Heiß diskutierte Fragen wie das Verbot der Empfängnisverhütung, die hierarchische Struktur der Kirche, die Art und Weise von Bischofsernennungen, der Ausschluss von Frauen und die Geschiedenen-pastoral hat der Schweriner Weihbischof Norbert Werbs schon bei der ersten europäischen Bischofssynode 1991 in Rom in Frage gestellt. Hier einige Auszüge aus dem autorisierten Text der Rede:
"Heiliger Vater! Brüder und Schwestern in Christus! Wir denken auf dieser Synode darüber nach, wie wir die Evangelisierung in den Ländern Europas fördern können. Es gilt, die Frohe Botschaft unverfälscht auszurichten, aber so, daß sie von den Menschen unserer Völker gehört und aufgenommen wird, und zwar als Frohe Botschaft. Diese Aufgabe ist nie endgültig gelöst. Die Kirche ist zu Gott immer unterwegs, in unterschiedlichen Zeiten, Völkern und Kulturen. Helfen wir uns dabei gegenseitig unter der Führung des Heiligen Geistes! Die Evangelisierung verlangt von der Kirche aber auch die ständige Selbstprüfung, ob sie den Menschen Lasten auferlegt, die ihnen die Frohe Botschaft verdunkeln und die der Herr nicht auferlegen würde. Zur Zeit der Apostel erkannte die Kirche, dass man den Heiden nicht die Last des jüdischen Gesetzes auferlegen dürfe, wenn sie sich zu Christus bekehren wollten. Diese Einsicht gewannen sie allerdings unter Schmerzen und Spannungen, waren doch die Apostel Israeliten, die in der Treue zum Gesetz lebten und die Frohe Botschaft als Juden aufgenommen hatten. Die Befreiung der Frohen Botschaft von geschichtlich, kulturell, philosophisch oder anders bedingten Lasten hat sich im Verlauf der Kirchengeschichte wiederholt. Sie wird sich im Verlauf der weiteren Geschichte fortsetzen und wohl immer mit Unsicherheiten und schmerzlichen Auseinandersetzungen verbunden sein. Die Kirche darf sich diesem Prozeß jedoch nicht entziehen, auch heute nicht. Sie soll die Frohe Botschaft ja zu allen Völkern in allen Zeiten tragen. Ich möchte deshalb auf einige Lasten aufmerksam machen, bei denen wir uns ernsthaft fragen müssen, ob sie so auferlegt werden dürfen. wie es gegenwärtig geschieht:
Die Völker Europas denken und empfinden zunehmend demokratisch. Unsere Kirche ist aber hierarchisch strukturiert. Wir sind davon überzeugt, dass dies unverzichtbar ist. Dennoch sollten wir uns aber die Frage stellen, wie die hierarchische Verfasstheit der Kirche eine echte Mitsprache und Mitentscheidung aller Kirchenglieder ermöglicht. Die vom Vaticanum II eröffnete Mitberatung empfinden viele aktive Katholiken als ungenügend. Haben sie damit unrecht? Was ließe sich bessern? (Auswahl)
Das Vaticanum II hat in Betonung des Priestertums aller Gläubigen die Verantwortung aller für das kirchliche Leben hervorgehoben. Bei der Erwählung eines neuen Bischofs aber empfinden immer mehr Katholiken, daß sie keinen Einfluß auf diesen wichtigen Vorgang nehmen können, obwohl es zur Zeit des heiligen Ambrosius anders war. Sie verstehen wohl, daß der neue Bischof in Einheit mit dem Papst stehen muß. Aber sie verstehen manche Bischofsernennung in den letzten Jahren nicht. Muss das so sein? Was ließe sich bessern? (Auswahl)
Das Vaticanum II betont zu Recht, daß die Abtreibung ein
verabscheuungswürdiges Verbrechen ist. Es sagt aber auch. daß die Eltern
in Verantwortung vor Gott und der Kirche Zahl und Zeitpunkt der Geburten
entscheiden dürfen. Müsste deshalb die Unterscheidung von verwerflicher
Abtreibung und vertretbarer Empfängnisverhütung in den Äußerungen des
Lehramtes nicht doch viel klarer erfolgen, als es bisher geschieht? Und
sollte man den Eltern nicht doch die Last der Unterscheidung von
natürlichen und künstlichen Formen der Empfängnisverhütung von den
Schultern nehmen? Ist diese Unterscheidung vom Evangelium gefordert? Ist
sie nicht eher die Folge einer bestimmten philosophischen Betrachtung?
(Auswahl)
Es ist keine Frage, daß die Kirche für die Unauflöslichkeit der Ehe einzutreten hat. Sie weiß sich dabei dem Wort des Herrn verpflichtet. Es ist aber die Frage, ob Christus mit den wiederverheirateten Geschiedenen so umgehen würde, wie es gegenwärtig in unserer Kirche vorgesehen ist. Viele sehen darin eher eine große Unbarmherzigkeit als ein Zeichen der Treue zu Christus. Muss diese Last tatsächlich so erhalten bleiben?
Wir erleben heute einen gewaltigen Schub der Frauenemanzipation. Er erfasst auch die Frauen in der Kirche. Sie nehmen zunehmend mit Unverständnis wahr, dass die Leitung der Kirche auf allen Ebenen in den Händen von Männern liegt. Stellen wir uns tatsächlich genügend ernst die Frage, ob dieses Ärgernis in Treue zu Christus erhalten bleiben muss? (Auswahl)
Als Verkünder der Frohen Botschaft sollen wir Zeugen der Freiheit sein zu der Christus uns befreit. Unsere Kirche wird aber von vielen als eine Kirche der Vorschriften, der Bevormundung und Gängelei empfunden. Ist das eine durch und durch falsche Sicht? Was können wir daran ändern? (Auswahl)
Ich weiß, dass ich mehr Fragen gestellt habe, als wir Antworten parat haben. Aber wir sollten für die Anfragen unserer Brüder und Schwestern und unserer Mitmenschen sensibel sein. Als Boten der Frohen Botschaft müssen wir ständig prüfen, welche Lasten wir im Namen Christi auferlegen müssen und welche wir von den Schultern der Menschen nehmen dürfen.
Aus: Spiegel vom 15.12.1991