Fenster und Türen aufreißen

Vor 40 Jahren begann das II. Vatikanische Konzil

Eine neue Ära schien angebrochen, als Papst Johannes XXIII. nach seinem Amtsantritt 1958 das Motto ausgab: "Macht die Fenster der Kirche weit auf". Der "Papst des Übergangs" hatte erkannt, dass es der falsche Weg für die Kirche war, sich durch Mauern vor den Entwicklungen der Welt zu schützen und sich angesichts der Bedrängnisse der Zeit wie in einer Festung zu verschanzen. Der inzwischen selig gesprochene Papst forderte die Sensation: ein "aggiornamento", eine "Verheutigung" der Kirche. Im Jänner 1959 rief er ein allgemeines Konzil aus, das erste seit fast einem Jahrhundert, das dritte der Neuzeit überhaupt.

Vor genau 40 Jahren - am 11. Oktober 1962 - wurde das Zweite Vatikanische Konzil mit der 1. Sitzungsperiode eröffnet und am 8.12.1965 feierlich beendet. Diese drei Jahre machten Geschichte und führten zu atemberaubenden Veränderungen innerhalb der Kirche und in ihrem Selbstverständnis im Verhältnis zur Welt, zu anderen Kirchen und Religionen: eine tief greifende liturgische Erneuerung, ein verstärktes Selbstbewusstsein der Ortsbischöfe gegenüber Rom, der Laien gegenüber den Bischöfen, die Bewusstwerdung von Weltkirche und die ökumenische Öffnung. Den Grundton des Konzils hatte Johannes XXIII. selbst mit seiner Warnung vor den "Unglückspropheten" vorgegeben: Eine optimistische, von tiefem Gottvertrauen geprägte Haltung.

Dieses Konzil machte "fortschrittliche" Kardinäle und Berater zu „Helden“, zu Ikonen der Theologie des 20. Jahrhunderts. Die „Bewahrer“ gerieten ins Hintertreffen. Die Auseinandersetzungen der beiden Pole, die das ganze Konzil über anhalten sollten, setzen sich freilich bis heute fort.

Keine Frage: das Zweite Vatikanische Konzil hatte der katholischen Kirche den Weg ins 21. Jahrhundert gebahnt. Es war ein begeisterter, begeisternder Aufbruch in eine neue Zeit, und alle, die wie ich selber diese Veränderungen "live" miterleben durften, schöpfen heute noch Kraft und Zuversicht aus dem Wissen, dass sich unsere Kirche verändern kann und oft schon verändert hat, wenn das Aufbegehren gegen den Reformstau nicht von angeblich kirchenpolitisch "Linken" getragen wird, sondern dem "Mainstream" entspringt, den Erwartungen, Hoffnungen und Forderungen des überwiegenden Teiles des Volkes Gottes.

Geheime Sehnsucht

Es blieb leider nicht aus, dass der vom Zweiten Vatikanischen Konzil vorgezeichnete Weg nach und nach korrigiert wurde. Heute scheint er mehr nach hinten zu führen, zurück in eine Zeit ängstlicher Abgrenzung gegen die Welt, zurück auch in ein innerkirchliches Leben, in der Entscheidungsfindungen nur mehr von "oben nach unten" laufen, die Laien wenig zu sagen und nichts zu entscheiden haben, die pastorale Situation schöngeredet und der Mangel an Priestern durch verschiedenste Maßnahmen überspielt wird.

In Österreich haben Kardinal König und Weihbischof Krätzl dazu beigetragen, dass die Spuren des Konzils nicht gänzlich verwischt werden und das Wissen um dessen Zielsetzung nicht vergessen wird. Krätzl mahnte, dem Erbe des Konzils treu zu bleiben.

Altbischof Reinhold Stecher sagte, auch heute gäbe es eine Sehnsucht nach einer weit geöffneten Kirche, deren Türen offen bleiben müssen, wenn sie ihren Platz in der Gesellschaft behaupten will. Stecher beschrieb die Bischöfe als Wegweiser. Ein Wegweiser sollte am Rande stehen, um nicht ein Verkehrshindernis zu werden, gut leserlich sein, gerade stehen, um nicht nach unten in die Plattheit oder nach oben in die Illusion zu zeigen. Moralische Verbotstafeln am Stacheldrahtzaun, sagte Stecher weise, mögen notwendig sein. „Als Wegweiser taugen sie nicht."

Der Chefredakteur der Wiener "Presse" zog den Schluss: "Auf die Skandale und das Gezerre rund um die, Causa Groer' und das ,Kirchenvolks-Begehren' ist in dieser Kirche eine Ruhe eingekehrt, die eher an Friedhöfe erinnert als an ruhige Gelassenheit." Man sehe, wohin

die "konservative Wende" die katholische Kirche Österreichs geführt habe.

Herausforderung für die Kirche heute

Der Kirchenhistoriker Hubert Jedin hat als Essenz seiner Forschungen der Geschichte der Konzilien festgehalten: Jedes Konzil hat mindestens ein halbes Jahrhundert gebraucht, bis seine Impulse wirksam werden konnten. Auf diesem Hintergrund ist das Zweite Vatikanische Konzil zwar Geschichte, aber es ist auch weiterhin Gegenwart und ständige Herausforderung für die Kirche. Und damit bleibt dies auch für jede und jeden Einzelne/n von uns Gegenwart und ständige Herausforderung. Wir können und dürfen uns unserer Verantwortung gegenüber den Bischöfen nicht entziehen, unsere Meinung, was das Wohl der Kirche angeht, zu erklären. Genau so wenig dürfen sich die Bischöfe ihrer doppelten Verantwortung entziehen - der Kirchenleitung und dem Volk gegenüber. Nur einseitig "Echoanlage des Vatikans" zu sein, widerspricht der Würde und dem Auftrag ihres Amtes.

Selbst- und verantwortungsbewusstes Auftreten ist heute weder für Laien noch für Bischöfe einfach. Eine tiefe Müdigkeit - ja Erschöpfung und Resignation – hat unsere Kirche erfasst. Viele der engagiertesten Katholikinnen und Katholiken fühlen sich ausgebrannt in ihrem permanenten Einsatz für die Kirche und erfahren sich Strukturen ausgeliefert, die sie nicht beeinflussen können. Und dann wird - genau 40 Jahre nach dem Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils - der Gründer des Opus Dei heilig gesprochen und mit ihm eine Form christlicher Verkündigung verherrlicht, die fast allem widerspricht, was so begeisternd nach diesem Konzil begonnen hatte.

Dies alles darf aber nicht Grund zu weiterer Resignation sein - im Gegenteil. Der überwiegende Teil des Volkes Gottes wünscht sich und lebt bereits eine lebens- und liebenswürdige Kirche, deren Weg von einem menschfreundlichen Papst vor 40 Jahren vorgezeichnet wurde.

 

"Macht die Fenster der Kirche weit auf" - was Johannes XXIII. für unsere Kirche damals einforderte, ist unser aktueller Auftrag heute - der Auftrag für Laien und Priester, die sich mehr dem Evangelium verpflichtet erfahren als der Tradition und dem Kirchenrecht. Es ist Auftrag für Menschen, die die Kirche lieben, die Visionen für Erneuerung haben und diese auch in die Tat umsetzen -sei es gelegen oder nicht. Es ist und bleibt Auftrag für Frauen und Männer jeden Alters und jeden Standes - es ist Auftrag für uns alle.

"Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute sind Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jüngerinnen und Jünger Christi." Die Präambel der ,Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute' ist aktueller denn je: Solidarität mit den Hoffnungen und Ängsten der Menschen in unserer Zeit in Wort und Tat zu leben, das ist für mich Vision und Erneuerung für Kirche und Welt. Solidarität mit Menschen - unabhängig von ihrer Herkunft oder Religion - ist Verkündigung der Frohen Botschaft. Und Solidarität mit den Menschen unserer Welt lässt Christus lebendig werden - mitten im Hier und Heute.

Die Geisteskraft Gottes weht auch heute wo und wie sie will und hat die Kraft, scheinbar unüberwindliche Mauern einstürzen zu lassen und neue Wege zu finden.

Ingrid Thurner, Volders - Innsbruck,
Vorsitzende der österreichischen
Plattform „Wir sind Kirche"