"Es war keine Sintflut"
Pfarrer Alois Oberhöller von Tschengls wurde von der Tageszeitung befragt, wie die Jahrhundertkatastrophe in Südostasien zu verstehen sei und was jetzt getan werden soll.
Tageszeitung: Herr Pfarrer, ist die biblische Sintflut über die Welt hereingebrochen?
Alois Oberhöller: In der Öffentlichkeit spricht auch von kirchlicher Seite niemand von einem Strafgericht. Getroffen hat es ja die Ärmsten der Armen, sie haben die meisten Opfer zu beklagen, sie haben alles verloren. Trotzdem waren sie die ersten, die den verletzten Touristen geholfen haben.
Würden Sie die Flutkatastrophe als Strafgericht interpretieren können?
Ich kann mich dazu nicht aufraffen. Ich sehe in den Naturkatastrophen Naturgesetze. Es hat immer gewaltige Umwälzungen in der Erdgeschichte gegeben, auch zu einer Zeit, als noch keine Menschen, also keine Sünde und kein Strafgericht denkbar gewesen wären.
Obwohl in der Bibel gerade Naturkatastrophen immer wieder als Strafgericht interpretiert worden sind...
In der Bibel sind Naturkatastrophen immer als Strafgericht interpretiert worden, man braucht nur die geheime Offenbarung zu lesen.
Trotzdem ist in Ihren Augen eine derartige Interpretation nicht zulässig. Warum?
Weil wir so ein furchtbares Gottesbild bekommen. Es hängt auch mit der Vorstellung von der Hölle zusammen. Wenn wir Gott zumuten, dass er imstande wäre, einen Menschen ewig zu foltern hätte man auch hier keine Probleme zu sagen: Der Herrgott hat richtig dreingeschlagen. Fundamentalistisch angehauchte Menschen wünschen das sogar. Die Menschen kommen nicht zur Einsicht, wir haben zwei Weltkriege, die Schrecken im Irak und vieles andere erlebt. Verändert hat sich trotzdem nichts.
Jetzt und nachher
Es gab das Elend schon vor diesem Elend. Das sollte in diesen Tagen der Spenden-Weltrekorde nicht vergessen werden: Die Welle der Solidarität nach der Flutwelle darf nicht in einigen Wochen abflachen. Diese Welle muss weitergehen in Form von Hilfe für alle (!) armen Länder der Erde. Gegen Naturkatastrophen kann die Menschheit wenig ausrichten. Aber sie könnte die menschlichen Katastrophen von der Erde verbannen: Hunger, Armut, Krieg. Dagegen hilft nicht einmaliges Spenden, sondern beständiges Teilen!
Martin Lercher, Zett, 9.1.2005
Manche hoffen, die Welt könnte nach dieser Katastrophe inne halten. Haben Sie Hoffnung?
Ich glaube schon, allein durch die große Hilfsbereitschaft. Wenn Menschen in die Krisengebiete gehen, Leichen einsammeln, das ganze Leid sehen und es auf sich nehmen, dann geschieht Veränderung. Es kann eine läuternde Wirkung haben.
Was würden Sie den Menschen als Botschaft mit auf den Weg geben?
Wie es der Bischof in der Silvesterandacht gesagt hat: Man soll nicht nach dem Warum fragen, sondern eher überlegen, wie wir den Betroffenen helfen können. Katastrophen machen uns sprachlos. Es gibt oft keine Antwort. In der Bibel haben wir den fragenden Christen Hiob, der letztlich auch keine Antwort bekommen hat. Zum Schluss gibt Gott zu verstehen: Du bist zu klein, um es zu begreifen. Wenn Jesus freiwillig am Kreuz stirbt, muss das Leid einen Sinn haben. Das Letzte ist für mich nicht Tod, sondern Auferstehung. Für mich als Priester, Christ, Katholik wäre es tragisch, wenn diese Menschen nach diesem furchtbaren Erleben auch noch verdammt würden. In letzter Konsequenz wäre für mich ein Verdammter das größere Unglück, als diese Katastrophe. Denn die Katastrophe geht vorüber, der Verdammte ist ewig.
Interview: Silke Hinterwaldner
Tageszeitung, 4.1.2005, S. 4