Die Gschicht mit der Moral
Eugen Drewermann in Brixen
Fünf Tage nach der amtlichen Kirche (Seelsorgetagung) versammelte sich Südtirols „lebendigere“ Kirche: größer bunter, weiblicher und mit einem Star als Moralisten. Es war ein Fest. Über 600 waren gekommen. Auszüge aus einem Tageszeitungsbericht von Florian Kronbichler.
Der Abend gehörte ganz den kirchlich Alternativen. Es war schon beeindruckend, was sich da alles einfand: der bekannte harte Kern tätiger Kirchenreformer (kirchenobrigkeitsseits gern abgetan als „erweiterte Familie Hochgruber“); die offenbar doch auch in Südtirol große Leserschar des Theologen und Psychotherapeuten Eugen Drewermann; viel sozial-, öko- und Eine-Welt-bewegtes Volk, Frauen besonders; die bekanntermaßen Gespürvollen der diversesten Berufe und Verbände, Politiker, feministische Nonnen, von den Priestern der Diözese allerdings höchsten ein Dutzend (die üblichen); überraschend viele Jugendliche, und Frauen, Frauen.
Das neue Thema? Es hieß: „Ein Mensch braucht mehr als nur Moral“. Klingt unstrittig. Man glaubt zu verstehen, was gemeint ist, und muss dafür nicht eigens hingehen. Drewermanns Abrechnungen mit der herrschenden Moral, besser gesagt, dem Moralismus, dem politischen wie dem religiösen, sind bekannt und mittlerweile ein Klassiker. Was der Papst zu Moral zu sagen hat, ist für den mit Lehr- und Predigtverbot belegten katholischen Priester Drewermann längst gar nicht mehr kritisierenswert. Weil zu belanglos, zu minoritär. Nein, der Theologe nimmt es schon mit George Bush auf. Mit dessen „american justice“. Mit der bürgerlichen Moral, für die es nur Schwarz-Weiß und Gut und Böse gibt.
Die Zertrümmerung herrschender Wertvorstellungen, die Entlarvung von Moral als Scheinmoral und von vermeintlichen Tugenden als Laster, das ist es, was Eugen Drewermann die Massen zutreibt. So wie er The-ologie mit Psychologie verbindet, Altes Testament mit moderner Soziologie, George Bush mit dem Dalai Lama, Deutsch mit Hebräisch und Politik mit Sexualität, das kann keiner so gleich. Dass Drewermann dann auch immer radikal Partei ergreift für die Schwachen, Sünder, Kranken und - immer mehr - auch für die Tiere, das macht ihn bei uns Gutmenschen endgültig unwiderstehlich. Drewermann sagt alles, was gute Menschen sich insgeheim manchmal zu denken getrauen. Und er sagt es natürlich auf unnachahmliche Weise.
Die „Initiative für eine lebendigere Kirche“ wurde an diesem Abend ihrem Namen sehr gerecht - muss man sagen.
Tageszeitung, 1.9.2004, S. 6.