Er war ein feiner Mensch
Luis
Lintner zum Gedenken
Pina
Rabbiosi, seine engste Mitarbeiterin, hielt bei der Seelenmesse in Cajazeiras/Salvador
do Bahia, Brasilien und bei seiner Beerdigung in Aldein am 24. Mai 2002 folgende
Gedenkrede:
“Das
Testament, das uns Luis hinterlassen hat, ist sein Leben selbst. Luis war als
Person und als Priester ein Vorbild für alle, die ihn kennen gelernt haben, er
war ein stiller, nachdenklicher Mensch, wie man nach und nach mehr entdecken
konnte. In den 21 Jahren, die ich mit ihm leben durfte, hat sich mir dieser
"Diamant" sowohl im Alltag als auch in unseren oft sehr schwierigen
und herausfordernden Tätigkeiten in seiner ganzen Schönheit gezeigt. Ich
erlebte Luis so, dass ich jeden Tag etwas Positives und Bewundernswertes an ihm
entdecken konnte, er war ein Vorbild an Güte und Geduld. Seine Haltung hat ihn
charakterisiert als Menschen des Hinhörens und des Respekts; als einen, der
sich immer in den Dienst der Kleinen gestellt hat; als Priester, der sein Amt
immer als Geschenk und Dienst gelebt hat; als zutiefst kohärente Person, als
Armen unter Armen.
Luis
war in allen Momenten seines Lebens und seines priesterlichen Wirkens ein
Erzieher, er wollte, dass die Menschen
denken lernen, als Handlungsträger ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen. Er
wollte nie Unterricht erteilen oder große Vorträge halten, denn er war sich
bewusst, wie jeder andere Mensch auch nur ein kleines Stück Wissen und Wahrheit
in sich zu tragen; deshalb hat er sich immer neben die anderen gestellt, unabhängig
davon, welche Kategorie oder Gruppe von Personen er um sich hatte. Mit
unterschiedlichsten Methoden und Dynamiken (seine Kreativität war wie eine
unerschöpfliche Quelle) regte er die aktive Teilnahme der anderen an, ja
provozierte sie. Er fürchtete auch das Schweigen nicht, sondern konnte warten
und innehalten, solange es notwendig war, bis sich jeder ausdrücken oder
einbringen konnte, sei es in Studien- oder Reflexionsgruppen, sei es in Gruppen
des gemeinsamen Suchens oder in gemeinschaftlichen Versammlungen. Er
respektierte und schätzte jede Position und jede Erfahrung, er ging mit
Konflikten um, ohne sich selbst zu verstellen oder irgend einen anderen
anzugreifen. Er hat niemals jemanden gedemütigt.
Es
waren die Kleinen, die ihn zuerst als Menschen des Dienstes erkannt haben. Wir
haben Rosy kennen gelernt, als sie noch unter einem Baum lebte, ihr Mann war Säufer,
ihr Kind hat nie ein Kleid oder Schuhe getragen, sie selbst war psychisch schwer
krank. Nach einer langen Begleitungszeit haben wir für Rosy und ihre Familie
einkleines Haus gekauft. Ein Mitarbeiter von Luis hat die hygienischen und
elektrischen Einrichtungen erledigt. Nach einigen Monaten kam Rosy eines Morgens
in unser Haus, aufgeregt fragte sie nach Padre Luis: „Ich weiß nicht,
vielleicht habe ich die Toilette falsch benutzt, aber sie ist verstopft, es geht
nichts mehr runter ... kannst du mir helfen?“ Luis bat sie um ein wenig
Geduld, er habe jetzt eine Verpflichtung, aber er werde kommen und nachschauen.
Nach dem Mittagessen; fast heimlich, hängte er sich die Schürze um, nahm den
Werkzeugkasten und ging zu Rosy ...
Luis
hat sein priesterliches Amt nie als Instrument des Privilegs oder des persönlichen
Vorteils benutzt. Erst nachdem er nach
vielen Jahren Arbeit eine Liturgiegruppe aufgebaut und noch später eine kleine
Schar von Ministranten beisammen hatte, die aktiv mit ihm Liturgie feiern und
gemeinsam mit ihm um den Altar sitzen konnten, nahm Luis seinen Platz im
Presbyterium ein. Er hat sich immer geweigert, einen anderen Stuhl zu haben als
die anderen, und als die Frauen, die die Kirche oder den entsprechenden Raum für
eine Liturgie vorbereitet hatten, ihm einen besonderen Stuhl hinstellen wollten,
tat er so, als hätte er ihn nicht gesehen, setzte sich auf seinen alten Stuhl
und überließ den „Thron“ einem der Ministranten oder Lektoren. In den
kleinen Basisgemeinschaften hat er sich nie auf den Priesterstuhl beim Altar
gesetzt, immer hat er eine schwangere oder alte Frau gefunden, um ihr den Platz
zu überlassen. Wenn es Umtrunke gab, kleine Imbisse geschwisterlichen
Beisammenseins, stellte er sich in der Reihe immer hinten an, oft war alles
schon fertig, als er an die Reihe kam; da zog er sich trotzdem glücklich in die
Küche zurück und half den Frauen beim Abwaschen.
Luis
hat jede Tätigkeit seines priesterlichen Dienstes mit Ernsthaftigkeit und
Einsatz ausgeübt. Seine Predigten hat
er immer sorgsam und mit großem Zeitaufwand vorbereitet. Schon zu Beginn der
Woche hat er seine Bibel aufgeschlagen und die entsprechenden Stellen gelesen.
Oft hat er viele Nächte dafür aufgebracht, wenn die Tage zu kurz waren. Jede
Zusammenkunft, jeden Kurs, für den er verantwortlich war, hat er mit dem
gleichen Aufwand vorbereitet. Manchmal sah ich, wie er traurig Anfragen zurückweisen
musste, weil er wusste, es würde ihm die Zeit fehlen, um sich gewissenhaft auf
etwas vorbereiten zu können.
Sein
Lebensstil war von äußerster Kohärenz und Konsequenz geprägt.
Luis hat an ein einfaches Leben geglaubt und dieses gelebt. In den Häusern, in
denen wir gewohnt hatten, hat er für sich immer das kleinste Zimmer ausgesucht.
Sein Schlafzimmer war leer wie eine Klosterzelle. In der Stadt selbst hat Luis
nie ein Taxi in Anspruch genommen. Luis hat immer Sandalen getragen, auch bei
offiziellen Momenten, sei es auf kirchlicher oder sozialpolitischer Ebene. Das
einzige Paar Schuhe, das er besaß, wurde nur vor seinem Heimaturlaub
herausgeholt und abgestaubt. Padre Luis hatte immer nur eine Albe, die letzte,
die er hatte, war ihm schon viel zu kurz, weil sie immer wieder ein Stück
„hinaufgenäht“ wurde, um den verbrauchten Stoff zu verdecken.
Luis
liegt barfuß in der Bahre, denn so ist er durch das Leben gegangen.
Padre
Luis hinterlässt uns eine Aufgabe: arme Kirche zu sein unter den Armen und
Zeichen der zärtlichen Liebe Gottes unter den Kleinen dieser Welt.”
Pina
Rabbiosi
Eine Welt, OEW Rundbrief,
Juli August 2002