Stellungnahmen

"Wir Amerikaner haben diesen Zorn ausgelöst"

Der Weihbischof von Detroit stellt sich gegen den Strom: Selbstkritisches Nachdenken über die Rolle der USA in der Welt

Weihbischof Thomas Gumbleton, Detroit, geistlicher Begleiter von Pax Christi, USA.

Um Lösungen für das Terrorismusproblem zu finden, müssen die Vereinigten Staaten und der Westen sich selber kritisch und nüchtern betrachten. Amerika hat es so weit gebracht, dass wir Amerikaner tatsächlich die Welt beherrschen. Wir haben diese Weltherrschaft ausgeweitet auf die sieben mächtigsten Industriestaaten, die ökonomisch mächtigsten Länder der Ersten Welt - doch wir Amerikaner sind die Führer. Diese Gruppe der Sieben umfasst ein Fünftel der heutigen Menschheit, doch sie beansprucht rund 87 Prozent, nahezu neun Zehntel des gesamten Welteinkommens. Wir erleben gegenwärtig eine "Zeit der Versuchung" für die Friedensbewegten. Sie veranstalten kleine Gedenktreffen und "Candlelight vigils", Mahnwachen, auf den öffentlichen Plätzen ihrer Wohnorte.

Und sie sind dabei hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, gute Patrioten zu sein, und dem Willen, die "anderen", verdrängten politischen Realitäten wahrzunehmen und zu Gehör zu bringen. Die Friedensbewegten stehen vor der Doppelaufgabe: einfühlsam mitleiden mit den Trauernden, Leidtragenden und Opfern der Ereignisse von New York und Washington; und die Bürger zu informieren und zum Nachdenken  bringen über jenen Terrorismus, der schon lange vor dem 11. September 2001 weltweit präsent war, sowie über die dafür Verantwortlichen. Es geht dabei darum, zu erkennen, dass wir, die Vereinigten Staaten, diesen Zorn auslösten und aufbauten.

Die Amerikaner müssen endlich hinhören auf das, was die anderen sagen. Sie haben die Pflicht, die US-Medienberichterstattung zu hinterfragen, um herauszubekommen, was tatsächlich Realität ist in der Welt. Wir brauchen eine Sondersitzung der Vereinten  Nationen, bei der die ärmsten Länder - die Gruppe der 77 - die echte Chance zur Mitsprache erhalten und über ihre Sicht der weltweiten Gerechtigkeitsfragen ausführlich und öffentlich zu Wort kommen sollen. Doch wir hören nicht hin. Wir veröffentlichen nicht, was sie uns sagen. Stattdessen bestimmen die USA, was das Beste sei für die Weltordnung, und das Vorteilhafteste für uns Amerikaner. Und dann setzt die USA das durch. Die USA verstehen nicht, was sich in der Welt von heute tatsächlich abspielt. Und sie verdrängen die wahren "Kosten" ihrer wirtschaftlichen Übermacht.

Text-Dokumentation: Barbara Jentzsch

Übersetzung: Thomas Seiterich-Kreuzkamp

Publik-Forum, 12.10.2001, S. 13


Schuldenerlass für den Krieg?

Ende September hat die USA mit der Regierung von Pakistan ein Abkommen über die Umschuldung von 400 Millionen US-Dollar unterzeichnet. Die Schuldenerlass-Initiative Erlassjahr.de sieht darin einen "ersten Schritt  zu einer umfassenden Regelung von Pakistans Auslandsschulden, die das Land als Preis für seine Zusammenarbeit mit den USA bei einer militärischen Aktion gegen Afghanistan erhalten wird". Die Initiative hält es allerdings für problematisch, wenn Schulden als Belohnung für politischen Gehorsam und nicht als Bekämpfung der Armut erlassen werden, weil dann nicht klar sei, wer von dem Schuldenerlass profitiere.

Publik-Forum,  12. 10. 2001, S. 24


"Auge um Auge" - und die ganze Welt wird blind

In dieser dramatischen Situation nach den furchtbaren Terroranschlägen in New York und Washington braucht ein US-Präsident  primär Besonnenheit. Er hat eine einmalige Herausforderung zu meistern. Sie heißt:

Täglich verhungern auf dieser Erde mindestens 100.000 Menschen - wo sind die Sondersendungen im Fernsehen? Wo die Milliarden Hilfs-Dollars? Gerechtigkeit heißt: Nur wenn die Armen eine neue Perspektive haben, kann es den Reichen weiter gut gehen. Her Hinweis darauf hat mit Verständnis für Terroristen natürlich nichts zu tun. Verstehen wollen, um Alternativen zu finden, ist unser Thema. ....

Wir brauchen im 21. Jahrhundert eine Politik der Bergpredigt. Die Jesus-Strategie "Liebet eure Feinde" meint ja nicht, dass wir uns von Gewalttätern alles gefallen lassen  sollten, aber sie meint sehr entschieden: Sei klüger als dein Feind! Der Meister aus Nazareth war ein großer Realist, kein Utopist. Seine Visionen einer besseren Welt können heute hilfreich sein. Buddha und Jesus sind und bleiben die Visionäre einer Welt mit mehr Güte, Liebe, Toleranz und Menschenfreundlichkeit. Die Bergpredigt ist kein Heimatroman. Tröstlich ist, dass Bushs Gegenspieler  Al Gore am 20. September 2001 in Basel in 70 Minuten 14 Mal gesagt hat: "Wir müssen uns ändern." Der Mann hat in den USA mehr Stimmen bekommen als der derzeitige Präsident. Es gibt auch das andere Amerika.

Franz Alt, Theologe und Publizist

Publik-Forum, 12.10.2001, S. 9