Der sich offenbarende Gott und sein Berg

Zion der Gottesberg - Berg Sinai kein historischer Ort?

Der Religionslehrer Hans Peter Sieder hat in seiner Diplomarbeit an der Phil.-Theol. Hochschule Brixen (betreut von Prof. Arnold Stiglmair) die Geschichte und Bedeutung des Gottesberges Zion und seine Beziehung zum Berg Sinai untersucht. Hier eine Zusammenfassung der interessanten Ergebnisse, ein religiöser Beitrag zum Jahr der Berge.

Der Zion, also jener Hügel, auf dem sich die Stadt Jerusalem ausbreitet, wird im Alten Testament als der Gottesberg angesehen.

Jerusalem wurde im Laufe der Geschichte zu dem Ort mit dem alleinigen Heiligtum Israels, dem Tempel. Den Grundstein dazu legte König David. Nachdem er König über Juda und Israel geworden war, eroberte er Jerusalem, das bis zu diesem Zeitpunkt ein kanaanäischer Stadtstaat gewesen war. So machte er aus dem trennenden Sperrriegel ein Bindeglied beider Reiche und, indem er die Stadt zur Hauptstadt erhob, deren neuen Mittelpunkt. Seiner politischen Tat folgte die religiöse, nämlich die Überführung der Lade, Ort der unsichtbaren Gegenwart Gottes, nach Jerusalem Diese Ereignisse, und nicht so sehr die geografische Gegebenheit, bildeten die Voraussetzung dafür, dass der Zionshügel zum Gottesberg wurde. Folgende theologische Bekenntnisinhalte sind mit ihm verbunden.

Jene Kreise, die später  Jerusalem zum einzigen Ort des Gottesdienstes machten, schufen den Gedanken von der Erwählung: Jahwe hat den Zion zu seinem Wohnsitz erkoren, er ist hinaufgezogen, um dort künftig zu wohnen. Die Erwählung des Zion geschieht aufgrund innerer Zuneigung Gottes zu diesem Ort.

Besonders breiten Raum nehmen verschiedene Vorstellungen von der Gegenwart Gottes ein: der Berg Zion wird mit den Begriffen Wohnung, Haus, Heiligtum, Hütte, Zelt, Palast, Thron und Fußschemel in Verbindung gebracht oder selbst so bezeichnet. Einige der aufgezählten Wörter können sich aber auch auf den himmlischen Bereich beziehen, so dass sich die Frage stellt, wie sich das Wohnen Gottes im irdischen Bereich zu seinem Wohnen im Himmel verhält. Die altorientalische Architektur, Ikonographie und Sprache bezeugen, dass das Heiligtum als Abbild des ganzen Kosmos verstanden wurde. Dahinter steht wahrscheinlich die Vorstellung vom Gottesberg, der in den Tiefen der Erde gründet und in den Himmel hineinragt. Im Tempel sind also die Grenzen zwischen Diesseits und Jenseits aufgehoben. In der Bibel findet sich ein Beleg dieser Vorstellung in Jes 6,1: Jahwes Gewandsäume allein reichen schon aus, um das Tempelgebäude zu füllen, sein Thron reicht vermutlich bis zum Himmel. Abhängig von den geschichtlichen Ereignissen und wohl auch von der persönlichen Situation des einzelnen Gläubigen wurde Gott verschieden erfahren: nahe und bergend oder ferne und unzugänglich. Die Wohnvorstellung betont stärker die Nähe Gottes, die Vorstellungen von Thron und Fußschemel sowie die Höhe unterstreichen mehr die Unverfügbarkeit oder Ferne Gottes. Ob Nähe oder Ferne, Zuwendung oder Unzugänglichkeit Gottes, in der Gottesbergvorstellung sind alle diese Erfahrungsmöglichkeiten enthalten.

Vom Weltberg Zion aus übt Jahwe seine universale Königsherrschaft aus. Der Baal vom nordsyrischen Götterberg Zaphon ist entthront, Jahwe vom Zion nimmt nun dessen Platz ein und erhebt Anspruch auf alleinige Herrschaft. Als König gewährt er Schutz und Hilfe, andererseits erweist er seine Macht.

In den Schöpfungsgeschichten des Alten Orients begegnet die Vorstellung vom Auftauchen des Weltberges aus den Chaosfluten am Ursprung der Zeiten. Auch der Bibel ist dieser Gedanke nicht ganz fremd: Die Paradiesesquelle teilt sich in die vier Weltströme auf; dieses Motiv in Gen 2 deutet an, dass das Paradies auf dem Weltberg Zion gelegen ist  und dass somit von dort das Schöpfungswerk Jahwes seinen Ausgang nimmt. Als Schöpfergott  hat Jahwe auch die Macht, die Nöte des Lebens zu wenden, denn es sind nicht die Berggottheiten, an die sich der Beter wendet, sondern es ist der Gott vom Zion: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen: Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt von Gott, der Himmel und Erde gemacht hat“ (Ps 121,1-2).

Ein weiteres Motiv, das gerne in Verbindung mit dem Gottesberg auftritt, ist jenes vom Wettergott, der die ungestümen Fluten des Meeres bändigt. Jahwe als Bekämpfer des Chaos - Chaos ist Inbegriff für Sinnlosigkeit, Unordnung und Zerstörung - hat die Attribute kanaanäischer Gottheiten an sich gezogen.

Vom Zion aus kämpft Jahwe auch gegen die Völker und ihre Könige, die in feindlicher Absicht gegen den Gottesberg ziehen; er bezwingt sie und hält am „Tag Jahwes“ Gericht über sie. Nach der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier kommt die Vorstellung vom Gottesberg als Wallfahrtsziel der Völkerwelt auf; die Sehnsucht nach dauerhaftem Frieden führt sie dorthin.

Der Tempelberg ist der Ort, von dem aus die Tora an Israel ergeht, welche vor allem als Lebenshilfe zu verstehen ist.

Die Anwesenheit Gottes auf dem Zion verleiht diesem verschiedene Eigenschaften. So wird der Zion häufig als heiliger Berg bezeichnet. Diese Bezeichnung begegnet häufig im Zusammenhang mit dem Heiligtum, dem Tempel. Die frommen Juden haben dort die Gegenwart Gottes besonders intensiv erleben können.

Eine andere Eigenschaft, die dem Zion von Gott her zukommt, ist seine Höhe. Mit seinen 743 m ü. d. M. nimmt er sich eher wie ein bescheidener Hügel aus. Sogar die Berge in seinem Umkreis sind um einiges höher, gar nicht zu  reden von den anderen bedeutsamen Bergen Palästinas. Die alttestamentlichen Aussagen beschreiben ihn aber nicht in seiner natürlichen Gegebenheit, sondern preisen seine stattliche Höhe: er ist der wirkliche Götterberg, der eigentliche Zaphon, und am Ende der Zeiten wird er weithin sichtbar alle Berge überragen.

Die künstliche Überhöhung des Berges hat als einziges Ziel, die Größe und Einzigkeit Gottes hervorzukehren.

Eigenschaften, die dem Zion als Wohnsitz des ewigen Gottes zukommen, sind seine Dauerhaftigkeit und Unbezwingbarkeit. Chaosfluten und Feindvölker können ihm darum nichts anhaben.

Dem Schöpfungswirken Jahwes verdankt der Zion seine Fruchtbarkeit. Ausgehend vom Tempel als kosmischer Mitte fließen Ströme in das Land hinaus und bringen Fruchtbarkeit und Leben. Das Segenwirken Jahwes bleibt nicht nur auf die Fruchtbarkeit des Landes beschränkt, sondern wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus.

Neben dem Zion scheinen in einigen sehr alten Texten noch andere Orte als „Heimat“ Jahwes auf, darunter Sinai. Sinai wird hier als Region verstanden, „aus der Jahwe kommt“.

In jüngeren Texten hingegen, u. z. in jenen, welche von den Erfahrungen des Gottesvolkes in der Wüste erzählen, wird der Sinai als Berg bezeichnet, auf den Jahwe herabkommt, um sich Israel zu offenbaren. Diese beiden Modelle sind auseinander zu halten.

Mehrere Beobachtungen sprechen dagegen, den Berg Sinai als historischen Ort der Offenbarung Gottes zu verstehen. In den frühchristlichen Jahrhunderten waren nämlich christliche Mönche auf die Sinaihalbinsel gezogen, um dort als Eremiten zu leben. Diese Eremiten ihrerseits lockten christliche Wallfahrer an, die das Bedürfnis hatten, die biblische Geschichte von der Offenbarung Gottes auf dem Berg Sinai durch die Verknüpfung mit einem konkreten Berg zu orten. Der heutige „Moseberg“ auf Südsinai wurde also damals von christlichen Wallfahrern aus der Taufe gehoben.

Dann sind da verschiedene liturgische Momente  in der Erzählung der Ereignisse am Berg Sinai, welche an den Jerusalemer Tempelgottesdienst denken lassen: der Hörner- und Posaunenschall, Mose als charismatischer Mittler, der alleine ins geheimnisvolle Dunkel hineingehen darf, während das Volk wie in einer Prozession aus dem Lager geführt wird, das Sprengen des Blutes an den Altar und über das Volk.

Gegen das Verständnis des Berges Sinai als historischen Ort der Offenbarung Gottes spricht auch die Tatsache, dass die „Zehn Gebote“ in zwei verschiedenen Fassungen überliefert sind, wobei die jüngere Textgestalt die überarbeitete ältere Fassung darstellt. Die biblische Erzählung von der eigenhändigen Übergabe der Gesetze durch Jahwe an Mose knüpft an altorientalische Darstellungen an, wonach die Übergabe von Gesetzestafeln an den Herrscher durch die auf dem Weltberg thronende Schöpfergottheit den göttlichen Anspruch von Gesetzen zum Ausdruck bringt. Die Ereignisse um den Berg Sinai sind also „nur“ theologische Erzählung.

Aufgrund welcher Erfahrungen aber entstand nun die Geschichte von der Offenbarung Gottes auf dem Berg Sinai? Die ersten Verehrer eines Gottes Jahwe waren vermutlich Wanderhirten auf Sinai. Sie erlebten ihren Gott anders als ihre ägyptischen Nachbarn: als „Jahwe“, der „aus Sinai“ in Macht ihnen zu Hilfe eilt und ihnen Leben schenkt. Die Botschaft vom rettenden Wüstengott, die sinaitische Wanderhirten nach Kanaan brachten, wurde auch für die Stämme des vorstaatlichen Israel bestimmend. Denn die Tatsache, dass sie als Gruppen unterschiedlichster Herkunft eine Gemeinschaft bildeten und der Bedrohung durch die kanaanäischen Kulturlandstaaten standhielten, erlebten sie als Geschenk des „Jahwe, der aus Sinai auszieht“.

Als Israel ein Königreich unter anderen geworden war, wurde der Berg Zion zum Berg Jahwes, wobei die meisten theologischen Bekenntnisinhalte von den kanaanäischen Nachbarn übernommen wurden. Um aber die Gefahr der Gleichsetzung des Zion mit den kanaanäischen Götterbergen zu unterbinden und einzuschärfen, dass der Jahwe vom Zion unendlich anders ist als die Götter Kanaans, hat man, die Geburtsstunde der Jahwereligion in der Wüste Sinai vor Augen und vor allem eingedenk der Tatsache, dass sich das Volk Israel als Volk Gottes dem Jahwe aus Sinai verdankt, erzählerisch einen Berg in die Wüste Sinai verlegt, den „Berg Sinai“. Mehrere gleiche theologische Bekenntnisinhalte und verschiedene Momente aus dem Jerusalemer Tempelgottesdienst lassen erkennen: Unter dem Deckmantel des Sinai verbirgt sich der Zion. Andererseits – und das ist das Besondere – ist der Sinai der Ort der Erstvorstellung Gottes und der Eröffnung eines besonderen Gottesverhältnisses, welches einerseits in der liebenden Zuwendung Gottes an Israel (Bundesschluss) und andererseits in der Mitteilung der Gesetze besteht, deren Einhaltung die von Gott der Welt eingestifteten Lebensordnung aufrecht erhalten.

So bewahrte Israel jene Erfahrungen aus der Wüstenvergangenheit, die für seine Entstehung als Gottesvolk bestimmend waren. Weil auf dem Zion der Jahwe vom Sinai verehrt wird, kann er den Anspruch erheben, der eigentliche Götterberg Zaphon zu sein.

Hans Peter Sieder, St. Georgen