfüllt. ... Schöpfungsverantwortung ist Bestandteil unseres Glaubens,
darüber können wir wohl nicht abstimmen und einen fundamentalen
Wesensinhalt unseres Glaubens einer beliebigen Ja - Nein Bewertung
überlassen. Ich führe den Abstimmungsmodus, so wie er dargestellt ist,
auf eine unglückliche Formulierung der Frage zurück. Denn wie würde Ihr
Institut reagieren, ginge eine Mehrheit der Antworten mit Nein ein?
So ist also meine Antwort ein unbedingtes und lautes Ja. Die
Begründung dafür entnehmen Sie bitte folgendem Text 'Alle meine
Beziehungen'".
Alle meine Beziehungen
Wir sitzen im Freien an einem lauen Sommerabend, blicken um uns und
horchen auf die Töne und Geräusche. Vogelgezwitscher, Bienengesumm, in
der Ferne bellt ein Hund, von irgendwo dringt Kinderlachen an unser Ohr,
Wind streicht durch Blätter,...
Was wir sehen und hören erinnert uns - mich - daran, daß wir die Erde
mit vielen Geschöpfen teilen. Meine Familie reicht weit über die Grenzen
der Spezies hinaus. Wie leicht vergesse ich das!
Um mich wieder daran zu erinnern, greife ich zurück auf ein einfaches
Körper/Atem Gebet. Wenn es möglich ist, barfuß und fest am Boden
stehend. Ich blicke auf, hebe meine Arme in Schulterhöhe, atme ein,
senke sie wieder und atme aus. Noch einmal Arme heben, diesmal über den
Kopf, strecke mich dem Himmel entgegen und dann in einem großen Kreis
die Arme wieder senken. Zum Rhythmus meiner Arme sage ich zu mir selbst
"Ich atme das Universum ein ... ich atme das Universum aus". Manchmal
braucht man diese Worte gar nicht mehr aussprechen, es genügen Gedanken
darüber, daß man in Beziehung lebt mit allen Lebewesen im Universum. Man
kann die Übung öfter machen oder nur einmal und ich weiß nicht, ob sie
einen meßbaren Einfluß auf meine Lebensweise hat. Aber ich liebe es, mir
bewußt zu werden, daß ich nicht alleine hier bin, sondern tatsächlich
ein- und ausatme mit allen Lebewesen, ich sogar mit den Planeten und
Galaxien verbunden bin. Es ist eine Art Bund, den ich damit erneuere,
etwas das mich erinnert an meinen "Platz in der Familie des Seins".
Dieses kurze Ritual verbindet mich mit meinen indianischen Brüdern
und Schwestern, wenn sie in den Ritualen singen Mitakuye Oyasin - Alle
meine Beziehungen. Es ist ein heiliges Gelübde zur Erinnerung, daß jedes
Individuum Teil eines Größeren ist als es selbst. Nicht nur verwandt
durch Blut oder Abstammung aus einer Linie, sondern verwandt mit allen
empfindenden Lebewesen im Universum. Was immer ich tue, denke, wähle,
hat Wirkung, was immer ich tue, hat Konsequenzen außerhalb von mir. Auch
kollektive Entscheidungen haben Folgen auch außerhalb von Parteien,
geographischen Grenzen oder kalendarischer Zeitmessung. Durch meine
Teilnahme oder Nichtteilnahme trage ich bei zu diesen Entscheidungen für
die Zukunft "all meiner Beziehungen" für alle Zeit.
Wir indigenen Amerikaner glauben, daß wir in unseren Entscheidungen
verantwortlich sind für die nachfolgenden sieben Generationen. Wenn nun
Plutonium 12500 menschliche Generationen benötigt bis es neutralisiert
ist, dann allerdings müssen wir weit über 7 Generationen hinausblicken.
Atem des Lebens - ich erinnere mich noch an mein Erstaunen als ich
lernte, daß wir alle, Menschen, Bäume, Käfer, dieselbe Luft atmen. Atmen
ist eines der wenigen Dinge, die alle Lebewesen gemeinsam haben. Es ist
der Atem, der uns vorurteilslos mit allen anderen Lebewesen verbindet
(Geburt und Tod ebenfalls). Die Luft, die wir atmen zirkuliert,
überwindet große Entfernungen aber nie verschwindet sie. Es ist schön zu
denken, daß man dieselbe Luft atmet wie Mutter Teresa oder Dalai Lama,
Franziskus, Jesus, .. oder wie die Urgroßmutter, die man nicht kannte.
Aber dann muß ich auch anerkennen, daß es dieselbe Luft ist, die
Hamas-Terroristen atmen und sie atmen auch meine Luft.
Das Wort für Atem ist in der Bibel auch der Ausdruck für den Heiligen
Geist - Ruah. Der Atem, der in und durch uns atmet, ist der Atem des
Geistes. Er gehört zu niemandem und zu allen. Er bindet uns
unwiderruflich aneinander. Atem ist unser gemeinsames Band. Einatmen,
ausatmen, dein Leben und mein Leben sind verbunden, unsere Leben sind
verknüpft mit allen Leben die vor uns waren und nach uns kommen werden.
Atem ist das dünne Band, das alles Sein erhält.
Richard Rohr, OFM,
Albuquerque, USA,
Zentrum für
Aktion und Kontemplation.
Aus: Radical Grace Nr. 5 1997