Apostelgeschichte 27

Hoffnungsgeschichte

Gestatten Sie, ich bin eine Schiffsplanke, einstmals Bestandteil eines mächtigen Kreuzers, jetzt Strandgut, angeschwemmt an ein unbekanntes Ufer.

Ich kann es immer noch nicht fassen. Dabei war mein Schiff mitsamt seinem Kapitän felsenfest davon überzeugt gewesen, allen Stürmen zu trotzen und gefährliche Klippen geschickt umsegeln zu können. Vom Steuermann bis zum Schiffsjungen, alle gehorchten treu seinem Kommando. In letzter Zeit allerdings gab es Anzeichen von Meuterei, denn allzuviele Lecks waren am Rumpf sichtbar geworden. Die Befehlshaber verbannten die Meckerer kurzerhand auf einsame Inseln.

Aber was weiß schon eine krumme Schiffsplanke wie ich von den Strategien eines Kommandanten und von der Seetüchtigkeit seines Schiffes.

Nie werde ich den Tag vergessen, an dem der Kapitän die Sturmwarnung der Wetterkundigen in den Wind schlug. Sie wurden als Rebellen beschimpft und ein heimliches Dekret von höchster Stelle verbot sogar den Kontakt mit diesen Unheilspropheten. Der Kapitän ließ die Anker lichten und segelte ins offene Meer.

Bald brach ein eisiger Sturmwind los. Was sage ich, ein wütender Orkan fiel über uns her, wie ich ihn in meinem Plankendasein noch nie erlebt hatte. Lähmende Angst machte sich breit. Die verzweifelten Versuche, das Steuer herumzureißen und zurück in den rettenden Hafen zu gelangen, scheiterten. Den Reisenden schwand jede Hoffnung auf Rettung. Mitten im Chaos bemerkte ich einen merkwürdigen Passagier. Er sprach von Mut und Vertrauen, nahm seinen Brotvorrat, lud die Hungrigen ein und teilte mit ihnen.

Nach langen Tagen der Ungewißheit entdeckten wir Land. Der Wind trieb uns mit hoher Geschwindigkeit auf das Ufer zu, der Bug bohrte sich mit einem heftigen Ruck in den Sand. Zu allem Unglück begann das Heck in der Brandung zu zerbrechen. Eine starke Welle riß mich weg von meinem Schiff. Verzweifelt sprangen die Passagiere über Bord. Sie klammerten sich an Wrackteile und ließen sich mit der Strömung an Land treiben.

Ja, da liege ich nun, und lasse mich von der Sonne trocknen. Zu meinem und Eurem Trost: Sie wurden alle gerettet. Gar alle. Ein neues Land erwartet sie und vielleicht auch ein neues, seetüchtiges Schiff. Was soll`s. Schiffe sind nicht um ihrer selbst willen da, auch wenn sie noch so prächtig und stolz aussehen - meint Eure kleine Schiffsplanke nach Apg 27.

Elisabeth Hämmerle,
Sprecherin von KIRCHE SIND WIR ALLE,
Vorarlberg