Zum Nachdenken
Die
Geschichte der Häuser, die für unbewohnbar gehalten wurden
Eines
Tages kam ein Engel vom Himmel, um zu sehen, was in den Wohnungen unseres Vaters
geschah. Es hatten sich nämlich viele Leute, als sie den Himmel erreichten, darüber
beklagt und erklärt, dass sie auf der Erde keine Wohnung im Hause des Vaters
gefunden hätten.
Die
Einwohner des Himmels waren erstaunt, und Gott beschloss, einen Engel auf die
Erde zu schicken, um zu sehen, was dort geschah.
Als
der Engel auf der Erde ankam, klopfte er an alle Türen und Fenster, die die
Wohnungen des Vaters hatten. Aber alle Häuser waren geschlossen und die Schlüssel
verschwunden; die Einwohner waren geflohen, und überall standen große Plakate
mit der Aufschrift: „Unbewohnbar“.
Nur
einige Häuser waren bewohnt. Die anderen waren leer. In den wenigen bewohnten Häusern
lebten besondere Personen: die die fünf Kirchengebote beachteten; die sonntags
den Gottesdienst besuchten; die Ritenpfleger; einige Leiter des Kirchenrechts;
einige Moralisten und Kirchenfürsten. Diese Personen waren die einzigen
Bewohner in den Wohnungen des Vaters geblieben; alle anderen Häuser waren leer.
Warum? Um das zu wissen, rief der Engel die wenigen, die in der Wohnung des
Vaters noch lebten, zusammen und fragte, wo die anderen Einwohner sich versteckt
hätten und warum diese Häuser für „unbewohnbar“ gehalten würden.
Die
Personen, die noch in den Wohnungen des Vaters lebten, erklärten dem Engel,
dass sie die Gedanken und Absichten Gottes vom geistlogischen, denklogischen,
hierarchischen, aristokratischen, kirchlichen und heilsgeschichtlichen
Standpunkt aus studiert hätten.
Sie
hätten herausgefunden, dass sie und nur sie das Recht hätten, im Hause Gottes
zu wohnen; dass sie und nur sie diese Wohnungen benutzen könnten.
Aus
diesen Gründen hätten sie nach und nach die Aufenthaltserlaubnisse zurückgezogen
und die Häuser für „unbewohnbar“ erklärt.
Die
Ohren des Engels summten unter dieser Lawine von Erklärungen. Er hatte
begriffen und wurde deshalb sehr , sehr traurig. Er rief Gott an und bekam
folgende Anweisung: „Geh in die Stadt. Bestelle neue Schlüssel. Schütze die
Häuser. Öffne alle Türen und Fenster. Nimm die Plakate weg und lösche das
Wort ‚unbewohnbar’ aus. Und auf die Plakate schreibe neue Namen.”
Und
Gott diktierte dem Engel ein langes Verzeichnis von Namen.
Sofort
begann der Engel mit der Arbeit. Er bestellte neue Schlüssel. Er forderte eine
Reinigungsfirma und ein Bauunternehmen zur Wiederherstellung und Renovierung
vieler Häuser an. Er selbst kaufte Farbe und Pinsel und malte die neuen
Plakate.
Jetzt
standen auf den Plakaten die Namen neuer Bewohner: „Die Armen der Länder des
Südens; die Flüchtlinge; die Friedensstifterinnen und Friedensstifter; die
verfolgt werden und Unecht leiden um der Gerechtigkeit willen; die Ausländerinnen
und Ausländer; die Umweltschützerinnen und Umweltschützer; die Homosexuellen;
die wiederverheiratet Geschiedenen; die Kirchenkritikerinnen und
Kirchenkritiker; die, die anders denken;“ usw. usw. Die Sonne trocknete die
bunten Schriften, und der Engel befestigte ein neues Plakat über der Tür eines
jeden renovierten Hauses. Die wenigen Leute, die noch in den Wohnungen des
Vaters wohnten, konnten nichts verstehen und fragten den Engel, woher er das
Recht habe, das zu tun. Der Engel antwortete: „Der Allerhöchste hat es
befohlen“.
Als
alles fertig war , publizierten alle Zeitungen einen offenen Brief. Auch im
Radio und im Fernsehen konnte man folgende Mitteilung hören und sehen: Ein
neues Haus wartet auf diejenigen, die nach einem Platz in den Wohnungen des
Vaters suchen. Man muss nur die Plakate über den Türen der Häuser lesen und
diejenigen, die sich mit einer der Überschriften identifizieren können, dürfen
dort wohnen. Die anderen, die noch in den Wohnungen des Vaters wohnten, konnten
dort bleiben unter der Bedingung, dass sie in der einen oder anderen Gruppe
mitmachten.
So
wurden die irdischen Wohnungen des Vaters für die Menschen, für alle Menschen
guten Willens, wieder bewohnbar.
Aus:
P.
Jakobi, Damit unser Leben
gelingen kann, Mainz 1981, S. 17/18.