Meditationsgedanken

250 Millionen Jahre und ich

Vergangenes Jahr, als "die Welt noch in Ordnung war" - für wen war sie in Ordnung und woraus bestand die Ordnung? - also vergangenes Jahr unternahmen mein Mann und ich eine Reise durch den Süden der USA. Ein für uns beide  faszinierender Ort war Petrified Forest, der versteinerte Wald in Arizona.

Es war November und spärlich waren die Besucher. So hatten wir genügend Muße für Staunen, Bewunderung und Nachdenken.

Vor 250 Millionen Jahren wuchsen in der heute wüstenähnlichen Landschaft wunderbare und kräftige Baumriesen. Durch einen Vulkanausbruch wurde der Wald zerstört, viele Bäume landeten im Wasser und wurden mit Asche überlagert. In Millionen von Jahren wurden sie zu Stein. Die Erosion hat viele nun freigelegt. Rinde, Maserung und Äste aus glitzerndem Achat bezaubern und es fällt schwer, sich von ihrem Anblick wieder loszureißen.  Wir kauften daher im Laden ein Stück eines Astes, nicht zu schwer für unseren Koffer, doch schön und deutlich als Holz erkennbar.

Manchmal nehme ich den Stein in meine Hand, fühle ihn, den einst Lebendigen und er lädt mich zum Nachdenken ein.

250 Millionen Jahre ist er alt -
und wie alt bin ich?
Vor 250 Millionen Jahren war er schon auf dieser Welt - und wo war ich?

Dieses Steinerne Zeugnis des Lebens möchte die Dimension der Zeit in einer viel größeren Spanne ansprechen als ich gewohnt bin.

Ich denke 250 Millionen Jahre zurück - ich war nichts.
Ich denke voraus - vielleicht nur 500 Jahre -
was wird es da noch von mir geben?
Meine Notizen, meine Briefe,  E-Mails, meine so vielen kleinen Wichtigkeiten werden nicht mehr sein.  Hinterlasse ich irgendwelche Spuren wie mein Ast?

Muss ich überhaupt Spuren hinterlassen?

Den kurzen Augenblick meines Lebens im Vergleich zu seinem Alter möchte ich neu bewerten. Ich zähle Tage und Wochen, lebe in Minuten und Stunden, während er Zeuge von Millionen von Jahren ist.

Mein Stein erinnert mich daran, dass ich eigentlich nur ein kleines Sandkorn im Weltgefüge bin. Meine eigene Wichtigkeit wird  relativ, doch ich spüre deutlich, dass ich Teil eines größeren Ganzen bin.

Mein versteinerter Ast erzählt mir von Ereignissen, die ich nicht beeinflusst habe und er macht mir klar, dass es immer wieder Ereignisse gibt, auf die ich nicht einwirken kann.

Damit nimmt er mir eine Last von den Schultern. Wohl fühle ich mich für Vieles verantwortlich, doch meine Machtlosigkeit erscheint jetzt in einem anderen Licht.

Und während ich den Stein in meiner Hand halte, ihn wärme, schließe ich meine Augen. Ich fühle mich verbunden mit ihm, verbunden über all die Millionen Jahre hinweg. Es ist als würde sich eine große Kette allen Lebens schließen.

Wir beide gehören der gleichen Schöpfung an. Mein Stein und ich werden eins in der Gegenwart unseres Schöpfers. .....

Isabella Engl


Jeder Mensch ist nicht nur er selber,

er ist auch der einmalige,

ganz besondere, in jedem Fall wichtige und merkwürdige Punkt,

wo die Erscheinungen der Welt sich kreuzen,

nur einmal so und nie wieder.

 Darum ist jedes Menschen Geschichte wichtig, ewig, göttlich,

darum ist jeder Mensch,

solange er irgend lebt

und den Willen der Natur erfüllt,

wunderbar und jeder Aufmerksamkeit würdig.

 Hermann Hesse