Aufstand
gegen das Banale
Ist
es zu einer religiösen Trendwende gekommen?
Ein
Gespräch mit Paul M. Zulehner, Pastoraltheologe in Wien, über die Folgerungen
aus der europäischen Wertestudie.
PUBLIK-FORUM:
Herr Professor Zulehner, wo sind heute in der religiösen Landschaft Europas
die markantesten Veränderungen zu beobachten?
PAUL
M. ZULEHNER: In den europäischen
Metropolen beginnt sich in puncto religiöser Bedürfnisse eine Trendwende
anzubahnen. Das ist bemerkenswert, zumal man in den 70er Jahren in der
sogenannten „Säkularisierungsthese“ noch davon ausgegangen war, dass es
insgesamt zum Untergang der Religionen kommen werde. Doch diese These hat sich
überhaupt nicht bestätigt. Im Gegenteil: In der jüngsten Europäischen
Wertestudie gibt es klare Anhaltspunkte dafür, dass heute so etwas wie eine
Respiritualisierung des Lebens stattfindet.
PUBLIK-FORUM:
Wo liegen die Gründe für diese unerwartete Entwicklung?
ZULEHNER:
Es gibt zwei Hypothesen: Die erste, mehr defensive Erklärung geht davon aus,
dass die Religion dann auftaucht, wenn die Moderne in die Krise kommt und die
Menschen in der Folge ein hohes Schutz- und Sicherheitsbedürfnis entwickeln. Da
scheint sehr viel Wahres dran zu sein: Menschen beispielsweise, die durch den
11. September weltweit verängstigt und erschüttert worden sind, werden sich
nicht so schnell aus einem religiösen Gefüge herauslösen wie Leute, die in
den 70er Jahren in einer Zeit des optimistischen Fortschrittsglaubens gelebt
haben.
PUBUK-FORUM:
Und die zweite Hypothese?
ZULEHNER:
Die zweite Erklärung geht davon aus, dass unsere arbeits- und kaufwütige Spaßgesellschaft
einen drastischen Verlust an Tiefe erlitten hat - Jürgen Habermas sprach in
diesem Zusammenhang von der „eindimensionalen Gesellschaft“. Und vor diesem
Hintergrund könnte man die Respiritualisierung als einen produktiven Aufstand
gegen diese Banalität werten. Säkularisierung ist also nicht zwangsläufig der
Preis für die Modernisierung unserer Gesellschaft.
PUBLIK-FORUM:
Die Kirchen profitieren aber von dieser Wiederkehr der Religion kaum.
ZULEHNER:
Ein entscheidender Grund liegt darin, dass im Gefolge der 68er Revolte
insbesondere in Westeuropa eine grundsätzliche Skepsis gegenüber Institutionen
aufgekommen ist. Die studentische Revolte hat zu einem wachsenden Anspruch auf
Selbststeuerung des Lebens geführt, was so viel bedeutet, dass diese Personen
ihr Verhältnis zu Institutionen, Normen und Autoritäten umgebaut haben. Sie
haben sich zwar nicht völlig von ihnen verabschiedet. aber sie orientieren sich
nur mehr freiheitlich lose an diesen sozialen Einrichtungen. Das betrifft nicht
nur die Kirchen, sondern ebenso die Gewerkschaften und die politischen Parteien.
PUBUK-FORUM:
„Religion ja - Kirche nein“ ist demzufolge die aktuelle Kurzformel?
ZULEHNER:
Ich würde eher sagen: „Spiritualität ja - Kirche nein“. Sehr viele
Menschen leben heute auf einer religiösen Dauerbaustelle, sie holen sich
individuell die Materialien auf dem religiösen Baumarkt und er richten sich ihr
eigenes, maßgeschneidertes Religionsgebäude.
PUBUK-FORUM:
Welche Rolle kommt auf diesem religiösen Markt der Kirche zu?
ZULEHNER:
Die Kirchen müssten sich auf dem religiösen Markt so darstellen, dass sie eine
der besten Adressen für jene sind, die mit neuer Qualität religiös suchen.
Die Kirchen hätten an sich das Know-how, die Materialien, die Themen und die
Rituale, die für diesen Dialog geeignet wären. Aber es müsste sich um einen
freiheitlichen Dialog handeln - ohne jede Form der Bevormundung.
PUBLIK-FORUM:
Also wird die Kirche weiter als Instanz wahrgenommen, die seriöse
Orientierungshilfe anbieten kann, glaubwürdig ist?
ZULEHNER:
Für Osteuropa trifft auf jeden Fall zu, dass die Kirchen zu den meistgeschätzten
Institutionen gehören. Das ist nahe liegend, weil sie in den totalitären
Systemen des Kommunismus ja die letzten gesellschaftlich noch funktionierenden
Anwälte von Freiheit und Würde gewesen sind. Aber in Westeuropa liegt über
den Kirchen der Verdacht der Unfreiheit - des Antiquierten, der
Frauenfeindlichkeit und des Undemokratischen. Ich glaube allerdings, dass die
Kirchen besser sind als ihr Ruf. Denn sie sind auf die Zukunft hin wohl eine der
verlässlichsten spirituellen Quellen. Es handelt sich um eine Spiritualität.
die mit Solidarität einhergeht – das wird wahrscheinlich das Markenzeichen
der Kirchen sein.
Interview:
Benno Bühlmann
Publik-Forum, Nr. 4. 22.2.2002
Österreichweite
Pastoraltagung in Salzburg vom 10. - 12. Januar 2002
Wie
religiös ist diese Welt?
Zu
diesem Thema lud das Österr. Pastoralinstitut (ÖPT) zur Jahrestagung vom 10.
-12. Jänner in das Bildungshaus St. Virgil / Salzburg._ Welche Herausforderung
für die Pastoral stellen die gesellschaftlichen Entwicklungen auf Grund
religionssoziologischer Untersuchungen dar, war die Fragestellung. Ein Bericht
von Betriebsseelsorger Josef Gaupmann.
Religion
ist in Bewegung geraten, weil die Gesellschaft in Bewegung geraten ist. Die
konstantinische Volkskirche und ihr gesellschaftlicher Machtanspruch wurde in
der Zeit der "Pius-Päpste" (1850-1960) krankhaft geschützt vor den
angeblichen modemistischen Pluralitätsaufweichungen. Die Kirchen haben
Konkurrenz bekommen. Auf der Suche nach Antwort für Fragen des Lebens klopfen
Menschen zunehmend auch bei neuen Anbietern des Religiösen an. Erst das 2. Vat.
Konzil hat wieder Bewegung in die Kirche gebracht. Die Gemeindekonzepte der
70-er Jahre (Prof. Klostermann) sind nur zum Teil aufgegangen. De facto
existieren heute nebeneinander, eine gottesdienstzentrierte Ritenkirche, eine
kleine gemeindebewusste Insiderkirche und professionell verankerte Sozial- und
Kategorialkirchen.
Eine
Pastoral für heute muss akzeptieren, dass die Menschen sich die Bestanbieter
aussuchen. Das bringt unserer Kirche den Abschied von vielem Liebgewordenen,
bringt aber die Chance zur Rückkehr des Volkes Gottes "zur kreativen
Erinnerung an das Evangelium Jesu in Wort und Tat", so Prof. Dr. Rainer
Bucher / Graz. Daher wird Kirche in Zukunft zusehends sichtbar dort,
wo
das Volk Gottes sich solidarisch auf die Existenzprobleme der Menschen einlässt,
wo
das Evangelium in Worten und Taten erschlossen und das Leben vom Evangelium
her befreit wird,
wo
sich Kirche als Volk Gottes in pluralen Zeiten auch in flexiblen Zugehörigkeiten
organisieren kann.
Ein
Kirchenbild vom Fischernetz, mit vielen, miteinander verknüpften Zentren
bestimmte die Tagung. Es bietet Platz und Raum den Individuen und der Kommunio,
in ihm hat auch Amt und die Leitung seine besondere Funktion und Aufgabe.
Die
Kirche der Zukunft darf auf den Glaubensreichtum des Volkes Gottes vertrauen.
Auch unter neuen Formen des Sozialwesens verliert das Evangelium Jesu nichts von
seiner Ausstrahlung und Kraft.
o.k.
Forum für eine offene Kirche, St. Pölten, 2/Februar 2002