Die ganz andere

Von der mütterlichen Liebe Gottes

Wir sind gewohnt, nach dem Vorbild Jesu, Gott als "Vater" anzusprechen. Jesus sagt: "Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt." Gott liebt uns wie ein Vater - und wie eine Mutter.

Die Anrede "Gott, unsere Mutter" ist uns fremd, und manchen Menschen verursacht sie Unbehagen, weil wir sie mit den Muttergöttinnen der Heiden in Verbindung bringen. Aber das Bild von Gott als Mutter hat eine lange Tradition bis hin zu den alten Propheten.

Unsere Religion ist geprägt vom Bild des "Himmelvaters", eines gütigen alten Mannes mit einem langen weißen Bart. Das mütterliche Element ist in der landläufigen Vorstellung eher bei Maria anzutreffen. Aber dieses Bild von Gott als dem "Himmelvater" ist ein verengtes, reduziertes Bild. Es wird der Größe Gottes nicht gerecht, denn die übersteigt die menschliche Vorstellung: Gott ist unerwartet anders als wir denken. Wir können als Menschen nur in Bildern über Gott reden. Gott ist Person, aber er ist kein Mann; er vereint in sich Männliches und Weibliches, Väterliches und Mütterliches. So heißt es im ersten Kapitel der Genesis: Gott schuf den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. Das heißt: Mann UND Frau sind Ebenbilder Gottes, und so kann Gott umgekehrt in männlichen UND weiblichen Bildern sichtbar und erfahrbar werden. Nur in der Einheit von Mann und Frau ist der Mensch ein Abbild Gottes.

Die Bibel verwendet an vielen Stellen für Gott nicht nur das Bild des Vaters, sondern auch das einer Mutter. Der Prophet Hosea (8. Jh. v. Chr.) hat als erster die Zuwendung Gottes zum Menschen mit dem Wort "lieben" gekennzeichnet; und er hat uns Gott unter anderem als liebevoll sorgende Mutter vorgestellt (Hos 11): "Ich war für Israel da wie eine Mutter, die den Säugling an ihre Wange hebt und ihm zu essen gibt."

Und beim Propheten Jesaja spricht Gott (Jes 66,13): "Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich euch."

Mose vergleicht in einem Lied Gott mit eine Adlermutter und mit einer gebärenden und stillenden Frau (Dtn 32). An anderen Stellen wird uns Jahwe vorgestellt als Leben-gebend, fürsorgend, ernährend und Beziehung-stiftend - Eigenschaften, die wir aus unserer Erfahrung dem mütterlich-weiblichen Bereich zuordnen.

Auch die gängigen Übersetzungen des Gottesnamens Jahwe fallen in diesen Bereich: Eine mögliche ist "er/sie setzt ins Dasein", in der Einheitsübersetzung lautet die Erklärung "Ich-bin-da". Das Ich-bin-da ist eine Erfahrung des Säuglings mit seiner Mutter, die rund um die Uhr für ihr Kind da ist.

Das alte Testament verwendet das Bild von Gott als Mutter vor allem dafür, daß Gott die Menschen liebt, ohne daß sie dafür etwas leisten oder darstellen müssen. Es gibt in der Bibel das Bild von Gott als Mutter auch, wenn Gott sein/ihr Volk beschützt und dabei so wild engagiert ist wie eine Mutter, die ihre Kinder verteidigt. Es ist ein Bild für Gottes leidenschaftliche, unbeirrbare, tiefe und sorgende Liebe, die wir immer nur aus unserer begrenzten menschlichen Erfahrung heraus erklären und darstellen können.

In der Sixtinischen Kapelle im Vatikan gibt es ein berühmtes Fresko von Michelangelo, das Jüngste Gericht. Im Laufe der Jahre wurden einige nackte Figuren in diesem Fresko übermalt, weil sie als anstößig galten; das Fresko wurde schmutzig durch Ruß und Staub, und da niemand sich an den ursprünglichen Zustand erinnern konnte, wurde es (wie es war) als unvergleichliches Kunstwerk bestaunt. Vor einigen Jahren begann man, dieses Kunstwerk zu restaurieren. Es stellte sich heraus, daß unter dem Schmutz strahlende Farben zum Vorschein kamen. Das Ergebnis war anders als erwartet bunter, prachtvoller -, und der Papst präsentierte es der staunenden Öffentlichkeit.

Mit dem Bild von Gott als unserem Vater und unserer Mutter scheint es mir ähnlich zu sein. Auch in diesem Bild wurde vieles, besonders der mütterliche Teil Gottes, übermalt, weil es in einer bestimmten Zeit Anstoß erregt hat. In jüngerer Zeit haben sich Theologinnen bemüht, dieses Bild gleichsam zu säubern und von "Übermalungen" zu befreien, um zum ursprünglichen Gottesbild vorzustoßen. Dieser Restaurierungsprozeß ist noch im Gange, aber auch hier kann man sehen, daß das zum Vorschein kommende Bild bunter und vielfältiger ist als das gewohnte. Auch dieses Bild wurde von einem Papst dem Gottesvolk vorgestellt, nämlich von Johannes Paul I. Aus seinem Mund haben viele Menschen zum ersten Mal die Rede von "Gott, unserem Vater und unserer Mutter" gehört.

Wir wissen von Jesus, daß er Gott als seinen Vater angesprochen hat. Mit dieser Anrede wollte er die besondere Beziehung zu Gott, ein Vertrauensverhältnis zum Ausdruck bringen. Es geht nun nicht darum, Gott in einem Bild festzulegen, ihn einzusperren in einem Begriff, ihn vom Vater zur Mutter zu machen, sondern es geht um die Vielfalt! Gott ist der Ursprung aller Dinge, der Ursprung unseres Seins; er ist nicht faßbar und benennbar. Und doch bekennen wir uns als Christen und Christinnen zu einem persönlichen Gott, der/die zu uns in eine personale Beziehung treten möchte - und dies ist entscheidend.

Gott AUCH als unsere Mutter zu feiern, kann uns helfen, ein verengtes Gottesbild zu neuer Fülle aufzubrechen, und uns eine neue, vielfältigere Gottesbegegnung ermöglichen.

Andrea Mayerhofer
Aus der österreichischen Frauenzeitschrift
Welt der Frau 5/95



Zum Bild:
Frida Kahlo: "Die Liebesumarmung des Universums, die Erde (Mexiko), ich, Diego und der Herr Xólotl", 1949.

Die mexikanische Malerin Frida Kahlo (1907-1954) versuchte in diesem Bild die männlichen und weiblichen Elemente des Kosmos zum Ausgleich zu bringen. Licht und Schatten, Sonne und Mond und Frida Kahlo geborgen in den Armen der Erde. Die große tropfende Brust kann als Symbol des Weiblichen verstanden werden. In den Armen hält Frida Diego Rivera, ihren Ehemann, der ein zerstörerisches drittes Auge auf der Stirn trägt. Herr Xólotl, der vorne im Bild kauert, ist Fridas Hund. In der mexikanischen Mytholog ist Xólotl jenes Wesen, das das Reich der Toten bewacht.