Gedanken über den Karfreitag hinaus

Jesu Tod - Gottes Wille?

Miteinander Karfreitag bedenken - beten - singen - erleben - Jesu Spuren nachgehen - seine Träume deuten - eine "andere" Liturgie feiern

Unter diesem Motto feierten wir am Karfreitag einen Wortgottesdienst. Die folgenden Überlegungen bildeten dabei den Einstieg und führten in aller Kürze in das Thema ein (1).

Schwierigkeiten mit Kreuzestheologien

Der Kreuzestod Jesu wird in vielen liturgischen Texten und theologischen Deutungen als Teil der Heilsgeschichte Gottes mit der Welt verstanden (2). Gott selbst ist der Initiator, der aus Liebe zu den Menschen seinen Sohn zum Kreuzesopfer dahingibt. Der Tod Jesu am Kreuz wird in diesem Verständnis zum Ziel des Lebens Jesu, er erscheint als von allem Anfang an von Gott selbst vorprogrammiert. Jesu Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes wird als Einverständnis mit diesem "Heilsplan" gesehen, mit dem die Erlösung der Menschheit verbunden ist. Vielfach erscheint das Kreuz "innerhalb eines Mechanismus des beleidigten und wiederhergestellten Rechtes. Es wäre die Form, wie die unendlich beleidigte Gerechtigkeit Gottes mit einer unendlichen Sühne wieder versöhnt würde." (3)

Ein solches Verständnis läßt mit Recht Unbehagen aufkommen. Dahinter steht ein problematisches Gottesbild, dessen "finsterer Zorn die Botschaft von der Liebe unglaubwürdig macht", wie Joseph Ratzinger schon vor 30 Jahren bemerkte. Dahinter steht aber auch ein negatives Menschenbild, das in dieser Form ebenso problematisch ist, weil Menschen nur als sündig und schlecht gesehen werden. Ich erinnere mich an eine Bibelrunde, in deren Verlauf eine Frau sagte, sie empfinde den Gedanken, daß Jesus für sie gestorben sei, als verletzend und beleidigend. Sie erfahre sich selbst und ihr Leben nicht als so Heil-los, als daß es dieses grausamen Todes bedurft hätte.

Situierung des Todes in die Lebensgeschichte Jesu (4)

In diesem Zusammenhang ist es hilfreich, den Tod Jesu in dessen Lebensgeschichte einzubetten, in den Zusammenhang seines heilenden Handelns und seiner Botschaft. Auch ist die "Differenz zwischen dem Willen Jesu in bezug auf seinen Tod und dem Deutewillen seiner Gemeinde im Angesicht seines Todes" (5) stärker zu bedenken. Keinesfalls darf der Wille Gottes allein auf den Tod Jesu bezogen werden, er umfaßt vielmehr das gesamte Leben und Wirken Jesu.

Die neutestamentlichen Schriften sprechen öfter von einem "Müssen", in welches das Passions- und Ostergeschehen eingeordnet wird. Dieses unpersönlich formulierte "Müssen" darf jedoch nicht als konkreter Befehl oder Auftrag Gottes verstanden werden; es spiegelt vielmehr das Ringen der jungen Kirche, Sinndeutungen für das zunächst unverständliche Geschehen zu finden, es bezieht sich in gleicher Weise auf Tod und Auferstehung (vgl. Mk 8,31) und verweist auf die innere Logik der Sendung und des Scheiterns Jesu.

Auch die Leidensankündigungen in den Evangelien sind vom Ostergeschehen bestimmt, entweder rückblickend als Herrenworte formuliert oder historisch unmittelbar vor der Passion anzusiedeln.

Zielrichtung von Jesu Sendung war die Verkündigung der basileia tou theou, der anbrechenden Königsherrschaft Gottes. Das einst in der Geschichte wirkmächtige Handeln Gottes wird als neue Realität angesagt. Durch Jesus wird der "Ich bin, der für euch da sein wird" für die Menschen gegenwärtig. Diesen Gott verkündigte Jesus in Wort und Tat.

Nach anfänglichen Erfolgen in Galiläa geriet Jesus aber in den Sog von Ereignissen, die zu Ablehnung und zu einer wachsenden Konfrontation mit den Tempelbehörden führten. Von da ab gab es für ihn letzlich nur die Alternative, entweder von seiner Verkündigung vom Anbruch der Gottesherrschaft Abstand zu nehmen, oder seinen Weg fortzusetzen, ohne Rücksicht auf das damit verbunden Risiko. Dieses Risiko schloß den Tod mit ein. Jesus hat die letztgenannte Alternative gewählt und ist deshalb getötet worden. Walter Kirchschläger meint dazu:

"Sein Tod ist die Konsequenz seines Selbstverständnisses und seines gradlinigen, unbeugsamen Verhaltens. Wer nicht nur von der Liebe Gottes spricht, sondern sie auch verwirklicht; wer nicht nur die Befreiung der Zerschlagenenund die Rettung der Armen predigt, sondern das selbst tut; wer eine Umkehr der religiösen Grundhaltungen fordert und sie selbst vorlebt, ... wer sich allen Menschen ohne Unterschied von Stand und Ansehen liebevoll zuwendet und nicht bereit ist, aufgrund allegemeiner Vorurteile sein Verhalten zu verändern, der wird auch heute von der Gesellschaft zu Tode gebracht - je nach Lebensumfeld trifft es ihn im wörtlichen oder im übertragenen Sinn ..."

Jesus von Nazareth traf es wörtlich. Sein Wirken für das Heil anderer führte, geradlinig fortgesetzt, geradlinig in den Tod. Dieser Tod ist an und für sich weder der Wille Gottes noch jener Jesu, er ist auch kein zusätzlicher Heilsakt, sondern eben Konsequenz des Heilswirkens Jesu.

Weil Jesus für die Menschen gelebt und gewirkt hat, geschieht auch sein Tod für die Menschen, so daß die frühe Christengemeinde den Tod Jesu als Tod "für uns" bezeichnen konnte.

Gott aber, der hinter dem gesamten Lebensprozeß Jesu steht und ein Gott des Lebens und der Liebe ist, kann auch dann noch handeln, wenn Menschen es nicht mehr vermögen. Als Gott Jahwe, der "für euch da sein wird", hat er seine Identität als Grundhaltung der Pro-existenz für die Menschen bestimmt. Im Tod Jesu wird diese seine Indentität radikal angefragt. Kann er am Tod Jesu vorbeisehen?

Dazu Walter Kirchschläger: "So wie der Tod Jesu eine lineare Konsequenz seiner Verkündigung und seiner pro-existenten Lebenshaltung ist, so ist Jesu Auferstehung eine ebenso lineare Konsequenz des von Jesus verkündigten pro-existenten Gottes Jahwe."

Die Auferstehung Jesu ist die innere Konsequenz, die sich aus dem Wesen Gottes ergibt.

Auch die Auferstehung steht unter dem "Müssen", wenn Gott nicht seine geoffenbarte Identität aufgeben will; in ihr vollzieht sich letztgültig Gottes Wille.

Brigitte Siller-Grießmair


1) Sie gründen sich, wenn nicht anders angegeben, auf das Referat von Walter Kirchschläger, Jesus Christus - Retter der Welt: eine biblische Hinführung, Konferenzblatt für Theologie und Seelsorge 108 (1997) 99-136 und besonders auf S. 112-124.

2) Vgl. auch Regula Strobel, Feministisch-theologische Kritik an Kreuzestheologien, KathBl 2 (1998) 84-90.

3) Joseph Ratzinger, Einführung in das Christentum: Vorlesungen über das Apostolische Glaubensbekenntnis, München 1968, 231.

4) Dieser Titel stammt aus Dietrich Wiederkehr, Glaube an Erlösung: Konzepte der Soteriologie vom Neuen Testament bis heute, Freiburg-Basel-Wien 1976, 44.

5) Gottfried Bachl, Der schwierige Jesus, Innsbruck-Wien, 21996, 63.