Eine zentrale Forderung des Kirchenvolksbegehrens, das vor zweieinhalb Jahren in Südtirol mit einem Ergebnis von über 18.000 Unterschriften durchgeführt wurde, war der Aufbau einer geschwisterlichen Kirche im Sinne von Gleichwertigkeit aller Gläubigen und Überwindung der Kluft zwischen Klerus und Laien. Ebenso wurde Mitsprache und Mitentscheidung bei Bischofsernennungen und darüber hinaus angemahnt.
Der 2. Herdenbrief greift diese Thematik konkret auf. Die Herde, also das Kirchenvolk, meldet sich wieder mit einem Brief an den Hirten (den Bischof) zu Wort. Dieser Brief (nach jenem über die Sexualität) nennt sich "Macht Kirche". Der Name ist bewußt zweideutig gewählt. Einerseits wird darauf verwiesen, daß sich alle Gläubigen an der Glaubensgemeinschaft beteiligen müssen und sie damit erst zur Kirche "machen". Andererseits sollen die Machtstrukturen in der Kirche hinterfragt werden. Eine Reform der Kirche ist angesagt. Die Geschwisterlichkeit, d.h. eine demokratische Einstellung soll dabei die Grundhaltung sein.
In bunter Vielfalt zeigt der Herdenbrief in einem Lesebuch, das die Gruppe des Kirchenvolksbegehrens der Steiermark ("Wir sind Kirche" Österreich) redigiert hat, viel Kirchenkritik, aber noch mehr Anregungen zu einer Kirchenbildung. Er fordert auf der Grundlage der biblischen Botschaft und des Zweiten Vatikanischen Konzils Strukturreformen der Kirche. Der innerkirchliche Dialog soll durch diesen Brief einen tatkräftigen Impuls erhalten.
Wenn in der Gesellschaft Demokratie angesagt ist, kann sie in der Kirche auf lange Sicht nicht verweigert werden. Das betonte Bischof Gargitter bereits 1984. Bischof Egger sprach 1996 von einem nötigen Demokratieschub in der Kirche. Die konkrete Verwirklichung dieser Anliegen soll nun verstärkt in Angriff genommen werden.