Wiederverheiratete Geschiedene sind Volk Gottes

Weder ausgeschlossen noch wieder aufgenommen

Neues vom Pastoralrat der Diözese Mailand

In der Diözese Mailand ist das Problem der Stabilität der katholischen Familie in jeder Pfarrei aktuell, in jedem Verein, sowohl in der Stadt als auch in kleineren Zentren, von denen man meinen könnte, sie seien weniger von der Krise erfasst worden. Man spricht viel über dieses Thema in allen Gremien und zeigt dabei Unsicherheit, wenn man den direkt betroffenen Gläubigen Antworten geben möchte. Der Pastoralrat der Diözese hat deshalb am 25. und 26. Mai eine eigene Sitzung zum Thema „Familien in schwierigen oder unüblichen Situationen: Wie sollen wir sie aufnehmen und welche Aufgabe hat die Seelsorge?“ einberufen.

Das Ergebnis der Diskussion hat die gewohnten, bei verschiedenen Gelegenheiten angestellten Überlegungen bei weitem überschritten, vor allem was die Haltung der Kirche zu den wiederverheirateten Geschiedenen betrifft. Die Bedingung eines Zusammenlebens wie Bruder und Schwester als Voraussetzung für eine Aufnahme in die kirchliche Gemeinschaft wurde als unzumutbar und unmenschlich bezeichnet, sollte sie in einzelnen Fällen überhaupt realisierbar sein. Unter anderem wurde mit Nachdruck betont, dass die eheliche Gemeinschaft nicht auf den körperlichen Geschlechtsakt reduziert werden kann (auf diesen muss man nämlich verzichten, wenn man zu den Sakramenten zugelassen werden will), weil man dabei wesentliche Aspekte außer Acht lassen würde: das Zeichen der Liebe Christi und seiner Kirche, die Bindung auf geistiger, intellektueller, psychologischer Ebene, die Liebe und die Zärtlichkeit, die für ein glückliches Paar kennzeichnend sind.

Die zuständige Kommission hat ihre Ergebnisse der Vollversammlung des diözesanen Pastoralrates mit folgenden Punkten vorgelegt:

  1. Notwendigkeit, den Sinn der „Zugehörigkeit zum Volk Gottes“ zu überdenken, wenn Geschiedene die Texte während der Messe nicht einmal lesen dürfen.

  2. Die „biologische“ Vorstellung der Ehe aufgeben.

  3. Die Ausdrücke „zulassen“ und „aufnehmen“ vermeiden, weil sie sich auf eine Vorstellung von Ausgrenzung beziehen, die weitere, schwerwiegendere Diskrimi­nierungen nach sich ziehen.

  4. Warum meinen wir, dass wiederverheiratete Geschiedene Personen sind, die Hilfe brauchen? Die heutigen Voraussetzungen sind nicht mit dem vor 30-40 Jahren gängigen Familienmodell vereinbar, welches übrigens auch nicht uneingeschränkt gültig ist.

  5. In bestimmten Fällen ist es angebracht, die Hochzeit zu verschieben.

Die Kommission hat zum Abschluss der Untersuchung des Problems der wiederverheirateten Geschiedenen zwei Anträge gestellt, die sich aus den angestellten Überlegungen ergeben.

„Mit Bezug auf die Äußerung von Kard. Ratzinger“ liest man im ersten Antrag, der mit 55 Stimmen, 10 Gegenstimmen und 27 Enthaltungen angenommen wurde: „Die geschiedenen und wiederverheirateten Gläubigen bleiben Mitglieder des Kirchenvolkes und müssen die Liebe Christi, sowie die mütterliche Nähe der Kirche erfahren. Obwohl diese Gläubigen in einer Situation leben, die der biblischen Botschaft widerspricht, werden sie nicht von der kirchlichen Kommunion ausgeschlossen“. Man empfiehlt, Ausdrücke wie „Wiederaufnahme“ zu vermeiden, da die Geschiedenen oder Wiederverheirateten bereits zur Kirchengemeinschaft gehören und von der christlichen Gemeinschaft eine angemessene Haltung erwarten.

Der zweite Antrag behandelt das Problem mit großem Nachdruck und behauptet: „Der Pastoralrat, der sich voll bewusst ist, wie viel Leid das Kirchenvolk angesichts der großen Anzahl gescheiterter Ehen trägt, wünscht, dass die Praxis der Ostkirche – die den Zugang zur Eucharistie nach einem angemessenen Weg der Buße vorsieht - auch in der katholischen Kirche des Westens im Rahmen der gemeinsamen christlichen Tradition in Erwägung gezogen wird (dieser Antrag wurde mit 78 Stimmen, 2 Gegenstimmen und 12 Enthaltungen angenommen).

Diese einstimmige Stellungnahme des Pastoralrates ist auch im Zusammenhang mit dem Zuspruch, den der Verein der getrennten christlichen Familien in der Diözese gehabt hat, von großer Bedeutung. Dieser hat nämlich die Ausgrenzungspolitik, die viele kirchliche Ämtsträger noch immer den wiederverheirateten Geschiedenen gegenüber betreiben, vehement verurteilt, wie z.B. das Verbot Patenschaften zu übernehmen, die Hindernisse bei der Ausübung von Aktivitäten in der Pfarrei, unpassende Bemerkungen sowie psychologische Unannehmlichkeiten. Eine Pfarrei in Mailand fordert die Wiederverheirateten bei bestimmten Gelegenheiten dazu auf, die Messfeier mit verschränkten Armen, als Zeichen einer indirekten Teilnahme, zu verfolgen, weil die aktive Beteiligung untersagt ist. Neben diesen häufigen Situationen, in denen das Kirchenrecht mit voller Strenge angewendet wird, gibt es die Haltung einiger Geistlicher, die den Einzelnen die Entscheidung überlassen, sich der Eucharistie zu nähern, womöglich mit dem Rat, es in unbekannter Umgebung zu tun, um Skandale  zu   vermeiden.   Ein  Teil  des Klerus erlebt also den leidvollen Widerspruch zwischen der Anregung zur Aufnahme in die Gemeinschaft, die auch von offizieller Seite unterstützt wird,  und den reellen Situationen, in denen die Gläubigen, die sich ausgeschlossen fühlen, oft dazu neigen, dem Gemeinschaftsleben fernzubleiben oder sogar die biblischen Lehren außer Acht zu lassen. Außerdem übt die individuell gefasste Entscheidung, sich der Kirche zu nähern, sowohl auf den Einzelnen als auch auf den Pfarrer, der sie akzeptiert oder fördert, großen psychologischen Druck aus. Dies ist außerdem auch keine gemeinschaftliche Lösung.

Kardinal Martini hat am zweiten Teil des Treffens des diözesanen Pastoralrates teilgenommen. Angesichts dieser klaren, der offiziellen Lehre so gegensätzlichen Haltung, hat sich Kard. Martini verpflichtet, diese Anliegen anlässlich der Bischofssynode im Oktober vorzubringen. Er hat auch festgestellt, dass man anthropologische, soziologische und psychologische Themen anschneidet, wenn man über die Familie spricht; dass Unsicherheiten und Meinungsverschiedenheiten vorliegen; dass es keine endgültigen Lösungen geben wird, auch wenn man das Problem genauer behandeln wird; dass wirklich zufriedenstellende Lösungen fehlen und dass man mehr zuhören muss, um das Leid und die Anstrengungen der Leute zu verstehen.

ADISTA 21. Juli 2001

Übersetzung: Francesco Agnoli