Kein
"Krieg der Zivilisationen"
Fragen
an Hans Küng zum interreligiösen Dialog
PUBUK-FORUM:
In Ägypten besteht theologisch und politisch die Situation, dass aufklärerische
muslimische Theologen, die versuchten, den Koran linguistisch oder gar
historisch-kritisch auszulegen, verfolgt, ja sogar ermordet wurden. Ist
angesichts solcher Unterdrückung und Unfreiheit viel von der theologischen
Diskussion zu erwarten?
KÜNG:
Sie haben Recht, die Situation ist für die islamischen Theologen nicht einfach.
Ich erinnere mich beispielsweise an ein theologisches Gespräch 1971 in
Afghanistan. Ich habe schon damals mit einem Professor der Universität von
Kabul und Freunden eine Nacht lang über diese Fragen der Koran-Exegese
gesprochen. Der muslimische Kollege hat zugestimmt, dass das Wort Allahs
zugleich auch das Wort des Propheten ist. Und dass deshalb natürlich auch eine
bestimmte geschichtliche Entwicklung und Bedingtheit akzeptiert werden muss. Ich
fragte ihn, ob er das auch an der Universität vertreten würde. Darauf
antwortete er: „Nein, das kann ich nicht, sonst müsste ich auswandern.„
Unterdessen ist er ausgewandert. Es zeigt sich, dass im Islam Probleme unterdrückt
wurden. Doch wir sollten als Christen nicht eingebildet sein. Denn in der
katholischen Kirche ist die historisch-kritische Bibelauslegung bis weit ins 20.
Jahrhundert ebenso unterdrückt worden. Es waren zwar keine Todesfälle zu
beklagen, jedoch Opfer von Exegeten, die ihren Lehrstuhl verloren haben oder
ihre Gesundheit. Noch bis zu der Enzyklika Divino afflante spiritu von Papst
Pius XII. von 1943 hat sich die Spitze der katholischen Kirche gegen eine
historisch-kritische Interpretation der Bibel gewehrt. Man sollte also nicht
verzweifeln. Denn eine historisch-kritische Exegese des Koran wird sich auch im
Islam durchsetzen. Ich sage dies so hart, weil die christlichen Theologen an
diesem Punkt im Dialog kritische Anfragen an die muslimischen Theologen richten
müssen.
PUBLIK-FORUM: Was bedeuten die Ereignisse vom 11. September 2001 für Ihr Projekt Weltethos?
KÜNG: Für unser Projekt Weltethos bedeuten die neuesten Ereignisse eine so dramatische Bestätigung, wie man sie sich wahrlich nicht gewünscht hätte. Die Terrorangriffe zeigen die Wichtigkeit des Friedens zwischen den Religionen als Voraussetzung für den Frieden unter den Nationen. Sie zeigen auch, wie sehr es darauf ankommt, deutlich zu machen, dass es für alle Religionen gemeinsame ethische Standards gibt, die auf keinen Fall verletzt werden dürfen. Auch der Koran nimmt Stellung gegen das Hinmorden von Unschuldigen.
PUBUK-FORUM:
Gibt es überhaupt einen sinnvollen, ans Ziel führenden theologischen Dialog
mit islamischen Fundamentalisten?
KÜNG: Man muss unterscheiden. Es gibt Fundamentalisten, die zugleich fanatische Terroristen sind. Mit denen kann man keinen Dialog führen. Die muss man bekämpfen. Dann gibt es Fundamentalisten, die einfach die islamische Religion als Grundlage auch des Staates haben möchten. Es gibt Bestrebungen im Islam, die gar nicht so weit entfernt sind von dem, was die Christlich-Demokratische Union anstrebte, als diese Partei nach 1945 gegründet wurde. Sie möchten eine islamische Demokratie. Man darf nicht undifferenziert von Fundamentalisten reden. Nicht alle Muslime sind Fundamentalisten. Und nur ganz wenige Fundamentalisten sind Terroristen.
PUBLIK-FORUM: Worauf müssen die verantwortlichen Politiker des Westens nun besonders achten?
KÜNG: Präsident Bush muss sehr aufpassen, dass er nicht gerade das herauf beschwört, was er vermeiden will: Dass sich alle Muslime angegriffen fühlen, weil der US-Präsident groß zum »Krieg« aufruft. Die Vokabel Krieg ist gar nicht angebracht in einem Kampf, der nicht gegen eine Nation oder Religion geht, sondern nur gegen eine - sehr effiziente, jedoch sehr kleine - Terroristengruppe. Wenn der US-Präsident Erfolg haben will mit der weltweiten Allianz, muss er in erster Linie die arabischen Staaten einbinden. Inzwischen hat er ja auch deutlicher differenziert.
PUBUK-FORUM:
Kommt es zu dem von dem US-Politologen S. Huntington prognostizierten »Kampf
der Kulturen«?
KÜNG:
Huntington hat mit seiner Formel vom Clash of Civilications die falschen
Kategorien geliefert. Es ist kein Clash of Civilizations. Es ist ein Konflikt
mit einer Terroristengruppe, die nicht das Christentum und auch nicht die
westliche Welt als solche angreifen will, sondern die Vereinigten Staaten, weil
sie die USA als Hauptschuldigen an der Unterdrückung der Palästinenser und an
der Erniedrigung der Muslime ansieht.
Publik-Forum, 28.9.2001
"Als in New York zwei Flugzeuge zwei Türme zum Einsturz brachten, stand auch ich Stunden und Tage im Bann des großen Ereignisses, dem gegenüber all meine Alltagsgeschäfte nichtig zu werden schienen. Aber dann bezeichnete George W. Bush, der mächtigste christliche Staatsmann der Welt, ohne Zögern Rache als seine einzige Handlungsmöglichkeit. Wie die Attentäter, von denen ich annehme, dass auch sie im Sinne einer patriarchal vereinnahmten Friedenstradition religiös waren, nimmt der (vermeintlich) stärkste Mann der Welt für sich in Anspruch, damit den Willen des HERRN, den er im Himmel wähnt, zu vollstrecken. Zumindest nimmt er als Rächer nicht erkennbar Abstand von seiner Zugehörigkeit zur Christenheit. Trotz diverser Aufrufe zur Mäßigung sind bis heute Stimmen ausgeblieben, die nicht nur den Lenkern der Flugzeuge, sondern auch dem Präsidenten der USA das Recht absprechen, als religiöse Menschen in dieser selbstherrlichen Weise zu sprechen und zu handeln. Längst scheint die Christenheit resigniert zu haben vor der Tatsache, dass die christlichen Herren der Welt im Namen des HERRN im Himmel tun, was sie für richtig halten. Wer von seinen Vätern gelernt hat. dass ein starker Mann im Himmel wohnt, wird seine eigene Stärke nur so unter Beweis stellen können, wie es die Väter ihm beigebracht haben: Er wird zuschlagen. Er wird nicht mehr daran denken, dass das UNNENNBARE FÜR UNS DA uns vor 2000 Jahren noch einmal gezeigt hat, wie wir unser irdisches Leben verstehen sollen."
Ina Praetorius, feministische Theologin und Ethikerin, Schweiz
Publik-Forum, 28.9.2001