Wir sollten Buddhisten werden,  um bessere Christen zu sein!“

Der bekannte Kirchenkritiker Eugen Drewermann plädierte vor kurzem bei einem Vortrag in Bruneck für die Neubegründung des Glaubens.

Eugen Drewermann

wurde 1940 geboren, wurde katholischer Priester und lehrte von 1979 bis 1991 als Privatdozent an der Katholischen Theologischen Fakultät Paderborn. Wegen seiner scharfen Kritik an der Amtskirche erhielt er 1991 Lehrverbot. 1992 wurden ihm auch das Predigen und die priesterliche Tätigkeit untersagt. Seitdem arbeitet er in Paderborn als Psychotherapeut. Mit seinen Büchern und Äußerungen steht er seit Jahren im Mittelpunkt kontroverser Debatten. Als Religionskritiker geht es Drewermann nicht darum, die Religion abzuschaffen, sondern deren Heilsversprechen neu herauszuarbeiten.

Wer mit der katholischen Amtskirche nicht klar kommt, dem ist Eugen Drewermann ohne Zweifel ein Begriff. Denn seit 20 Jahren bringt dieser streitbare Theologe seine unkonventionellen Ansichten mittels Büchern und in Fernsehsendungen unters interessierte Volk. Seit 1991 ist sein wirken allerdings etwas eingeschränkt, denn der Obrigkeit wurde seine Kritik allzu scharf, also erlegte sie ihm ein Lehrverbot auf. Offiziell dürfte Drewermann von kirchlichen Organisationen gar nicht zu öffentlichen Vorträgen eingeladen werden. Dem katholischen Verlagsanstalt Athesia mit einem theologischen Präsidenten ist es dennoch gelungen, ihn zu insgesamt drei Vorträgen nach Südtirol zu holen. Und der Theologe und Psychotherapeut gab sich dabei streitbar wie eh und je. Im Pacherhaus in Bruneck sprach er zum Thema "Hat der Glaube Hoffnung?" Auch wenn Drewermann nach jahrelangem Kampf etwas müde wirkte, beantwortete er die selbst gestellte Frage selbstverständlich mit ja. Allerdings muss seiner Ansicht nach zwischen Glaube und katholischer Kirche als Institution streng unterschieden werden. Drewermann: " Während die katholische Kirche ihren fundamentalistischen Dogmatismus verwaltet und unzählige Menschen unglücklich und neurotisch werden lässt, weil sie am Leben hindert, ist der Glaube im Sinne Jesu eine Haltung des Vertrauens, der persönlichen Unmittelbarkeit zu Gott. Solches Vertrauen ist angstlösend, nicht angstbindend. Es schafft Spielräume, anderen Menschen zu begegnen, und hilft, mit den persönlichen Schwierigkeiten des Lebens fertig zu werden. Vertrauen ist eine unerlässliche Voraussetzung zum Glücklichsein."

Psychotherapie und Religion

Weil Drewermann überzeugt ist, dass das Christentum im Unterschied zum Judentum oder Islam, die Gesetzesreligionen sind, eine „therapeutische Religion“ ist, hat er sich immer mehr der Psychotherapie zugewandt: „Auch Jesus hat immer wieder Menschen geheilt. Es gelang ihm, von Gott so gütig zu sprechen, dass sich die Angst der Menschen legte, die bis in die Seele und den Körper hinein krankheitsverursachend wirken kann. Um diese Funktion der Religion nachzubilden, müssen wir Psychotherapie und Religion zu einer Synthese bringen.“ Dass die Menschen der Kirche in Scharen davonlaufen, ist für Drewermann nicht weiter verwunderlich: „Die Menschen haben an der heutigen Kirche kein Interesse mehr, die mehr Neurosen produziert als heilt, die ihnen einen äußeren Zwang auferlegt, statt sie zu befreien. Es macht sich ein gewisser Enttäuschungsatheismus breit. Das System der unfehlbaren Offenbarung und des absoluten Wissens, das die Bischöfe und der Papst verbreiten, macht die Menschen unmündig. Wenn die Kirche die Menschen nicht mündig macht und den Dialog als einen kreativen Prozess der Erkenntnis versteht, hat sie keine Zukunft.“

Buddhisten werden

Als Psychotherapeut hat Drewermann immer wieder die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen unter Gott vor allem „die Ängste ihrer Kindertage verstehen, infantile Bindungen, verzweifelte Suche nach Liebe, die ständige Untertänigkeit unter Ersatzautoritäten.“ Die Lösung dieses Problems liegt nicht dann, Gott und die Religion insgesamt über Bord zu werfen und sich dem Atheismus hinzugeben, denn für Drewermann hat der Atheismus „zwar eine reinigende Funktion, er beantwortet aber nicht die Fragen, die wir Menschen wirklich haben. Die Religion ist nötig, um die Welt und die Stellung des Menschen in ihr zu verstehen.“ Religion muss für Drewermann allerdings keineswegs eine christliche sein: „Offenbarung bedeutet, dass Menschen die Rollos ihrer Seele hochziehen und die Sonne hineinlassen. Diese Menschen lassen sich durch Angst nicht mehr ins Bockshorn jagen, sondern blicken über sich selbst hinaus. Das Muster dafür ist Buddha. Er widerlegt das Leid durch seine Stille. Auch Jesus hat den Hass durch seine Liebe widerlegt. Das sind Schritte zum wahren Menschsein. Menschsein besteht, Träume zu haben, die wirklicher sind als die Wirklichkeit. Religiöse Visionen widerlegen das, was wir wirklich nennen. Nur deshalb ist Religion ein Ort von Hoffnung. Wir sollten Buddhisten werden, um bessere Christen zu sein.“ Die Bibel wird von den meisten Theologen bis heute als historisches Informationsbuch verstanden, was sie für Drewermann nicht ist. Für ihn ist sie ein Buch voller wunderbarer Symbole, die weit über die Historie hinausgehen.

Ekstase

In seiner unnachahmlich feinsinnigen Weise hat Drewermann in Bruneck eineinhalb Stunden lang ohne Manuskript über Gott und die Welt geredet und die vielen Zuschauer (das Pacherhaus war übervoll) in seinen Bann gezogen, um nicht zu sagen, in religiöse Ekstase versetzt. Aber im Ernst: Wem der Glaube heute noch ein Anliegen ist, war mit diesem Vortrag sehr gut bedient. So mancher könnte durch diesen Vortrag auch zum Umdenken veranlasst worden sein. Der Athesia sei also gedankt, dass sie Drewermann im Rahmen ihrer Vortragsreihe „Leben in einer verletzbaren Welt“ nach Südtirol geholt hat. Mitorganisiert haben das Südtiroler Kulturinstitut, die Raika - Banken von Bozen und Bruneck, Grain und die Stadtgemeinde Bruneck. Was im Pacherhaus in Bruneck allenfalls störte, war der betont kommerzielle Charakter der Veranstaltung: Ganze Berge von Büchern waren im Foyer aufgetürmt und wurden während und nach dem Vortrag verkauft. Da fragte sich so mancher: Wer ist der Athesia nun wichtiger: Drewermann oder der Mammon?

Pustertaler Zeitung, Nr. 21, 27. September 2002, S. 18.

 „Krieg ist Krankheit – keine Lösung“

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Autorenbegegnungen der besonderen Art“, deren Herbstveranstaltungen den Titel „Leben in einer verletzbaren Welt“ tragen, war der Schriftsteller, Theologe und Psychotherapeut Eugen Drewermann in Bozen zu Gast: Der überzeugte Pazifist Drewermann sprach zu Thema „Krieg ist Krankheit – keine Lösung“ und verlieh dabei seiner These Gehör, dass Krieg kein Heilmittel, eine Therapie sei, sondern Wahnsinn. „Der Krieg ist eine Wunde in der Seele der Menschen, deren Schmerz nach immer grausameren Taten ruft. Doch kein Krieg schließt die Wunde. Jeder neue Krieg mach sie von mal zu Mal nur noch tödlicher“, so Drewermann. Der streitbare Kirchenmann aus Paderborn ist davon überzeugt, dass die Spirale der Gewalt durchbrochen werden muss. Nach seinem Vortrag stand Drewermann noch für Fragen zur Verfügung und signierte fleißig Bücher.

Dolomiten, 19.9.2002, S. 12