Es war eine kleine Gruppe, die sich am Palm-Samstag in Schabs zusammenfand, um den literarischen Kreuzweg zum Urlaubsstöckl mitzugehen. Elisabeth Agnoli hatte dafür Gedichte von Christine Lavant ausgewählt. Sie trug diese frei vor und unterstrich und vertiefte deren Aussage mit ausdruckstarken Gesten und einfühlsam ausgewählten Symbolen. Der Weg von einer Statio zur anderen wurde schweigend zurückgelegt; im Gehen konnte das Gehörte bedacht, die Betroffenheit bewältigt werden.
Wer, wie ich, nur den Namen der Dichterin aus Kärnten kannte, und nichts von ihrem Leben und Werk wußte, war von der Aussagekraft ihrer Gedichte überrascht und tief betroffen. Es sind dies erschütternde Zeugnisse einer leidvollen Existenz, die von Kindheit an durch Krankheit und Armut auf der Schattenseite angesiedelt war und die von ihrem Dichten sagte: "Kunst wie meine, ist nur verstümmeltes Leben, ..." Die Gedichte sind vielfach ein verzweifeltes Beten, das ins Leere zu gehen scheint, ein Schrei nach Gott und ein Hadern mit ihm "im Zustand der wildesten Hoffart und des zornigsten Mutes", wie sie selbst sagt, das sich bis zur gotteslästerlich klingenden Anklage steigert. Biblische Bilder und Motive tauchen auf, allerdings gebrochen und verfremdet, in neue, fast peinigende Zusammenhänge gestellt. Gleich wie die Propheten Gott als abwesenden oder als unzuverlässigen Trugbach erfuhren und anklagten, klagt auch Christine Lavant:
Du hast meine einfachen Wege durchkreuzt und mich am Kreuzweg allein gelassen in einer unmenschlichen Landschaft.
Mißtrauen gegen religiöse Vertröstungen und Floskeln wird laut:
Sag nicht, so viele hätten schon das gleiche
mit deiner Hilfe herrlich überstanden
und wären fromm und Heilige geworden.
... Gott, sag das nicht nach,
sag keins der lauen Worte deiner Frommen!
Ich will ja nicht in ihren Himmel kommen!
Fraglos geübte religiöse Zeichen werden in Frage gestellt und aufgrund eigener Leiderfahrung als unerträglich abgelehnt:
Du hast meine einfachen Wege durchkreuzt. Ich werde mich niemals wieder bekreuzen, so bitter schmerzt mich dies Zeichen.
Christine Lavant, eine Schwester Ijobs, rechtet mit Gott, lehnt sich gegen ihn auf, vergleicht ihn in verzweifeltem Protest mit einem Werwolf. Im Gedicht "Kreuzzertretung" klingt geradezu blasphemischer Hohn durch:
... und der Herr, - er ließ sich stellvertreten - sitzt versponnen bei den ganz Vertrauten.
Dennoch scheint Versöhnung und Heilung möglich, wartet sie, daß die Freude auch vor ihrer Tür steht:
Ehe sie eintritt, muß ich die Münzen der Stillung auf die Augen aller Kränkungen legen und ihnen gänzlich vergeben haben erschütterten Herzens.
Selten erfährt die Dichterin Tröstung. Dann aber verstummt die Klage und wandelt sich in innig-schlichtes Gebet:
Hab dich lange nicht gefunden, Hilfe meiner Abendstunden, hab nicht mehr gedacht, daß ich soll getröstet werden hier auf Erden. Kann die schwerste Nacht nun kommen, so in deine Hand genommen bleib ich dennoch heil.
Die Intensität der Gedichte Christine Lavants und der Art und Weise, wie Elisabeth sie vortrug, ergriff auch uns und ließ uns diesen Kreuzweg tiefer erleben, als fromme Gebete dies vermocht hätten. Wir verstanden, was Kurt Marti meinte, wenn er schrieb: "Vielleicht hält Gott sich einige Dichter, ... damit das Reden von ihm jene heilige Unberechenbarkeit bewahre, die den Priestern und Theologen abhanden gekommen ist." Zugleich wurde mir bewußt, daß, von Lea und Rahel bis zu Christine Lavant, immer auch Frauen Gottesstreiterinnen waren, die, nicht anders als Jakob, aus dem Ringen mit Gott als Gesegnete und Verwundete hervorgingen.
Brigitte Siller-Grießmair