Auszüge aus dem Referat von Florian Kronbichler anlässlich der Seelsorgetagung am 25.8.2004

Der Diözese Bozen-Brixen zum 40. Geburtstag

Ich wünsche mir eine Kirche, die nicht Angst davor hat zu predigen. … Predigen heißt auf weltlich gesagt: einen Standpunkt vertreten, Position beziehen, Orientierung geben, etwas sagen. „Verkünden“ ist vielleicht schon wieder ein zu großes Wort. Predigen, so verstanden, davon würden wir heute leicht ein bisschen mehr vertragen. Es ist ein schlimmes Missverständnis, wonach es „leicht“ sei zu reden, aber „schwer“ zu tun. Zu reden ist gar nicht so leicht, und tun ist eine sehr gängige Entschuldigung, nicht zu reden. … Ich komme zum „Sozialaktivismus“. Ich wünsche meiner Kirche mehr Beherrschung im Gutes-Tun. Sie überfordert sich. Sich und die Besten in ihr. … Die Kirche hat nicht zu wetteifern mit dem Angebot des Sozialstaates, sondern soll, wenn schon, die Christen ermuntern, dass sie rechtsbewusste, politische Staatsbürger sind.

Und damit zur Jubilarin. Was wünsche ich meiner Kirche zum 40. Geburtstag? Wie wünsche ich sie mir? … Ja, ich wünsche der Kirche, und hier meine ich ihren Priestern, den Pfarrern zumal, mehr Schonung. Liebe Verantwortliche der Kurie, schaut besser auf die Pfarrer. Ich sehe so manche, die es schlicht nicht mehr derpacken. Ich sehe eine Vereinsamung und wenig Phantasie, nach alternativen Möglichkeiten der Verkündigung zu suchen. Das Problem Priestermangel wird behandelt wie irgend eine Grippe: ... wird schon wieder vergehen! Man tut, als ob es schon wieder werden wird, wie es einmal war. Inzwischen werden immer weniger Priester mit immer mehr Aufgaben behängt: statt einer Pfarrei, bekommen sie zuerst zwei, dann drei, dann vier ... Es bereitet wenig Freude, von so einem rasenden Sakramenten-Erste-Hilfler „versorgt“ zu werden.

Ich wünsche mir - Vorfälle in der Nachbarschaft verleihen dem Anliegen traurige Aktualität - ich wünsche mir Offenheit, Transparenz, Ehrlichkeit. Nicht Affären irritieren die Gläubigen, sondern es irritiert die Art, wie kirchenamtlich damit umgegangen wird. Dass auch Priester fehlen, weiß heute jeder, skandalisiert niemanden und lässt sie allenfalls menschlicher erscheinen. Aber Verheimlichung funktioniert nicht mehr. Sie zerrüttet nur die Glaubwürdigkeit, das Um und Auf eines jeden, der „predigt“.

Ich wünsche mir unsere Ortskirche ein bisschen „südtirolischer“, im Sinn von autonomiebewusster. Wir Südtiroler haben ja Übung im Einfordern eigener Rechte, von Autonomie und Besonderheiten. Würde ein bisschen dieses Eigensinns nicht auch der Ortskirche gut anstehen? Wir einfache Christen haben gelegentlich das Gefühl, man dürfte, wenn die örtliche Obrigkeit sich nur getraute. Wir wissen alle, dass sie Sexualität bei Priestern nicht zulassen darf. Aber sie darf sie nicht leugnen. Auch zur Homosexualität wird es keine autonom brixen-boznerische Position geben. Aber die Diözese Innsbruck hat immerhin einen Dienst eingerichtet mit dem schönen Namen „Hilfe für homosexuell Liebende“.

Wer von südtirolischer Kirche spricht, darf über das Zusammenleben der Volksgruppen nicht schweigen. Ich beobachte mit Sorge, dass die Kirche dabei ist, ihre Führungsrolle, das friedliche Zusammenleben betreffend, zu verlieren. … Man hat nichts gegeneinander, aber für ein Miteinander fehlt die Kraft. Was ich sehe, ist eher ein politisch korrekter Proporz als ein beherztes Miteinander. Eine gewisse Kommunikationsarmut kennzeichnet das kirchliche Leben im Land generell. Über die Sprachgrenzen hinweg gerät sie definitiv zur Sprachlosigkeit.

Noch etwas Katholisches, also etwas Verbindendes, Allumfassendes: Nicht nur die Diözese Bozen-Brixen begeht heuer ihr 40-jähriges Bestehen, sondern auch die Nachbar- und eigentlich Tochterdiözese Innsbruck. Warum ignorieren die beiden Jubilare einander so unkatholisch? Gibt es keine gemeinsamen Perspektiven mehr? Auch nicht mit der „alten“ Schwesterdiözese Trient?

Die Frau in der Kirche. Ich möchte mir den Vorwurf ersparen, dass auch ich, als Mann, mir anmaße zu erklären, was Frau ist und was für sie gut ist. Meine Kollegin Referentin wird das besser tun. Aber doch die Frage: Tut die Ortskirche alles, um im Rahmen des Rom Zumutbaren den Frauen zu Rollen und in Positionen zu verhelfen? Man muss kein Anhänger der Quotenpolitik sein, um festzustellen, dass es hier grob fehlt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott nur männlich ist. So gesehen wird Personalpolitik zu einer theologischen Frage.

Wir wären so gerne mündige Christen, aber von oben befohlen möchten wir es haben. Allerdings möchte ich auch gesagt haben: Lieber Herr Bischof, schonen Sie uns nicht! Wir wollen keine Kirche, die sich zeitgeistig anbiedert. Keinen Gottesdienst, von dem wir sagen müssen: Gottschalk kann’s besser. Machen Sie uns bitte nicht alles recht. Scheuen Sie sich nicht, für Ihre Positionen kritisiert zu werden. Ertragen Sie nicht alles. Und lassen Sie uns ein bissl teilhaben an Ihrem Gschär.

Alles werde ich nicht gesagt haben, aber alles “con spirito di carità cristiana“ schon.


Drei hinterhältige Fragen vier Monate danach

Impulse: Welche Reaktionen gab es von Seiten der Priester und Laien auf deine Stellungnahme?

Florian Kronbichler: Das ist aber eine hinterhältige Frage. Würde ich jetzt antworten: großartige Reaktionen gab’s (was es ja gab), wäre ich dann nicht nur ein Angeber? Nein, die Reaktionen zu kommentieren, steht nicht mir zu. Ich habe gesprochen, und mir kam vor, es kam an - basta. Wenn anschließend Wahlen gewesen wären, vielleicht hätten mich die Pfarrer dann zu ihrem Gewerkschaftssprecher gewählt. Das schon.

Impulse: Wie ernst ist es deiner Meinung nach der Diözesanleitung mit kritischen Äußerungen, oder will man sich nur offen geben, um weitermachen zu können wie bisher?

Florian Kronbichler: Wieder so eine Hinterhältigkeit. Ich werde schlecht sagen können, der Diözesanleitung sei es „mit kritischen Äußerungen“ nicht ernst. Damit würde ich als erstes mich selber als Esel hinstellen. Als einen, der sich zu Imagezwecken missbrauchen ließ. Nein, ich glaube hingegen, dass es der Diözesanleitung - oder warum sagen wir nicht „dem Bischof“, denn der Bischof hat mich eingeladen - ich glaube, dass es dem Bischof ernst war. Und ich glaube nicht, dass der Bischof mich reden ließ, „um weitermachen zu können wie bisher“. Ich glaube, dass er erstens das nicht will, und zweitens, dass er, so er das wollte, es nicht mir zu verdanken hätte.

Impulse: Hast du Veränderungen oder Auswirkungen aufgrund deiner Äußerungen festgestellt?

Florian Kronbichler: Veränderungen? Auswirkungen? Ich sag nur: Wenn man bei allem, was man schreibt oder spricht, nicht ein bisschen zumindest glaubt, dass es hilft, dann wäre eh besser, man ließe es bleiben. Ja, ich habe den Eindruck gewonnen, dass ich vielen aus dem Herzen gesprochen habe. Und das ist ja ermutigend. Wenn ich anmaßend sein wollte: Es ist mir mit meiner Rede in der Cusanus-Akademie gelungen, vieles zu sagen und wenige zu beleidigen. Deswegen hat es ein bissl geholfen - wahrscheinlich.

Interview: Robert Hochgruber


Sagen, was man denkt

Reinhard Lazzeri ist 68jährig in den Ruhestand getreten. Er war seit 1981 Pfarrer in Kurtinig und bis 1996 zugleich Verkaufsleiter in einer Bozner Buchhandlung. Die Tageszeitung befragte ihn zu seinem Ausstand am 1.9.2004 über seine Erfahrung als Pfarrer und seine finanzielle Unabhängigkeit.

Tageszeitung: Welches Verhältnis hatten Sie zu den Kurtinigern?

Reinhard Lazzeri: Ich kann sagen, dass es ein gutes Verhältnis war: Am Anfang habe ich eine fünfmonatige Probezeit gemacht, um zu sehen, ob mich die Kurtiniger mögen. Nach der Probezeit haben sie mich mit Plebiszit freudig angenommen. Wenn sie hingegen gewünscht hätten, dass ich gehen sollte, wäre ich sofort gegangen. Ich war finanziell unabhängig, konnte es mir also auch leisten zu gehen. Eine finanzielle Unabhängigkeit würde ich übrigens jedem Pfarrer wünschen, so kann jeder Pfarrer auch sagen, was er denkt, aber das ist eine längere Geschichte...

Tageszeitung: ...die man nicht in einigen Sätzen zusammenfassen kann?

Reinhard Lazzeri: Wie Apostel Paulus sagte, muss man sich die Dinge selbst verdienen. Die Frohe Botschaft kann man auch verkünden, wenn man es nicht hauptberuflich macht. Vielleicht geht es auf diese Weise sogar glaubwürdiger; denn in diesem Fall muss man nicht das sagen, was einem vorgeschrieben wird.

Tageszeitung: Sind die Kurtiniger fleißige Kirchengänger?

Reinhard Lazzeri: Die Kurtiniger sind gleich fleißig wie alle anderen; natürlich hat der Kirchenbesuch ziemlich nachgelassen, es ist nicht so wichtig, dass jeder jeden Sonntag in die Kirche geht. Es wäre aber günstig hin und wieder präsent zu sein, um zu zeigen, dass man zur Gemeinschaft gehört. Es wäre wichtig, wenigstens ein paar Mal da zu sein.

Tageszeitung: Wie steht es hingegen mit den Jungen?

Reinhard Lazzeri: Die Jungen verhalten sich wie alle anderen. Diesbezüglich habe ich keinen Unterschied bemerkt. Sie gehen gleich wenig, wie alle anderen... (lacht)

Verena Girardi, Tageszeitung, 1.9.2004, S. 10