Wojtylas Kirche redet viel, hört aber nicht zu

Harte öffentliche Anklagerede der Comboni-Missionare:

"Wir erleben gerade eine Zeit großer Spannungen in der Kirche, vor allem was das Verhältnis zwischen Mitte und Peripherie betrifft, d.h. zwischen Rom, dem Papst, seiner Art, die Kirche zu leiten und den lokalen Kirchen in den einzelnen Kontinenten". So beginnt ein Artikel aus "Nigrizia" (Juli-August '99) von Pater Franco Pierli, Comboni-Missionar und Oberer der Kongregation in der Zeit, in der Alex Zanotelli aus der Leitung der Zeitschrift entlassen wurde. In diesem Zusammenhang liest der Autor di Lineamenta, die der Vatikan für die 10. Vollversammlung der Bischofssynode vorbereitet hat und den Titel "Der Bischof als Diener des Evangeliums von Jesus Christus für die Hoffnung auf der Welt". Der Autor geht von den gleichen Vorstellungen wie viele einfache Laien aus, die z.B. in der europäischen Bewegung "Wir sind Kirche" vereinigt sind, über die Zentralisation der römischen Kirche: "Mehr als eine Auflehnung gegen das Amt des Papstes, meint Pierli, handelt es sich um ein deutliches Unbehagen in Bezug auf dessen Ausübung, welche dazu neigt, die Bischofskonferenzen zu übergehen und unterzuordnen". Auch "die aktuelle Vorgangsweise bei der Wahl der Bischöfe hat" in allen Kontinenten "Spannungen und Proteste bei Geistlichen und Laien hervorgerufen, deren Ansichten zur Wahl der Kandidaten ignoriert oder widersprochen worden sind. Warum wird, fragt sich Pierli, diese ganze Problematik, die "Gefahr läuft, die Entfremdung von der Kirche erheblich zu steigern, im Dokument nicht wahrgenommen?". Das Problem liegt im Wesentlichen im "Verhältnis Kirche-Welt", das man aus den Lineamenta entnehmen kann.

Dort wird das Weltbild "in seinen negativen Seiten betont, man wird in die Zeiten vor dem Konzil zurückversetzt, in denen die ganze Wahrheit in der Kirche lag und nur Fehler und Finsternis in der Welt". Die Liste der Zeichen der Hoffnung in der heutigen Welt, die man im ersten Kapitel vorfindet, ist nämlich kurz im Vergleich zur Liste der Fehler und Sorgen. Mehr noch: Das "starke Stück der Lineamenta" betrifft das, was die Kirche der Welt gibt, während der "Schwachpunkt, der eigentlich völlig fehlt, das betrifft, was die Kirche von der Welt bekommt". Darüberhinaus wäre das, was sie auf sozialer, politischer und kultureller Ebene vom vertikal ausgerichteten Schema der Machtstruktur aufnehmen könnte schon veraltet: "Warum versteht die Kirche diesen Beitrag der Weltöffentlichkeit nicht als deutlichen Trend zu einer aktiven Beteiligung am Verhältnis zwischen Gläubigen und Hierarchie?"

Aber die Theologie der vatikanischen Kirche hat beim II. Konzil "die Auffassung des Bischofamtes tiefgreifend geändert und aus jedem Bischof die sichtbare Anwesenheit Christi statt eines einfachen Vertreters des Papstes gemacht". Der Aufruf zur "Papsttreue", welche die Bischöfe verbreiten, verteidigen und zu der sie ihren Beitrag leisten sollen, "ist ausgesprochen übertrieben und schränkt die Originalität der einzelnen Bischöfe sowie der Bischofskonferenzen ein". Außerdem war es "in einer pyramidalen und sakralen Weltanschauung, in der die Autorität als Verkörperung des Göttlichen angesehen wurde, selbstverständlich, dass die Lehre von oben nach unten erfolgen musste: Aufgabe der Hierarchie war es, zu unterrichten, während das Volk zuhören und gehorchen musste". Doch "in der heutigen Welt haben die Völker eine Stimme, die die Autorität nicht ignorieren kann und darf. Der Beitrag der Laien zur Ausübung des Amtes der Bischöfe ist nicht nur theologisch erforderlich, sondern auch soziologisch und kulturell unausweichlich".

Und außerdem: "Die Lineamenta ignorieren völlig, dass die Bischöfe, um unterrichtende Kirche zu sein, in erster Linie dem Wort Gottes zuhören sowie aus den Ereignissen der Geschichte und der Völker lernen müssen. Indem sie die Stimme des Kirchenvolkes ignorieren, riskieren sie, ihre Macht zu missbrauchen und vernachlässigen einen wesentlichen Teil ihres Amtes. Das Dokument betont immer wieder die Pflicht zu lehren, nie diejenige, zuzuhören; das Zuhören und Teilnehmen, dort wo Mitglieder christlicher Gemeinschaften ihre Stimme ausdrücken und hören lassen können, nimmt einen unbedeutenden Raum ein, die Pflicht des Bischofs, zuzuhören, wird völlig vernachlässigt". Doch dies ist noch nicht alles. "Warum ist die Unterordnung der Bischöfe dem Heiligen Geist so schwach? Warum wird die Aufgabe, den Einfluss des Geistes in der Geschichte, der sich menschlicher, soziologischer, anthropologischer und auch biblischer Mittel bedient, ignoriert?".

Im Kapitel, das der missionarischen Dimension des Episkopates gewidmet ist, sind ebenfalls Schwächen und Unterlassungen zu verzeichnen. "In erster Linie die Vernachlässigung der Inkulturation (...), die gerade heute von größter Dringlichkeit in allen Kontinenten ist", während "wir sagen können, ohne befürchten zu müssen, widerlegt zu werden, dass die Inkulturation des Evangeliums in keinem Kontinent stattgefunden hat". Es fehlt auch ein positiver Bezug zum lokalen Amt des Bischofs in seiner Diözese, während sich "ein gewisses Unbehagen von Seiten Roms gegenüber der Bischofskonfernzen und deren Art, ihre Dienste in den einzelnen lokalen Kirchen auszuüben, bemerkbar macht". "Die römische Kirche zieht immer mehr alles an sich", und in diesem Zusammenhang "ist es bezeichnend, dass von den ad limina Besuchen, die einen starken Kontrollcharakter haben, im Osservatore Romano nur das erscheint, was der Papst den Bischöfen sagt", nie jedoch der Reichtum der lokalen Kirchen. All das, meint Pierli abschließend, ist "erniedrigend". Den letzten Kritikpunkt reserviert der Missionar der Demokratie: "Die Behauptung, dass die Kirche keine Demokratie ist, kann die Kirche nicht davon entheben, darüber nachzudenken, wie die aktuellen Erfahrungen der menschlichen Gesellschaft die Ausübung der Macht beeinflussen und unterstützen müssen". Sonst "handelt man außerhalb der Geschichte, aus Mangel an Mut, von der Welt, dem Ort der Offenbarung Gottes, zu lernen, neben den anderen Quellen. Dies war nämlich eine der mutigsten und innovativsten Aussagen des II. Vatikanischen Konzils".

Adista, 11. September 1999
Übersetzung: Francesco Agnoli