Weihnachten - das Friedensangebot Gottes

Es ist nie zu spät

Der Frieden ist ein Geschenk. Der Frieden ist aber auch ein Auftrag. Beides ist so eindeutig und klar wie zwei mal zwei immer vier ist.

Kein Wort der Welt wird im Augenblick mehr herbeigesehnt und umworben, mehr umhegt und geliebt, mehr besprochen und beschworen als das Wort Frieden.

Schon immer spürten die Menschen, dass Frieden die notwendige Voraussetzung des menschlichen Zusammenlebens ist. Traf im frühen orientalischen Leben ein Fremder auf den ausgewiesenen Bezirk eines Nomadenzeltes, entbot er den Gruß des Friedens, Shalom: ich bin schwach, hilflos, wehrlos, verletzbar, ich komme in bester Absicht. Der Gastgeber öffnete mit einem gleichen Gruß des Friedens seine kleinen Grenzen und offenbarte ihm ebenfalls: ich bin auch schwach, hilflos, wehrlos, verletzbar. Der konkrete Friedensgruß war immer ein Friedensangebot von beiden Seiten.

Mit dem Wort Frieden ist mehr umschrieben, als wir gemeinhin annehmen. Es heißt nicht nur kein Krieg, sondern bedeutet immer auch Ruhe in der Ordnung, zündende Freude, Gemeinsamkeit in Unbekümmertheit und Vertrauen, Geborgenheit und tolerierende Zuwendung, Übereinkunft und Harmonie, ausgleichende Gerechtigkeit und befreiende Weite, lachende Mitmenschlichkeit, Fülle des Wohlwollens, Gesundheit des Leibes und der Seele. Frieden in diesem Sinn ist Menschwerdung und größere Sinnfindung des Lebens.

Frieden ist auch der erste Ton der Versöhnung, der im Neuen Testament erklingt. Hirten hocken in der Kälte der Nacht. Plötzlich tritt das Licht eines Engels, eines persönlichen Boten von Gott, zu ihnen und schenkt ihnen die Wohltat des Friedens. Gott kommt zu den Menschen und wird Mensch. In dieser Menschwerdung Gottes ereignet sich das Friedensangebot Gottes an uns. Gott begegnet uns wie ein Bittender und bietet seinen Frieden an. Er sagt auch, dass er schwach, hilflos, wehrlos, verletzbar ist. Sein Shalom ist ein Geschenk, zugleich unsere Verpflichtung und unsere Aufgabe. Seit diesem weihnachtlichen Ereignis hat der Frieden sein Zuhause in Bethlehem. Dieses Geschenk Gottes und dieses sein Friedensangebot ist aber inzwischen heimatlos geworden und sucht immerfort bei allen Menschen ein neues Zuhause. Frieden, Geschenk und Aufgabe, heißt für einen jeden von uns, dem Frieden ein wirkliches Zuhause zu geben, täglich, stündlich.

Kürzlich wurde bei einem Fachgespräch unter Sprachkennern festgestellt, dass das Wort Friede besser sei als das Wort Frieden. Friede sei feierlich, auch älter und vor allem vornehmer. Frieden dagegen sei abgegriffener, banaler, alltäglich. Genau das ist es: der Friede muss aus dem feierlichen Raum und aus der erstarrten Gebärde des Segnens heraus, er muss als Kleingeld in unsere Tage, er muss stündlich durch unsere Hände, damit er aufstrahlen kann im eigenen und in anderen Herzen. Der Frieden muss so gewöhnlich werden wie die Luft zum Atmen. Das Geschenk des Friedens muss durch unsere lebendige Aufgabe zur täglichen Ware und zu unser aller Nahrung werden. So ist es, wenn der Frieden bei uns sein Zuhause hat.

P. Hans Wallhof