Kirche an der Wende
Einschätzung der Lage nach dem Rücktritt von Bischof Krenn
Bischof Krenn geht, doch die Probleme bleiben, meinte Klaus Reitan, der Chefredakteur der Tiroler Tageszeitung nach dem unrühmlichen Abgang des St. Pöltener Diözesanbischofs Kurt Krenn im Herbst 2004 in einem Leitartikel. Bedauern brauche man die Kirche nicht, aber zu beneiden sei sie auch nicht. Und die Kirchenleitung sei vor die Frage gestellt, wie sie konstruktiv mit der derzeitigen Krise umgehe, betont Reitan. Spätestens ein neuer Papst wird sich den brennenden Themen nicht entziehen können. Hier der Leitartikel.
„Und wieder steht die katholische Kirche Österreichs an einem Wendepunkt. Aber diesmal an einem, den sie sich nicht ausgesucht hat, sondern dem sie sich stellen muss. Weil der Kurs einiger autoritärer Bischöfe und fundamentalistischer Katholiken brachial gescheitert ist.
Hinter Altbischof Kurt Krenn aufzuräumen ist keineswegs die einzige Aufgabe, vor der die Kirchenführung steht. Die Seligsprechung des letzten Kaisers, Karl I., erscheint jenen, die am Geheimnis des Glaubens nicht gänzlich teilhaben, unverständlich wie manch andere Entscheidung des Vatikans. Dem jeweiligen diözesanen Volk einen Bischof zu geben, ohne dieses wirklich anzuhören, gehört ebenfalls zur Mängelliste. Eine offensive und konstruktive Debatte über den Zölibat fehlt ebenso wie eine über verantwortete Sexualität reifer Personen. Der stetige Austritt der Laien aus der Kirche und ein eklatanter Mangel an Nachwuchs für geistliche Berufe runden das Krisenbild ab. Das bedeutet samt und sonders nicht, der Mensch bedürfe nicht des Haltes, des Glaubens, ja auch einer Institution wie die Kirche mitsamt deren sozialem und kulturellen Wirken. Es gibt sie, die Religiosität ohne Kirche. Und es gibt die Doppelbödigkeit, wonach sich des geistlichen Beistandes jeder entsinnt, sobald in der Not jeglicher andere versagt. Auch Geistliche erkennen, dass sie gelegentlich weniger die Messe, als vielmehr Folklore und Tradition zelebrieren.
Krise kann Wende bedeuten. Einem geflügelten Wort zufolge, lauern hinter jeder Ecke mehrere Richtungen. Die Kirche wird sich für eine zu entscheiden haben. Sie sollte das Gespräch mit dem Kirchenvolk verstärken. Und zwar bald. Die große Debatte über Roms Kurs, die Seligen und den Zölibat kommt ja mit dem nächsten Papst ohnedies.“
Klaus Reitan, Tiroler Tageszeitung, 2./3.10.2004