Reformvostellungen

Abschlussdokument der Kirchenvolks-Synode

Rom,  4. – 7. Oktober 2001

Wir glauben, dass das Kirchenvolk auf Grund seiner Schöpfung als Abbild Gottes, auf grund seiner Taufe, der Tradition der ersten christlichen Gemeinschaften und der Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils die Aufgabe hat:

Das Evangelium sagt uns, dass echte Leitung in unserer Kirche Dienst (Diakonia) am Kirchenvolk ist. Dieses Verständnis von Dienst muss Realität werden und nicht nur eine leere Phrase bleiben. Weil die Situation in unserer Kirche dringend ist und selbst echter Dialog oft blockiert wird, ergreifen wir das Wort, weil wir glauben, dass der Geist nicht ausgelöscht werden kann.

A. Leitung der Kirche im Kontext der weiteren menschlichen Gemeinschaft und der gesamten Schöpfung

  1. Die Leitung der Kirche muss gerade in diesem Moment die Führerinnen und Führer der Welt dazu aufrufen, auf einen Krieg der Vergeltung gegen den Terrorismus zu verzichten. Lasst sie Wege finden, um Gerechtigkeit durch Gewaltlosigkeit zu erreichen. Sie muss das fünfte Gebot predigen (Du sollst nicht töten) und Militarismus und Krieg als Instrumente nationaler und internationaler Politik ablehnen.

  2. Die Leitung der Kirche muss darauf hin arbeiten, alle Formen der Gewalt aus der Welt und unserer Kirche auszurotten: Todesstrafe, Armut, Diskriminierung und der Ausschluss von Menschen aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung, Rassismus und ethnische oder sprachliche Überheblichkeit, Gewalt gegen das Gewissen, ideologische Intoleranz. Eine Kultur des Lebens zu fördern schließt die Befürwortung der Anwendung von Kondomen zur Verhinderung der Ausbreitung von HIV/AIDS ein, sowie den Zugang zu Verhütungsmitteln und anderen Mitteln der Fortpflanzungsmedizin.

  3. Die Bischofssynode von 1971 sagte in ihrem Dokument „Gerechtigkeit in der Welt“ dass jene, die Gerechtigkeit predigen, zuerst in den Augen der Welt gerecht sein müssen. Die Kirche muss ein Sakrament der Gerechtigkeit und Gewaltfreiheit sein.

  4. Die Leitung der Kirche muss das Dokument „Dominus Jesus“ für ungültig erklären. Wir müssen uns in demütiger Art und Weise an ernsthaftem interreligiösem Dialog beteiligen, jeden Anflug katholischer Überlegenheit aufgeben und ökumenische Interkommunion willkommen heißen.

  5. Die Leitung der Kirche muss ihr Hauptaugenmerk auf den skandalösen Abgrund zwischen den Reichen und den Armen unserer Welt richten, indem sie unterdrückende Globalisierung und neoliberale Wirtschaftsmodelle verurteilt, sich für die Rechte der Arbeiterinnen und Arbeiter, den Erlass der Schulden der Armen Nationen und die Errichtung einer gerechten und demokratischen globalen Wirtschaftsordnung einsetzt.

  6. Die Leitung der Kirche sollte die tätige Sorge für unseren Planeten, Gottes Schöpfung, fördern. Sie muss eine ökologisch verantwortungsvolle Politik fördern, die verschwenderisches und konsumorientiertes Verhalten verändert und die Ressourcen der Welt für nachfolgende Generationen bewahrt. Die Praxis einer stimmigen Ökologie muss im Leben der Kirche selbst beginnen.

  7. Die Leitung der Kirche muss das Gewissen und die moralische Autorität jener respektieren, die Entscheidungen über Sexualität und Fragen der Fortpflanzung treffen. Die Verantwortlichen der Kirche müssen die Lehren der Kirche bezüglich dieser Themen im Kontext des „sensus fidelium“ überdenken.

  8. Die Kirchenleitung sollte nicht die Macht eines weltlichen Staates beanspruchen. In internationalen Organisationen sollte die Kirche denselben Status wie andere religiöse Körperschaften annehmen.

B. Leitung in der Kirche

In der Leitung der Kirche sollte keine Form der Diskriminierung toleriert werden. Alle Ämter, einschl. des Diakonats, des geweihten Priestertums, des Episkopats und des Papsttums sollten allen getauften Katholikinnen und Katholiken, männlich oder weiblich, verheiratet oder alleinstehend, schwul oder ‘straight’, jung oder alt, allen Rassen, Sprach- und ethischen Gruppen offen stehen.

I.  Die Ortskirche

  1. Das entscheidende Charakteristikum der Leitung in der Ortskirche sollte seine starke, prophetische öffentliche Anwaltschaft für Gerechtigkeit, Frieden, Freiheit und die Bewahrung der Schöpfung sein.

  2. Das Kirchenvolk besteht aus Menschen guten Glaubens, die ernstzunehmende Beiträge zu Leben und Lehren der Kirche vorbringen. Die örtliche Leitung der Kirche sollte diese Annahme zugrunde legen. Sie muss zur Verfügung stehen, in Kontakt mit den Leuten sein, willig sein zu diskutieren, zuzuhören und zu lernen, flexibel, offen und interessiert an jedem und jeder Einzelnen sein.

  3. Die Leitung sollte junge Leute unterstützen und versuchen, sie zu verstehen. Sie sollte sie in die Planung bedeutungsvoller liturgischer Zeremonien, besonders der Passageriten, integrieren, in das Treffen von Entscheidungen und darin, Wege zu finden, um die Botschaft des Evangeliums in unsere Welt zu bringen.

  4. Wir bejahen eine Kirche, die auf der “Kollegialität aller Getauften“ basiert. Das Treffen von Entscheidungen, Leiterschaft und Verantwortung sollten weitreichend geteilt werden, wobei die Teilnahme aller gesucht werden sollte. Ortssynoden oder Räte können dies umsetzen.

  5. Das Kirchenvolk sollte seine Bischöfinnen und Bischöfe und andere Leitungspersonen wählen. Die Gewählten sollten für die Dauer einer bestimmten Amtszeit dienen und den örtlichen Gemeinschaften der Gläubigen Rechenschaft ablegen. Wahlprozeduren sollten für den örtlichen Kontext stimmig sein und von den örtlichen Kirchengemeinschaften beschlossen werden.

  6. Der Ortsbischof/die Ortsbischöfin ist ein Leiter/eine Leiterin, der/die den Dienst koordiniert und die Einheit fördert. Er oder sie agiert aus einem Verständnis der Rechenschaft heraus, die er oder sie der Gemeinschaft ablegen muss, und nicht aus einer automatisch von der Position abgeleiteten Dominanz.

  7. Die Ortskirche sollte eine Methode für faire und unparteiische Streitbeilegungen institutionalisieren, in der die Mediation von solchen Personen koordiniert wird, die nicht selbst einer der betroffenen Streitparteien angehören. Das Modell der Ombudspersonen kann hier nützlich sein (etwa eine „Kirchenvolksanwaltschaft“).

  8. Die Leitung sollte ihr Volk auf seinem Glaubensweg begleiten, furchtlos sein und Risiken wagen.

II. Die universale Kirche

  1. Alle Charakteristiken der Ortskirchen, die oben beschrieben werden, sollten auch auf die universale Kirche zutreffen.

  2. Das Papstamt sollte auf moralischer Autorität basieren, nicht auf rechtlicher Macht. In einer partizipativen Kirche ist ein ständiger konziliarer Prozeß wichtig.

  3. Die Leitung der universalen Kirche sollte die Gläubigen in die Entwicklung unseres Glaubensverständnisses einbeziehen, vor unabhängigen Gedanken nicht zurückschrecken, die Rolle des „sensus fidelium“ in der Gemeinschaft und das Recht auf individuelle Gewissensentscheidung respektieren. Sie sollte die Einheit im Essentiellen, Freiheit im Zweifelhaften und Liebe in allem verteidigen.

  4. In der Kirche sollte eine Haltung vorherrschen, die offene theologische Anfragen ermöglicht. Kein Mitglied, Leiterin oder Leiter der Kirche sollte andere Mitglieder der Kirche unterdrücken oder strafen, die sich mit theologische Anfragen beschäftigen oder von den Lehren der Kirche abweichen.

  5. Als Bild Gottes sind wir Menschen Männer und Frauen. Deshalb sollte die universelle Leitung der Kirche sowohl Frauen als auch Männer umfassen. Frauen sind Männern sowohl in ihrer menschlichen Natur als auch in der Gnade gleich. Ihnen die Gleichheit zu verweigern ist eine Form von Gewalt und eine Beschränkung des Gottesbildes.

  6. Kirchenleiterinnen und -leiter sollten das Recht und die Möglichkeit haben, die Lebenserfahrungen der übrigen Gemeinschaft zu teilen, d.h. es sollte  keine  verpflichten-den Lebensformen, wie den Pflichtzölibat des Klerus geben. Leiterinnen und Leiter, die die Lebenserfahrungen „normaler“ Leute teilen sind wichtig, indem sie die Wirklichkeit von Ehe, Scheidung, Wiederheirat, Fortpflanzungsfragen, die Beziehungen von Lesben und Schwulen verstehen. Wir rufen die Verantwortlichen dazu auf, die offizielle Lehre in diesem Bereich zu überdenken und neu zu formulieren, zum Beispiel: Geschiedenen Wiederverheirateten sollte es möglich sein, die Kommunion zu empfangen, künstliche Verhütung sollte erlaubt werden, und Schwule und Lesben sollten vollständig im Leben der Kirche willkommen sein.

  7. Unter den Bischöfen aller Welt muss Gleichheit herrschen. Im Geist der Subsidiarität sollten Bischöfe ihre Rolle als Repräsentanten der Ortskirchen in der universalen Kirche einfordern und gleichzeitig die Lebenserfahrungen ihres Volkes bestätigen und erklären.

  8. So weit die universale Kirche die Summe vieler örtlicher Verschiedenheiten, eine weltweite „Gemeinschaft der Gemeinschaften“ ist, sollten Leiter und Leiterinnen der universalen Kirche tiefen Respekt für die kulturellen Unterschiede in allen Aspekten des Lebens der Kirche zeigen.

Anmerkung: Wenn wir aus Gründen der sprachlichen Einfachheit als Katholiken in diesem Text von der Kirche und ihrer Leitung sprechen, so meinen wir in den meisten Fällen unsere Römisch-Katholische Kirche.  

Der Gottesdienst war ein Erlebnis


Stimmen der Bischöfe bei der Synode

Laut "Synodus Episcoporum Bulletin", dem offiziellen Mitteilungsorgan der Bischofssynode, haben verschiedene Bischöfe folgendermaßen Stellung genommen:

Bischof Nestor Ngoy Katahwa von Kolwezi, Kongo wies am 2.10. darauf hin, dass die Erneuerung bei den Bischöfen beginnen sollte. Die Ausübung des Dienstes der Heiligung sei im Allgemeinen reduziert auf ein Ritual ohne Geist und sei oberflächlich. "Die Tatsache, dass wir Bischöfe auf die legislative, ausführende und gerichtliche Gewalt bestehen, stellt eine Versuchung dar, wie Diktatoren zu handeln".

Bischof Julius Riyadi Darmaatmadja, S.J., Erzbischof von Jakarta, Indonesien erklärte: "Es gibt eine Kluft zwischen den Führern und den einfachen Gläubigen in der Kirche, sowie den Mitgliedern anderer Glaubensgemeinschaften." Die derzeitige strukturelle Ungerechtigkeit und Armut auf der Welt sei eine Herausforderung, der sich die Kirche stellen müsste.

Bischof Amédée Grab von Chur, Schweiz und Vorsitzender der europäischen Bischofskonferenzen ging von der allgemein als positives Zeichen der Kollegialität eingeschätzten Erfahrung der Synoden aus und forderte, dass die gegenwärtige Methode sowie die Prozeduren weiterhin überdacht werden müssten.

Bischof Patrick James Dunn von Auckland, Neuseeland betonte am 3.10. "die Notwendigkeit, neue und effektive Wege für die Ausübung der Kollegialität der Bischöfe zu finden",  sowie die Beziehung zwischen "petrinischem Amt und bischöflicher Kollegialität einer ständigen Überprüfung zu unterziehen". Außerdem verwies er darauf, dass sich die wiederverheiratet Geschiedenen oft nicht mehr in der Kirche willkommen fühlen.

Bischof Malcom Patrick McMahon, O.P. von Nottingham, Großbritannien: "Debatten müssen erlaubt werden und sollen im Geist der Gemeinschaft erfolgen. Man sollte sich von gegenteiligen Meinungen nicht bedroht fühlen, sondern, wie der Hl. Thomas von Aquin, von den  gegnerischen Argumenten lernen. Der Gott der Wahrheit offenbart sich selber." (4.10.2001)

 

Vielfältig wie die Schattensynode waren auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus fünf Kontinenten


Vorgaben von Ratzinger und Re

Bezeichnend waren die Stellungnahmen von Kardinal Ratzinger, dem Präfekten der Glaubenskongregation, und von Giovanni Battista Re, dem  Präfekten der Kongregation für die Bischöfe, die sie am 6. Oktober vor der Bischofssynode abgaben.

Ratzinger betonte, dass der Glaube der Schatz der Kirche sei und dass der Bischof  für das Evangelium kämpfen sowie zur historischen Figur Jesu zurückkehren müsse. Die Welt wolle Gott kennenlernen, nicht die Probleme der Kirche. Einverstanden damit, dass wir zum Evangelium und zum historischen Jesus zurückkehren. Das Problem dabei ist nur, wer definiert, was das konkret bedeutet.  Ratzinger wörtlich: "Wenn die Bischöfe den Mut haben, zu entscheiden und mit Autorität  in diesem Kampf für das Evangelium einzutreten, dann findet die so sehr herbeigewünschte Dezentralisierung automatisch statt". Wenn die dringende Strukturreform der römischen Kirche doch nur so einfach wäre! Er weiß allerdings wenigstens um die Notwendigkeit der Dezentralisierung, ein Anliegen, das viele Bischöfe angeschnitten haben.

Re hob die Notwendigkeit hervor, dass sich ein Bischof weder von Kritiken noch von Lob zu sehr beeindrucken lassen sollte. Er müsse einen Geist der Zusammenarbeit  verbreiten, fähig zum Dialog sein, allerdings müsse er dann entsprechend seinem Gewissen und in voller Freiheit vor Gott und nicht entsprechend dem Votum  der Beratungsgremien entscheiden. Da frage ich mich, warum ein Bischof dann einen Treueeid auf den Papst ablegen muss. Kardinal Re scheint sich bewusst zu sein, dass heutzutage Zusammenarbeit und Dialog dringend notwendig sind. Der Verweis auf das Gewissen genügt allerdings nicht, um den derzeitigen patriarchalen Absolutismus der Kirchenführung auf allen Ebenen zu rechtfertigen.  

Robert Hochgruber