Priestertum im Hebräerbrief?

Zum Leserbrief von Dr. Johann Mayr (Impulse 2/99)

In meinem Buch "Worauf es ankommt. Wollte Jesus eine Zweistände-Kirche?" fasse ich am Schluss (S. 113f) das Ergebnis in 10 Punkten zusammen. Der Einwand von Dr. Mayr richtet sich gegen Punkt 4, der lautet:

Mit keinem Wort deutet Jesus an, daß er in seiner Jüngerschaft ein neues Priestertum und einen neuen Opferkult wollte. Er selbst war nicht Priester, auch keiner der "Zwölf", keiner der Apostel, auch nicht Paulus. Ebensowenig soll es nach den übrigen Schriften des Neuen Testaments ein neues Priestertum geben.

Dr. Mayr meint, ich kenne den Hebräerbrief nicht oder rechnete ihn am Ende gar nicht zu den heiligen Schriften des Neuen Testaments - eine gegenüber einem Bibelwissenschaftler erstaunliche Unterstellung. Überdies entsprächen meine Ausführungen größtenteils dem, "was im Protestantismus praktiziert wird" - eine sehr globale Aussage, die im einzelnen zu belegen wäre. Im übrigen ist bekanntlich, "was im Protestantismus praktiziert wird", nicht alles falsch. Entscheidend ist, ob eine Praxis mit der Bibel übereinstimmt oder nicht. Zum Hebräerbrief:

Er galt in der katholischen Tradition in der Tat als gewichtige Rechtfertigung und Begründung des neutestamentlichen Priestertums. Das Gegenteil trifft zu: der Hebräerbrief ist durch und durch "unpriesterlich". Für ihn gibt es nach Christus kein Priestertum mehr und kann es keines mehr geben. Die Adressaten des Briefes, die "Hebräer", waren Christen, die aus dem Judentum gekommen waren und mit ihrem Herzen noch immer am jüdischen Tempelkult hingen. Ihnen will der Verfasser zeigen, dass Christus diesem Opferkult für immer ein absolutes Ende gesetzt hat. Wie ungenügend diese Tempelopfer waren, zeigt sich allein schon darin, dass sie stets wiederholt werden mussten und dass deshalb auch die Priester sich ständig ablösten. "Jeder Priester steht zwar täglich da und verrichtet den Gottesdienst und bringt immer wieder dieselben Opfer dar, die doch die Sünden niemals völlig hinwegnehmen können." (Hebr 10,11). Selbst die Hohenpriester lösten einander ab, keiner war der für immer Bleibende. Erst Christus hat durch das Opfer seiner selbst die Erlösung gebracht und bleibt Hoherpriester für immer: "Jene sind in der Mehrzahl Priester geworden, weil sie durch den Tod verhindert wurden zu bleiben. Er aber hat, weil er in Ewigkeit bleibt, ein unvergängliches Priestertum" (7,23f). Jesus ist ein für allemal der letzte Hohepriester, der sein Priestertum aber nicht mehr auf Erden, sondern im Himmel ausübt.

Man hat zwar in der christlichen Tradition gesagt, Jesus übe sein Priestertum auf Erden durch menschliche Priester aus. Davon weiss jedoch der Hebräerbrief nichts. Im ganzen Brief ist nie von christlichen Priestern die Rede. Die Gemeinde wird auch nicht von solchen geleitet, sondern von "Vorstehern", die vor allem für die Wortverkündigung zuständig sind (13,7), denen aber keine kultischen Funktionen zugeschrieben werden. In der Gemeinde, an die sich der Hebräerbrief richtet, gab es todsicher keine Priester, und auch eine Eucharistie wird nie erwähnt. Der ganze Brief erweckt den Eindruck, wir hätten es mit einer Gemeinde ohne Eucharistie und ohne Priester zu tun. Ob man eine solche Gemeinde "protestantisch" nennen will, ist eine Ermessenssache.

Univ. Prof. Dr. Herbert Haag, Luzern