Hubert Feichtlbauer zu Gast in Südtirol

Das Interview

Impulse von unten: Hubert, Du warst einige Tage auf Urlaub in Südtirol und kommst regelmäßig hierher. Was zieht Dich in unser Land und was findest Du hier?

Hubert Feichtlbauer: Seit rund 30 Jahren lassen meine Frau und ich kein Jahr verstreichen, ohne wenigstens für ein paar Tage nach Südtirol zu kommen. Anfangs war es Solidarität mit den Tirolern und Tirolerinnen südlich des Brenner in ihrem Kampf um Behauptung ihrer Identität, Feichtlbauer dann kamen persönliche Beziehungen zu Land und Leuten dazu (die Schönheit des Landes war immer ein Motiv), schließlich wuchs auch das Interesse am Funktionieren der "Paket"- Autonomie und ich glaube heute, dass diese auch anderen Ländern viel zu sagen hat.

Wie schätzt Du die derzeitige Situation der Kirche in Österreich ein?

Viele schwanken zwischen Ermüdung ("Genug gestritten, hilft ohnehin nichts") und Ungeduld ("Wann drängen wir endlich weiter?"), aber ich meine, man muss hinsichtlich des Zeitpunkts von Aktionen auch einmal warten können. Der nächste Zeitpunkt kommt bestimmt. Der Trend in die Richtung, in die alle unsere Forderungen weisen, ist ein unverkennbarer Trend in unserer Kirche überall. Ein nächster Papst wird sich auch seitens traditionalistischer Bischöfe der starken Forderung nach Teilung von Macht und Verantwortung gegenübersehen.

Wo siehst Du Chancen, einen Reformprozeß einzuleiten oder findet er bereits statt?

Auf allen Kontinentalsynoden der letzten Jahre (Amerika, Asien, Ozeanien) wurde die Anwendung des Prinzips der Arbeitsteilung (Subsidiarität) auch innerhalb der Kirche lautstark verlangt. Überall kamen Pflichtzölibat und Sexualität überhaupt zur Sprache - das kann kein Zufall sein, da setzen alle Reformgruppen den Hebel an, hier wird die nur noch scheinbar starke Abwehrfront eines Tages rasch zusammenbrechen.

Wann wird die Reform der Kirche greifen, damit die Kirche ihrem eigentlichen Auftrag wieder gerecht werden kann?

Wann dieser Zeitpunkt ist, kann wohl niemand präzise voraussagen. Ich glaube aber, dass ein künftiger Papst (vielleicht noch nicht der nächste, aber bald einer) nur ein Zeichen setzen, ein Signal geben müsste (z.B. Verzicht auf den Titel "Heiliger Vater" oder ein Antrittswort in Richtung Subsidiarität) und schon würde das eine Reformwoge auslösen, die nicht mehr so ohne weiteres zu stoppen wäre. Das ist der Vorteil einer Papstkirche: dass sie flexibler ist und Änderungen plötzlich rasch vor sich gehen können.

Was würdest Du resignierten Gläubigen sagen, die der Kirche den Rücken zukehren wollen, auch wenn sie dort lange Zeit mitgearbeitet haben?

Ich respektiere jede(n), der (die) ihrerseits auch ein solches Zeichen setzen möchten: "Jetzt reicht´s mir!" Aber ich rate dringend davon ab: Austreten ist jetzt nicht das richtige Signal, "Auftreten" (der Papst selbst wählte diese Parole bei seinem dritten Österreich-Besuch) ist es. Um die Kirche zu ändern, muss man von innen heraus an ihr arbeiten, nicht von draussen hineinrufen. Ein bisschen Geduld und "langen Atem" müssen wir schon haben. Von diesem alten Papst, der viel für die Kirche geleistet, aber disziplinär auch viel verdorben hat, ist eine neue Initiative nicht mehr zu erwarten. Aber von einem neuen!

Du bist nunmehr seit fast einem Jahr Vorsitzender der Plattform? Welches waren Deine guten und deine unguten Erfahrungen?

Gute Erfahrungen sind der Idealismus aller Mitglieder, ihre Einsatzbereitschaft, das erkennbare Bemühen um humane Umgangsformen und die Gewissheit internationaler Solidarität, die weit größer als vermutet ist. Negative Erfahrungen sind, wenn man so will, die vielen zugeflüsterten Ermunterungen von Personen, die sich öffentlich bedeckt halten möchten. Manchmal ist es schlicht und notwendige Feigheit, oft leider halt auch Ausdruck noch immer bestehender Abhängigkeitsverhältnisse innerhalb kirchlicher Institutionen. Christenmenschen hat Gott "zur Freiheit berufen" (Gal. 5,13).

Was sind Deiner Meinung nach die Erfolge und Verdienste des Kirchenvolksbegehrens?

Das Kirchenvolksbegehren hat ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Systemlogik kritische Punkte kirchlicher Fehlentwicklungen thematisiert und damit, wie alle Reaktionen zeigen, ins Schwarze getroffen. Jetzt gilt es, diese Diskussion am Leben zu erhalten, ihre Verdrängung zu verhindern und im geeigneten Augenblick genug Druck zu machen, damit sich die Erneuerung unserer katholischen Kirche entfalten kann. Sie ist unvermeidlich geworden und daher nicht mehr auf Dauer aufzuhalten.

Bis zum 23. Oktober findet die europäische Bischofssynode in Rom statt? Was erwartest Du Dir davon? Hast Du Befürchtungen?

Die Analyse der Situation im Instrumentum Laboris ist ziemlich realistisch und ungeschminkt gehalten, auch wenn so gut wie jede ernsthafte Selbstkritik fehlt. Herauskommen wird, so ist zu befürchten, ein Therapievorschlag, der bei allen anderen ansetzt, aber nicht bei der Kirche selbst. In diesem Fall wäre eine weitere Chance vertan worden. Ich würde mir wünschen, dass wenigstens einige Bischöfe Europas so mutig wie jene Amerikas, Asiens und Ozeaniens auftreten und vom Vatikan mehr Einsicht und Demut verlangen. Die Demütigung der deutschen Bischöfe durch den Papst in der Frage der Schwangerenkonfliktberatung war eine peinliche Anmaßung, bei der es nie um Wahrung des Glaubens, sondern nur um Macht ging: "Wir in Rom wissen besser, was pastoral für Deutschland gut ist als ihr..."

Du hast im Frühjahr ein Buch mit dem Titel: "Zerbricht die Kirche? Antworten eines Zuversichtlichen" herausgegeben. Was wolltest Du damit bewirken?

Aufzeigen wollte ich, dass Traditionalisten heute nicht die Urkirche, sondern das Erscheinungsbild der Kirche im späten 19. Jahrhundert verteidigen. So vieles hat sich in der Kirchengeschichte grundlegend geändert- niemand braucht Sorge zu haben, dass weitere Änderungen zum Zusammenbruch der Kirche führen. Im Gegenteil: Nur sinnvolle Flexibilität im Detail garantiert Stabilität im Ganzen!

Herzlichen Dank!

ICH DANKE AUCH!

Interview: Robert Hochgruber