“Ich hätte eigentlich alle Forderungen unterschrieben“

Weihbischof Helmut Krätzl zum Kirchenvolksbegehren

Der Wiener Weihbischof Helmut Krätzl nahm im Rahmen der Sendung Kreuz & Quer des ORF am 15.10.2002 auch zum Kirchenvolksbegehren Stellung. Er sprach über seine Erfahrungen und die Perspektiven der Kath. Kirche in Österreich seit Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils vor 40 Jahren.

Er betonte zunächst, dass die Kirche, die er liebe, eine sein müsse, die sich immer reformiert und dass sich seit dem Konzil die Rolle zwischen Hierarchie und Laien neu verteilt habe. Zum Kirchenvolksbegehren von 1995 sagte er:

Kreuz & Quer: Haben Sie das Kirchenvolksbegehren unterschrieben?

Helmut Krätzl: Nein, das habe ich nicht unterschrieben, aber ich muss ihnen gestehen, dass ich immer in Kontakt mit Thomas Plankensteiner (einer der Hauptinitiatoren in Österreich, Anm. d. Red.) war. Mir ist die Bündelung dieser fünf Fragen zu eng gewesen. Das habe ich damals auch gesagt. ... Aber ich habe immer, wenn die Rede darauf gekommen ist, vertreten, dass das sehr gut gemeint war – ich weiß nicht, ob es sehr klug war - und dass wir vor allem mit diesen Menschen, die das initiiert haben, im Gespräch bleiben müssen und dass wir die Fragen, die sie wieder aufgeworfen haben, sehr ernst nehmen müssen.

Kreuz & Quer: Wenn sie nicht Bischof gewesen wären, hätten sie es dann unterschrieben?

Helmut Krätzl: Das weiß ich nicht. Ich weiß ja nicht, in welcher Seelenlage ich dann gewesen wäre. Als Bischof habe ich ja doch das Bewusstsein, ich kann ein bisschen was mit bewegen. Wenn ich vielleicht ein kleiner Laie gewesen wäre, hätte ich mir auch ein Ventil gesucht. Das ist schon möglich. Aber ich kann es nicht sagen.

Kreuz & Quer: Als kleine Laiin frage ich sie: Wenn die Fragen einzeln gewesen wären, welche hätten sie unterschrieben?

Helmut Krätzl: Ich hätte eigentlich alle unterschrieben. Nur glaube ich, dass die Frage der Frau zugespitzt auf die Priesterweihe der Frau viel zu früh gekommen ist. ...... Zeiten der Krise sind auch, wie im menschlichen Leben, Zeiten der Erneuerung, wenn die Krise überwunden ist. Wir müssen uns mit aller Kraft und mit aller gläubigen Zuversicht, wie wir es von Johannes XXIII. gelernt haben, diesen neuen Herausforderungen stellen.“

II. Vatikanisches Konzil verstärkt umsetzen

Der Vorstand der Initiativgruppe für eine lebendigere Kirche erinnerte am 11. Oktober daran, dass vor 40 Jahren das II. Vatikanische Konzil begonnen hatte. Allerdings sei es in all seinen Visionen und Chancen noch keineswegs eingelöst. Die Initiativgruppe möchte deshalb als kritisches Ferment im Geist des Konzils weiter arbeiten. Das II. Vatikanische Konzil sei ein Meilenstein in der Kath. Kirche. Viele Visionen des Konzils seien aber nur beschränkt in die Tat umgesetzt worden, so dass sich die Kirche auch deswegen heute in einer tiefgreifenden Krise befinde, was unter anderem am akuten Priestermangel erkennbar werde, betonte der Vorstand in einer Presseaussendung

Ein Beispiel: Auch wenn das Volk Gottes in der Kirchenkonstitution „Lumen Gentium“ vor die Hierarchie von Papst, Bischöfen und Priestern gestellt wurde - eine Forderung des verstorbenen Bischofs Joseph Gargitter – hätten die Gläubigen nach wie vor keine ausreichenden Mitentscheidungsmöglichkeiten z.B. über Strukturen der Kirche, Zulassungsbedingungen für Priester, Mitarbeit in den Pfarreien, Fragen der Sexuallehre. Abkehr und stiller Auszug aus der Kirche seien die verheerenden Folgen. Die Hoffnung auf Erneuerung der Kirche sei aber nach wie vor lebendig. Das machten das Kirchenvolksbegehren von 1995 und weltweite Umfragen deutlich. Deshalb will der Vorstand weiterhin kritisches Ferment in der Kirche sein, Probleme aufzeigen und immer wieder konstruktive Vorschläge einbringen.

Der Geist des II. Vatikanischen Konzils lasse sich nicht aufhalten, gibt sich der Vorstand überzeugt. Die Umsetzung des Konzils könne höchstens verzögert werden. Gott sei mit seinem Volk nämlich immer unterwegs.