Die römische Instruktion über die "Mitarbeit der Laien am Dienst der Priester" sagt ganz richtig, daß alle Glieder der Kirche am einzigen und unteilbaren Priestertum Jesu Christi teilhaben. Dann aber betont sie, daß es neben diesem gemeinsamen Priestertum aller Getauften ein "Amtspriestertum" gibt, und führt dieses auf Jesus Christus zurück.
Im ganzen Neuen Testament aber ist, wie jeder leicht nachprüfen kann, von einem Amtspriestertum nirgends die Rede. Zwar hat Jesus den 12er Kreis gebildet, als sichtbares Zeichen, daß er das 12 Stämme-Volk Israel erneuern und zu seiner ursprünglichen Sendung zurückführen wollte. Daraus ein Amtspriestertum abzuleiten, dem allein "das Recht zu lehren, zu heiligen und zu leiten" zusteht, und das Ganze als Stiftung des historischen Jesus - also zu Lebzeiten Jesu - hinzustellen, steht in klarem Widerspruch zum Evangelium.
Wenn aber die römische Instruktion sagt: "Man darf das Weihepriestertum nicht später ansetzen, so als könnte deren Gründung ohne das Priestertum verstanden werden", dann ist das schlicht und einfach falsch. Wann beginnt denn bei denen die kirchliche Gemeinschaft, wenn bei deren Gründung schon ein Priestertum vorhanden sein soll? Seltsam, seltsam!
Jesus hat Jünger gesammelt und sie gesendet, den Menschen das Heil zu bringen: das Reich Gottes anzukündigen, die Kranken zu heilen, die Dämonen auszutreiben und die Toten aufzuwecken.
Zuerst also war die Jüngergemeinde und ihre Sendung. Von Ämtern und Diensten war da noch keine Rede. Wohl aber davon, daß innerhalb dieser Jüngergemeinde etwas sichtbar, erlebbar sein müsse von dem "Heil", das sie anderen ankündigen und bringen sollte, wie das im Strahlungsbereich Jesu sichtbar gewesen war. Aber daß "das Amtspriestertum notwendig ist für die Existenz der Gemeinde als Kirche", wie die Instruktion sagt, ist blanker Unsinn.
Oder weiter: "Wenn in der Gemeinde kein Priester vorhanden ist, dann fehlt der Dienst Christi, des Hauptes und Hirten" - eine schamlose klerikale Anmaßung! Der Heilsdienst, also der Dienst Christi, war und ist Dienst der ganzen Gemeinde und keineswegs nur der Priester, die es in den ersten Jahrhunderten in der heutigen Form gar nicht gegeben hat - und das waren die missionarisch weitaus wirksamsten Jahrhunderte der ganzen Kirchengeschichte!
Wie ist es dann mit den Priestern?
Damit will ich die Entstehung des Amts- und Weihepriestertums im 2. oder 3. Jahrhundert keineswegs als Fehlentwicklung hinstellen. Wenn ich überzeugt bin, daß Jesus als der Auferstandene, den Gott zum Herrn und Christus gemacht hat, weiter in der Kirche wirkt, dann spielt es ja keine Rolle, ob etwas schon vom historischen Jesus oder erst vom Auferstandenen angeordnet bzw. bewirkt worden ist.
Nicht wie Jesus die Kirche gewollt hat, ist entscheidend, sondern wie er die Kirche heute will. Und die Kirche, die Jesus will, hat zu jeder Zeit das Recht, Dienste und Ämter zu schaffen, die sie zur Erfüllung ihrer Sendung braucht, und kann sie ebenso wieder ändern oder abschaffen, wenn sie der Erfüllung ihrer Sendung eher im Wege stehen. So hat die Kirche, als die Gemeinden immer größer wurden und die Gefahr der Spaltung durch Irrlehren drohte, Priester zu Helfern bzw. Stellvertretern des Bischofs eingesetzt, "geweiht". Ihre Aufgabe ist der Dienst an der Einheit.
Und weil es ihre Aufgabe ist, die Einheit innerhalb ihrer Gemeinden und ebenso die Einheit ihrer Gemeinde räumlich mit der ganzen über den Erdkreis hin verbreiteten Kirche und zeitlich bin zurück mit der Kirche des Anfangs zu gewährleisten, ist ihr Amt eines, das nicht von der Gemeinde, sondern nur von der Gesamtkirche, vertreten durch die Person des Bischofs, besetzt werden kann. Das unterscheidet das Amt und den Dienst des Priesters von allen anderen Diensten, die die Gemeinde selbst nach Bedarf schaffen und vergeben kann.
Der Heilsdienst selbst aber, die "Seelsorge", ist Sache der Gemeinde. Wenn in dem römischen Papier schon im Titel und auch im weiteren Text ständig die Rede ist von der "Mitarbeit der Laien am pastoralen Dienst des Klerus", dann ist das in Wirklichkeit genau umgekehrt: Der Priester ist der Mitarbeiter am pastoralen Dienst der Gemeinde! Das heißt, die Aufgabe des Priesters ist es nicht, sich aus der Gemeinde Helfer für seinen Dienst zu suchen, seine Aufgabe ist es, der Gemeinde zu helfen, den Heilsdienst als ihre eigene Aufgabe zu erkennen und zu erfüllen. Tun was der Herr will, ist kein Mißbrauch!
Aber das Fürchterliche an dieser Instruktion ist, daß sie es einen Mißbrauch nennt, wenn eine Gemeinde den pastoralen Dienst als ihre eigene Aufgabe erkannt hat: Die frohe Botschaft verkündet, Gottesdienst feiert, die Menschen zum Glauben führt...
"Wo aber solche die Grenzen mißachtende Praktiken sich schon ausgebreitet haben, darf ein verantwortungsbewußtes Einschreiten der zuständigen Autorität absolut nicht aufgeschoben werden." So die Instruktion.
Wie geht doch schnell der schöne Witz? "Jesus sagte: ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen, und wie wünschte ich, es loderte schon empor! Aber kaum, daß dieses Feuer des Heiligen Geistes irgendwo zu brennen angefangen hat, kommt schon die vatikanische Feuerwehr und löscht es." Das war schon immer so. Als Mose auf Weisung Jahwes 70 Helfer auswählt und Jahwe seinen Geist auf sie legt, kommt der Geist auch über zwei, die gar nicht hingegangen waren zu dieser "Priesterweihe" und nun zu tun beginnen, was sie doch gar nicht dürfen. Josua kommt ganz aufgeregt und empört (wie die Kurie) zu Mose und sagt: "Herr, wehre es ihnen!" Mose sagt aber: "Wenn nur das ganze Volk des Herrn zu Propheten würde, wenn nur der Herr seinen Geist auf sie alle legte!" Genau das verheißt ein paar Jahrhunderte später Gott durch den Propheten Joel: "Ich werde meinen Geist ausgießen über alles Fleisch...", und beim Pfingstfest in Jerusalem nach der Auferweckung Jesu, als der Heilige Geist über alle Jünger kommt, stellt Petrus fest: Jetzt ist in Erfüllung gegangen, was Gott durch den Propheten Joel verheißen hat.
Jetzt sind also alle Geistliche! Es gibt nicht Geistliche und Laien, es gibt keine Zwei-Stände-Gesellschaft in der Kirche. Aber das alles ist anscheinend noch nicht bis in die Kurie gedrungen. Sie lesen nicht die Bibel und lernen nicht aus der Kirchen- geschichte: Im Evangelium vom 2. Adventsonntag hören wir: Da erging der Ruf Gottes an Johannes, des Zacharias Sohn, in der Wüste. Gott ruft den Johannes - einen Laien! Er hat keinen kirchlichen Auftrag. "Wieso taufst du dann? fragen sie ihn auch empört. Einige Jahrhunderte später ruft Gott Franz von Assisi, den Kaufmannssohn und Playboy, einen Laien, und gibt ihm den Auftrag, seine Kirche zu erneuern. Ach, der Beispiele sind viele: Und der Beispiele dummer, geradezu grotesker und peinlicher Aussagen im kirchlichen Papier aus Rom auch. Aber, was tut`s?
Der Mensch denkt - und Gott lenkt.
Die Kurie dachte - und Gott lachte.
Pfarrer Dr. Helmut Blasche,
Schwechat bei Wien
Aus: CURSILLO, Evangelium heute, März 98