Kritische Stellungnahme zum diözesanen Jahresthema 2004 - 06

Glaubensentwicklung bedenken

Geistliche Berufe

Der Vorstand der Initiativgruppe für eine lebendigere Kirche erachtet das Gebet um geistliche Berufe als sinnvoll und wichtig. Unter geistliche Berufe sollen alle Berufe in der Kirche, nicht nur Priester- und Ordensberufe verstanden werden. Der Vorstand ist von der Notwendigkeit überzeugt, über Änderungen an den Zulassungsbedingungen zum Priesterberuf nachzudenken, z.B. Freistellung des Zölibates und Diakonat und Priestertum für die Frau. Diese Überlegungen sollten im Sinne einer Meinungsbildung öffentlich kundgetan werden. Dies wäre einer von mehreren Schritten, damit in Zukunft ausreichend Priester für die Seelsorge zur Verfügung stehen und Männer und Frauen ihre Berufung in der Kirche wahrnehmen können.

Der Vorstand regt ein Überdenken des traditionellen Priesterbildes an und die Anpassung an das heutige Glaubens- und Kirchenverständnis. Das Verständnis des Priesters als Mittler zu Gott und Vermittler von Sakramenten und Glaubenswahrheiten ist heute erweitert worden zu einem Verständnis des Priesters als Begleiter, als Weggefährten auf der religiösen spirituellen Suche, der die Menschen so annimmt, wie sie sind. Die priesterliche Leitungsaufgabe sollte erhalten bleiben. Im Einklang damit sollte laut Vorstand die Verantwortung und Entscheidungskompetenz aller Gläubigen vermehrt beachtet werden.

Die Bedingungen für jene, die derzeit im kirchlichen Dienst hauptamtlich arbeiten wollen, sollen erweitert und ausgebaut werden, z.B. für Pastoralassistentinnen und -assistenten. Die derzeitigen Entfaltungsmöglichkeiten für Laien erscheinen dem Vorstand als zu eingeschränkt.

Glaubenserneuerung

Im Zusammenhang mit dem Thema Glaubenserneuerung stellt der Vorstand ein großes Suchen und eine Sehnsucht nach Transzendenz, aber auch viel Heimatlosigkeit bei zahlreichen Menschen, auch bei Christinnen und Christen fest. Viele Gläubige haben ihren Glauben verändert, manchmal auch über die kirchliche Lehre hinaus erweitert, und suchen Begleitung und Dialog.

Zu oft wird in der Verkündigung vorwiegend der leidende und geopferte Jesus dargestellt. Die Vorstellung vom liebenden Gott und auferstandenen Christus kommt meist zu kurz. Das Gottesbild ist derzeit vielfach in Diskussion. Dies kann ein Anlass sein, um über die Bedeutung Gottes im Leben und über das Wesentliche der christlichen Botschaft nachzudenken.

Glaubenserneuerung ist laut Vorstand als Glaubensentwicklung zu sehen. Einige der derzeitigen Verlautbarungen aus dem Vatikan erscheinen nicht geeignet, den Dialog mit suchenden und kritisch denkenden Menschen zu fördern. Eine Erneuerung der Glaubensvermittlung erscheint notwendig, damit sie für die Menschen von heute verständlicher und zu einer unmittelbareren Lebenshilfe werden kann.

Der Vorstand der Initiativgruppe für eine lebendigere Kirche versteht diese Stellungnahme als Beitrag zur Auseinandersetzung, nicht als Patentrezept. Diese Überlegungen werden aus Sorge um die Weiterentwicklung der Kirche und in Solidarität zu ihr vorgebracht.

Vorstand der Initiativgruppe "Für eine lebendigere Kirche",
Bozen, 7. Dezember 2004