Etty
Hillesum
„Das
denkende Herz der Baracke“
„Neun
eng beschriebene Hefte in kleiner, schwer lesbarer Handschrift, so fand ich vor,
was mich danach nahezu unablässig beschäftigte: das Leben von Etty Hillesum.
In den Heften entfaltet sich die Geschichte einer Frau, 27 Jahre alt, wohnhaft
in Amsterdam-Süd. Es waren ihre Tagebücher aus den Jahren 1941 und 1942, also
Kriegsjahren, aber für den, der ihre Schriften liest, Jahre der persönlichen
Entwicklung und paradoxerweise der Befreiung. Es waren jene Jahre, in denen
Juden in Europa verfolgt und ermordet wurden. Etty Hillesum war Jüdin.“
Soweit
die ersten Zeilen aus dem Vorwort von J.G. Gaarlandt zu „Das denkende Herz.
Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941-1943“, die uns bereits die wesentlichen
Informationen zum Hintergrund der Tagebücher geben. Die in Taschenbuchformat
erschienen Auszüge aus den neun Heften beschreiben Etty als eine ungewöhnliche
junge Frau, die sich zu einem radikalen Altruismus bekennt und diesen auch
versucht zu leben. Die letzten Worte ihres Tagebuches lauten: „Man möchte
ein Pflaster auf vielen Wunden sein.“ Was geschieht Etty Hillesum nach dem
7.9.1943, dem Tag, an dem sie das letzte Blatt ihrer Tagebücher beschreibt? Der
Zug, in dem sie und ihre Familie 'transportiert' werden, geht nach Osten. Das
Rote Kreuz legt später Bericht ab von ihrem Tod am 30. November 1943 - in
Auschwitz. Niemand von der jüdischen Familie kehrt zurück.
Ungeheuer
spannend und lebensnah lässt Etty den Leser an ihrem inneren religiösen
Wachstum teilhaben. Sie ist eine „Gottsucherin“, die schließlich zur
Erkenntnis gelangt, dass Gott existiert. In ihren Aufzeichnungen spricht sie
Gott unmittelbar an, ohne eine Spur von Befangenheit: „Wenn ich bete, bete
ich nie für mich selbst, immer für andere, oder aber ich führe einen verrückten
oder kindlichen oder todernsten Dialog mit dem, was in mir das Allertiefste ist
und das ich der Einfachheit halber als Gott bezeichne.“ Und später: „Und
dadurch ist mein Lebensgefühl am vollkommensten ausgedrückt: ich ruhe in mir
selbst. Und jenes Selbst, das Allertiefste und Allerreichste in mir, in dem ich
ruhe, nenne ich <Gott>“. War sie im Grunde ihres Herzens eine
Mystikerin? Möglicherweise, aber eine, die schreibt: „Mystik muss auf
einer kristallenen Ehrlichkeit beruhen. Nachdem man zuvor die Dinge bis zur
nackten Realität durchforscht hat.“
Man
kann die Tagebücher der Etty Hillesum als rein historisches Dokument lesen.
Oder aber man lässt sich darauf ein, ihre literarisch verarbeiteten (religiösen)
Erfahrungen regelrecht zu meditieren:
"Es
ist kein Dichter in mir, es ist nur ein Teilchen von Gott in mir, das zum
Dichter heranwachsen könnte.
In
solch einem Lager sollte es einen Dichter geben, der das Leben dort, auch dort,
als Dichter erlebt und davon singen kann.
Wenn
ich nachts auf meiner Pritsche lag, mitten zwischen leise schnarchenden, laut träumenden,
still vor sich hin weinenden und sich wälzenden Frauen und Mädchen, die tagsüber
oft sagten: 'Wir wollen nicht denken', 'wir wollen nichts fühlen, sonst werden
wir verrückt', dann war ich oft unendlich bewegt, ich lag wach und ließ die
Ereignisse, die viel zu vielen Eindrücke eines viel zu langen Tages im Geist an
mir vorbeiziehen und dachte: Lass mich dann das denkende Herz dieser Baracke
sein."
"Das
denkende Herz",
Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941-1943,
hrsg. und eingeleitet von J.G. Gaarlandt,
rororo 990, ca. 5,10 Euro
Gelesen
und empfohlen von Lisa Hammer