Brief eines Kardinals

Das vatikanische Frauendokument unter der Lupe

Von Brigitte Siller Grießmair

„Schreiben an die Bischöfe der katholischen Kirche über die Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Kirche und in der Welt“, das ist der Titel des Dokumentes von Kardinal Ratzinger, das im Sommer großes Medienecho erfahren und für Aufregung und Diskussion gesorgt hat. Und es ist in der Tat merkwürdig: Der Papst hat die Veröffentlichung des Briefes angeordnet, und Kardinal Ratzinger selbst sieht ihn als Ausgangspunkt für den Dialog „mit allen Männern und Frauen guten Willens“, doch als Adressaten scheinen allein die Bischöfe der katholischen Kirche auf.


Die noch größere Ungereimtheit: Der Brief entspricht nicht dem, was die Überschrift ankündigt. Er behandelt nicht die Zusammenarbeit von Frau und Mann, vernachlässigt die Männer und spricht fast ausschließlich von „der Frau“. Das geht schon aus der Gliederung hervor. Zwischen der kurzen Einleitung und dem zusammenfassenden Schluss stehen die vier Kapitel

Das Problem „Frau“

In diesem Abschnitt spricht Ratzinger für ihn problematische Tendenzen an, die sich aus der Frauenbewegung ergeben. Allerdings werden nicht konkrete feministische Positionen angesprochen oder zitiert. Die Darstellung bleibt vage, eine Auseinandersetzung mit den kritisierten Positionen gibt es nicht, stattdessen die Aufzählung der angeblichen Folgen dieser verhängnisvollen Tendenzen, die von der „Infragestellung der Familie“ bis zu einem neuen „Modell polymorpher Sexualität“ reichen. Behauptungen, die nicht belegt werden und wohl eher ein Spiegel der Ängste des Verfassers sind als ein Spiegel der Wirklichkeit. Die Missbräuche der Macht werden zwar genannt, doch in diesem Brief weder beklagt noch verurteilt. Problematisch ist für Ratzinger allein die Reaktion der Frauen, die „mit einer Strategie des Strebens nach Macht“ antworten.

Biblische Anthropologie

Der weitaus größte Teil des Briefes ist den Grundaussagen der biblischen Anthropologie gewidmet. Die Ausführungen wollen, wie im Schlussabschnitt angeführt ist, die Verschiedenheit von Mann und Frau biblisch begründen. Dazu wird eine entsprechende Auswahl an Bibelstellen angeführt. Diese werden aus dem Zusammenhang gerissen, gekürzt oder sogar unrichtig zitiert wie Gen 2,25 in II.6 und dem eigenen Vorverständnis entsprechend gedeutet. So wird aus Gen 2 geschlossen, dass „die Frau in ihrem tiefsten und ursprünglichsten Sein `für den anderen’ (vgl. 1 Kor 11,9) da ist“. Die teilweise historisierende Form der Nacherzählung vermehrt das Unbehagen an einem solchen Umgang mit biblischen Texten. Gedankensprünge und eine von Symbolismen überfrachtete Sprache erschweren das Verständnis. Auffällig ist, dass neben einigen Kirchenvätern ausschließlich Johannes Paul II. zitiert wird. Ergebnisse der neueren Exegese finden keine Erwähnung. So darf es nicht verwundern, dass der Kardinal z. B. zu einer ganz anderen Deutung von Gal 3,27f kommt (Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid „einer“ in Christus Jesus.) als z.B. Wilhelm Egger in seinem Kommentar zum Galaterbrief oder auch das Konzilsdokument Lumen Gentium, 32.

Die fraulichen Werte im Leben der Gesellschaft

Als frauliche Grundwerte nennt der Brief die Fähigkeit der Frau „für den anderen“ und meint, das Beste ihres Lebens bestünde darin, „sich für das Wohl des anderen einzusetzen, für sein Wachstum, für seinen Schutz“. Diese Fähigkeit wird in zum Teil idealisierender Weise dargestellt und mit der Mutterschaft in Verbindung gebracht. Zwar werden Frauen nicht auf biologische Mutterschaft festgelegt, doch die Familie wird als der vorrangige Ort gesehen, wo „der Genius der Frau“ sich entfalten kann. Hier scheint ein Einheits-Frauenbild durch, das in keiner Weise der Vielfalt an Frauen-Wirklichkeit Rechnung trägt.

Erste Frauen

Mit 1. September 2004 hat Elisabeth Rathgeb als erste Frau Österreichs die Leitung des Seelsorgeamtes in Innsbruck übernommen. Damit ist sie Chefin von derzeit 104 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. An ihrer Seite wird Jakob Bürgler als geistlicher Assistent tätig sein. Der Innsbrucker Bischof Manfred Scheuer meinte in seiner Begrüßung: „Wir brauchen keine uniforme Pastoral, sondern Netzwerke des Glaubens, in denen wir gut miteinander reden und arbeiten können.“ Beide hätten die Fähigkeit, Neues in die Wege zu leiten und eine Atmosphäre des Aufbruchs und der Zuversicht zu schaffen. Elisabeth Rathgeb ist 37 Jahre alt und hat an der Universität Innsbruck Theologie und Geschichte studiert. Sie war vorher Leiterin des diözesanen Bildungshauses St. Michael in Matrei. Auch das internationale Priesterseminar Canisianum in Innsbruck hat erstmals in Österreich eine Frau zur Studienpräfektin, nicht aber zur Leiterin, berufen: die Wienerin Brigitte Proksch, 42 Jahre alt. Die Zeichen der Zeit wahrzunehmen und Theologie schmackhaft zu machen bezeichnete sie als die wichtigsten Anliegen in ihrer neuen Funktion. In der Seminarausbildung gehe es um das Erlernen eines respektvollen Umgangs zwischen Männern und Frauen, ebenso wie um eine ständige Reflexion der Beziehung zu Gott. Als Frau könne sie hier eine andere Perspektive einbringen, betonte Proksch.

Zustimmung verdient hingegen die Forderung nach echter Wertschätzung der Arbeit, welche Frauen in der Familie leisten. Ebenso jene, dass die freiwillige Entscheidung, sich vollzeitlich der Familie zu widmen, nicht zu wirtschaftlicher oder sozialer Benachteiligung führen darf. Problematisch ist hingegen, dass allein die Frauen als für die Familie zuständig aufscheinen, die Verantwortung der Männer wird nicht angemahnt. In einer Zeit, in der Männer in zunehmender Weise ihren Anteil an Familienarbeit übernehmen und die Lust daran entdecken, ist dies eine schlimme Unterlassung.

Auch dürfte es zu wenig sein, wenn den Frauen in der Politik und im gesellschaftlichen Leben lediglich die Rolle des Inspirierens und Anregens zuerteilt wird. Mitentscheiden und Mitgestalten ist nötig. Der „Herrschaftsauftrag“ von Gen 1,28 ergeht schließlich in gleicher Weise an Mann und Frau.

Die Aktualität der fraulichen Werte im Leben der Kirche

In diesem Abschnitt wird Maria als diejenige dargestellt, an der „die Kirche“ die eigene Identität erkennen soll. In geradezu hymnischer Sprache wird auf die Haltung des Hörens, des Aufnehmens, der Demut, der Treue, des Lobpreisens und der Erwartung verwiesen. Diese Haltungen werden zwar als Aufgabe „eines jeden Getauften“ gesehen, dann aber doch in besonderer Weise den Frauen zu- oder vorgeschrieben, die sie „mit besonderer Intensität und Natürlichkeit“ leben. Ein Wunschbild des Kardinals, sehr bequem für Männer. Ob Frauen sich damit identifizieren, ist mehr als fraglich.

Die Tatsache, dass das Priesteramt allein den Männern vorbehalten ist, hindere die Frauen nicht, in die Herzmitte des christlichen Lebens zu gelangen, wenn sie diese ihnen zugedachte Rolle erfüllen. Forderungen an die Institution Kirche oder an deren Amtsträger werden nicht gestellt, Führungspositionen für Frauen in der Kirche nicht vorgesehen, und der Ausschluss vom Priesteramt wird als unumstößliches Faktum dargestellt und nicht als Folge des von Männern verfassten Kirchenrechtes, das schließlich veränderbar ist.

Schluss

Im Schluss werden die nötigen Folgerungen gezogen. Es wird zur Bekehrung der Herzen aufgerufen, allerdings auf eine wenig liebenswürdige Art und Weise. Da heißt es: „Man muss das Zeugnis annehmen, das vom Leben der Frauen ausgeht ...“. Und des Weiteren: „Auch die Frau muss sich bekehren lassen ...“, und schließlich: „In besonderer Weise muss man die Jungfrau Maria anrufen, ...“. Dreimal ist von „müssen“ die Rede. Ist das die Sprache einer menschenfreundlichen Kirche? Und wem gilt das? Den Bischöfen, die als Adressaten aufscheinen? Oder doch allen Gläubigen?

Mehrmals drängen sich spontane Fragen auf: Wen meint der Kardinal mit „die Kirche“? Und woher weiß er, dass Mann und Frau in alle Ewigkeit unterschieden bleiben.

Gerechterweise muss gesagt werden, dass im Dokument gegenüber früheren kirchlichen Positionen Fortschritte zu erkennen sind: Es ist nicht mehr Eva an allem Schuld und der Gegensatz Eva - Maria ist nirgends erwähnt. Frauen werden nicht auf biologische Mutterschaft festgelegt und es wird gesehen, dass in der Heilsgeschichte männliche und weibliche Gestalten mitgewirkt haben.

Dennoch bleibt der Brief ein harter Brocken, zäh und unverdaulich. Die Sprache ist schwierig und alles eher als geschlechtergerecht. Theologisch sehr bedenklich ist es, wenn das „Mannsein“ Jesu in den Vordergrund rückt und die Menschwerdung des Gottessohnes durch die „Mannwerdung“ ersetzt wird.

Das Anliegen, die Verschiedenheit von Frau und Mann aufzuzeigen, führt zu einem Frauen-Einheitsbild, das ein Phantasiekonstrukt ist. Über Zusammenarbeit wird ebenso wenig nachgedacht wie über die Verantwortung der Männer.

Es ist schon verwunderlich, dass zölibatäre Männer sich immer wieder berufen fühlen, das Wesen und die Rolle von Frauen zu definieren. Darin sind sie nicht kompetent in des Wortes umfassender Bedeutung von zuständig und fähig sein. Das sind in diesem Fall allein die Frauen.


Vatikan bestätigt sein konservatives Frauenbild

Mit dem vatikanischen Schreiben über die Zusammenarbeit von Mann und Frau in Kirche und Welt werde die untergeordnete Rolle der Frau nicht nur in der kath. Kirche zementiert, betonte der Landesbeirat für Chancengleichheit in einer Stellungnahme zum genannten Dokument. Die Hauptaufgabe der Frau bestehe nach wie vor in der Mutterschaft. Der Feminismus werde hingegen als Wurzel allen Übels angesehen, da er den Unterschied zwischen Mann und Frau verleugne und nach Macht für die Frauen strebe. Weiters werde im Schreiben aus dem Vatikan bekräftigt, dass Frauen von Ämtern ausgeschlossen seien. „Mit dieser Einstellung verwundert es nicht, dass sich immer mehr Frauen und auch Männer von der Kirche abwenden“, betonen Julia Unterberger und Alessandra Spada vom Landesbeirat für Chancengleichheit. Dieser hat dann in seiner Zeitschrift „Eres, Fraueninfodonne“ 3/2004 Papst Johannes Paul II. den „goldenen Hosenträger“ verliehen „zu so viel sturer Beharrlichkeit bei der Rollenverteilung zwischen Mann und Frau.“


Wenn Frauen exkommuniziert werden

Muss ich Kardinal Ratzinger nun dankbar sein? Im Dokument, mit dem er die Exkommunikation der illegal zu Priesterinnen geweihten Frauen rechtfertigt (im Herbst 2003, A.d.R.), heißt es, das Schreiben diene auch der „Orientierung der Gläubigen“. Allerdings verwirrt mich das Papier mehr; als dass es mich orientiert. Denn da ist die Rede davon, das Frauenpriestertum verletze die „göttliche Verfassung der Kirche“. Dagegen hat die „Päpstliche (!) Bibelkommission“ Mitte der 1970er-Jahre eindeutig festgestellt, das Neue Testament schließe die Weihe von Frauen nicht aus. Ratzingers Paukenschlag in Form des Exkommunikations-Dekretes passt nicht so recht zu diesem Hintergrund. Das Ganze erinnert mich an die alte chinesische oder germanische Volksweisheit: „Je mehr Angst einer hat, um so lauter ruft er in den Wald hinein.“ Die Kirchenoberen scheinen sich ihrer Sache überhaupt nicht sicher zu sein. Sonst hätten sie dem Patmos-Verlag kaum verboten, das Buch zur Priesterinnenweihe weiterhin auszuliefern. Im Grunde ist diese ängstliche Maßnahme ein Hoffnungszeichen für alle, die sich auch in der katholischen Kirche die volle Gleichberechtigung von Frau und Mann wünschen.

Walter Ludin, geboren 1945, ist Kapuziner und als freier Journalist Redakteur der Eine-Welt-Zeitschrift „ite“. Seine Glossen widersprechen gängigen Bildern und Vorstellungen: der Autorität, dem Offiziellen, dem Maßgebenden, dem Eingebürgerten. Sie runden das Bild ab und sprengen es zugleich. Ludin möchte verändern und besser machen.

Hoffnungsvoll stimmte mich kürzlich auch die Lektüre eines Artikels über die Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz. Die Argumente, die noch vor vierzig Jahren dagegen formuliert wurden, gleichen verflixt jenen, die heute gegen Priesterinnen vorgebracht werden. Sie konnten die Entwicklung nicht aufhalten. Warum sollte es in der Kirche anders sein?

Aus dem Buch von Walter Ludin:
Wenn Mägde prophetisch reden.
Gedanken zu Politik, Gesellschaft und Kirche,
Zürich, NZN Buchverlag,
2003, 110 S., 12,50 €.


Mündige Christinnen

Die scheidende Vorsitzende der Kath. Frauen-bewegung Rosmarie Viehweider antwortete auf die Frage: Haben sich die Frauen auch selbst verändert?

Viehweider: Ja, wir Frauen sind selbstbewusster geworden. Wenn wir in der kfb etwas als gut und stimmig befinden, dann tun wir es heute einfach - als mündige Christinnen treffen wir unsere Entschei-dungen selber, ohne ständige Rückfrage zu halten. Und noch etwas hat sich geändert. Wir Frauenorganisationen haben ein funktionierendes Netzwerk gegründet und so tragen wir unsere Anliegen gemeinsam.

Dolomiten, 11.3.2004


Öffnen für Gottes Wirken

Die Kath. Frauenbewegung Österreichs (KFBÖ) tritt für eine Öffnung und Weiterentwicklung der Zulassungsbestimmungen zu kirchl. Weiheämtern ein. Im Glauben an eine sich ständig erneuernde Kirche sollen Frauen und Männer, Klerus und Laien „hören, was der Geist den Gemeinden sagt“, so wie es in der Offenbarung des Johannes (2,7) geschrieben steht. Nach Ansicht der Frauenbewegung bedeutet dies auch, Berufungen von Frauen zu Weiheämtern ernst zu nehmen, die Frage der Zulassung zum Weiheamt offensiv zu erörtern und Wissenschaft und Dialog darüber zu fördern.

Kath. Sonntagsblatt, 10./17.8.2003