Einfach zum Nachdenken
Der
letzte Mohikaner
Eine
Geschichte
Mir war, als ob ich mit meinem Eintreten in diese Halle in eine andere Zeit zurück geschritten sei. Ich war umgeben von tiefem Mittelalter: Ganz vorne sah ich sie, diese Gestalt, die ich nicht mehr vergessen sollte. Das musste er sein: der letzte Mohikaner: Einer der letzten Angehörigen des so genannten Alten Weges, einer langsam aussterbenden Kultur: Er hatte die letzten Mitglieder seines Stammes um sich geschart, um mit seinem aussterbenden Volk gegen den drohenden Untergang zu kämpfen.
Nur einige alte Squaws warteten gespannt auf die Rede des Häuptlings. Er führte seinem Volk verjährte Abenteuer vergangener Zeiten vor Augen. Er erinnerte an den Glanz der alten Zeit, als sein Stamm noch stark und mächtig war. Er warnte vor dem Neuen Weg. Überall sah er die Feinde des Stammes am Werk.
Aus den Erzählungen anderer wusste ich, dass der letzte Mohikaner noch immer dem Personenkult vergangener Tage anhing und sich auch weiterhin als Häuptling verehren und feiern ließ. Er beanspruchte die alleinige Führung in seinem Stamm. Jede Eigeninitiative wurde durch ihn verhindert. Ohne ihn lief in diesem Reservat nichts und gegen ihn schon gar nichts. Er war es, der die Dinge voran trieb, aber meistens bremste, der Schlachtpläne schmiedete, aber meistens verwarf, der über Glück und Unglück des Stammes entschied. Wer ihn nicht als Häuptling achtete, wer auch nur den leisesten Verdacht erweckte, mit dem Neuen Weg zu sympathisieren, der wurde aus dem Stamm verbannt. Ich sah dem letzten Mohikaner an, dass er der Erschöpfung nahe war: Seine Kräfte schienen verbraucht. Er war alt geworden. Und dennoch war er nicht bereit, den Neuen Weg mitzugehen.
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Walter Habdank, Geborgen in Gott |
Mir hatte sich bei seiner Rede alles zusammengezogen. Ich hatte so etwas einfach nicht mehr für möglich gehalten. Ich kannte den Alten Weg, seine Riten und seine Weltanschauung zwar noch aus Büchern und aus den Erzählungen alter Menschen. Aber hier in dieser Halle war der Alte Weg mit seinem ganzen verstaubten Gehabe, mit seinem absolutistischen Machtanspruch, mit seiner ideologisch reinen Lehre gegenwärtig. Hier in dieser Halle igelte man sich ein, während draußen an einem neuen Mi einander gebaut wurde. Hier drinnen schloss man sich ein, um die verrosteten Schätze zu bewahren, und draußen entdeckte man immer neue Reichtümer: Hier drinnen machte man die Menschen immer kleiner während dort draußen eine ganz neue Größe gelehrt und gelernt wurde. Hier drinnen zog man sich hinter die Grenzen des selbst gewählten Ghettos zurück, während draußen immer mehr Grenzen abgebaut wurden. Hier in dieser Halle hatten sie sich schon zu weit von der Wirklichkeit draußen entfernt. Hier hatten sie sich eine Schein-Welt erhalten.
Ich sah die alten Squaws in der Halle. Wo waren die Jugendlichen des Stammes ? Hatte der Glaube an den Alten Weg seine Kraft für sie verloren? Hatten sie entdeckt, dass der alte Glaube ihnen außerhalb der Halle nicht mehr bei ihrem Leben half? Hatten sie den Widerspruch zwischen dem Gehabe hier und der Wirklichkeit da draußen entdeckt? Hatten sie die Atmosphäre in der Halle nicht mehr ausgehalten?
Ich bekam Angst vor dieser Art zu leben. Aus vielen Erzählungen wusste ich um die krank machende Macht, die der Alte Weg über die Menschen haben konnte. Ich konnte diesen Anblick nicht länger aushalten. Ich musste raus - raus aus dieser Halle, raus aus dieser Traumwelt, einfach nur raus. Ich wollte nicht angesteckt werden von diesem Pessimismus, von diesem fehlenden Vertrauen auf das Wirken des Großen Geistes. Ich wollte an die Luft, endlich freier Himmel, endlich die Weite der Erde, endlich Leben.
Damals dachte ich, dass ich auf dem richtigen Weg sei. Damals war ich nicht allein, aber heute habe ich kaum noch Weggenossen. Die meisten meiner Freunde haben resigniert. Die Häuptlinge des Alten Weges haben sich in den wenigen Reservaten länger gehalten als wir dachten. Sie haben sich verbündet und kämpfen mit allen Mitteln gegen den Neuen Weg. Sie haben ihre Macht spielen lassen und vielen meiner Weggenossen haben sie dabei übel mitgespielt. Viele von uns haben aufgegeben und sind aus den Reservaten ausgezogen. Sie haben dort keinen Platz gefunden.
Und so frage ich mich: Sind auch meine Stunden gezählt? Wie lange noch brennt das Feuer in mir? Wie lange noch tragen meine Träume? Wie lange noch habe ich die Kraft für den nächsten Schritt?
Und ich werde den Gedanken nicht los: Vielleicht bin ja ich der letzte Mohikaner?
Gefunden
in:
Katechetische Blätter, 5/2000,
S 307.