Religion
der Vorfahren
Arbor
una nobilis
Entwicklung
der Religiosität in Tirol von den Anfängen bis zum Christentum
Wie
zeigte sich das religiöse Empfinden und seine Ausdrucksformen in unseren
Breiten seit der ersten Besiedlung bis zum Christentum? Dieser Frage ging die
Ausstellung "Arbor una nobilis" im Frühjahr 2001 im Stadtmuseum von
Bozen nach.
Vom
8. bis 5. Jahrtausend vor Christus dürfte es in Südtirol lokale Kulte gegeben
haben, bei denen die Frau eine zentrale Stellung innerhalb der Mythen der
Fruchtbarkeit, Geburt und Wiedergeburt einnahm. Im 3. Jahrtausend vor Christus
sollen stelenförmige weibliche oder männliche Statuen (Menhire) im Zentrum der
Kulte gestanden haben. In der Bronzezeit (Ende des 3. bis Ende des 2.
Jahrtausends ) wurden im Rahmen der Kulte Opfergaben aus Wasser dargebracht,
auch auf Bergspitzen. Brandopferplätze gab es in großer Höhe. Es wurden
Speisen dargebracht und Vasen zerbrochen als Danksagung und Wiedergutmachung für
die Nutzung der Naturschätze. Im ersten Jahrtausend v. Chr. traten an die
Stelle der Brandopferplätze Heiligtümer in der Nähe bewohnter Zentren. Sie
dokumentieren eine neue Haltung gegenüber der Gottheit, welche durch ein
intimeres persönlicheres Verhältnis gekennzeichnet war. Aus dieser Zeit
stammen Keramikfragmente, die unter der heutigen Kirchenruine von Altenburg
gefunden wurden. Dadurch konnte eine sakrale Nutzung zumindest vom 9. bis zum 7.
Jahrhundert v. Chr. nachgewiesen werden. Es dürfte sich um einen rätischen
"Altar" gehandelt haben, wie er auch aus anderen Gegenden Südtirols
bekannt ist. Der Stein rechts neben der Ruine dürfte als Opferstätte, Grabstätte
oder Taufbecken verwendet worden sein. Die Bestimmung des Ortes hat auch die römische
Besiedlung überdauert, wie Giovanna Luisa Ravagnan im Büchlein zum Friedensweg
Kaltern feststellt. An dieser Stelle entstand dann die erste christliche Kirche
zum hl. Petrus im 5./6. Jahrhundert. Der hl. Vigilius, Bischof von Trient, soll
laut Legende im 4. Jahrhundert im Zuge der Verkündigung des Evangeliums
auch nach Altenburg gekommen und an der Südseite der Kirchenruine sogar
begraben sein.
Vor der Ausbreitung des Christentums verbreiteten sich ab dem 1. Jahrhundert nach Christus Mysterienkulte in unserer Heimat: Isis und Osiriskulte aus Ägypten (auch bekannt als Demeter, Aphrodite, Große Mutter). Die Mutter wurde als Hüterin der Geheimnisse und des Schicksals angesehen. Auch der Mithraskult fasste Fuß. Im Mittelpunkt stand eine Lichtgottheit (iranische Herkunft). Das Geburtsdatum war der 25. Dezember! Es ging dabei um den Triumph des Guten, um die Purifikation des Universums und die allgemeine Wiedergeburt.
Das Christentum löste diese Kulte dann ab. Auf den vorchristlichen Kultstätten wurden oft, wie auch in Altenburg, christliche Kirchen errichtet. Laut dem Kunsthistoriker Karl Gruber sind mindestens 120 vorchristliche Kultstätten in Südtirol bekannt. Er betonte bei der Seelsorgetagung 2000 in Brixen, dass z.B. die Gestalt der Gottesmutter Maria fast genau der früher in unseren Breiten verehrten Göttin Raetia entspreche. Die christlichen Kirchen seien mit Vorliebe an den vorchristlichen Kultstätten errichtet worden. Er sprach von Kultkontinuität, von einer Jahrtausende alten reichhaltigen Gläubigkeit und zugleich von Weiterentwicklung der Glaubensformen. Damit müsste das so genannte Heidentum neu bewertet werden als bemerkenswerte religiöse Ausdrucksweise jener Zeit und keineswegs als gottlose Zeit. Damit müsste das Christentum als Weiterentwicklung gesehen werden, nicht als Gegensatz und "Non plus ultra" zu vorherigen Religionen. Die Errichtung von christlichen Kirchen an alten Kultstätten könnte somit nicht als Ausmerzung des Heidentums zu verstehen sein, sondern als religiöser - vermutlich manchmal auch schmerzlicher - Prozess. Eine neue Wertschätzung und Versöhnung mit den vorchristlichen Kulten ist somit angesagt.
Schließlich
wird deutlich, dass sich die religiösen Ausdrucksformen immer und somit auch
heute im Fluss befinden und an die Menschen, ihr Leben und ihre Fragen anpassen
müssen. Die Religion hat ja immer schon die Aufgabe gehabt, Antworten auf die
Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach dem Woher und Wohin des Menschen und der
Welt, nach dem großen Ganzen, in dem wir eingebettet sind, zu geben.
Robert
Hochgruber
"Ötzi war ein alter weiser Mann, der im Inneren spürt, dass es mit seinem Leben dem Ende zu geht; also quält er sich ein letztes Mal auf das Joch im hintersten Schnalstal, um im Angesicht der Göttin Similaun sein Leben im Gebet ausklingen zu lassen. So könnte es gewesen sein, vermutet die deutsche Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth. Zentrale These der Forscherin aus Passau, die auf jahrelange Beobachtungen bei Naturvölkern zurückgreift: Die Gesellschaft der Jungsteinzeit war wesentlich von Frauen geprägt (Matriarchat); weil die Männer also keine Machtpositionen erkämpfen mussten, ging es damals weitaus friedlicher zu als heute. 'Die Ötzi-Mord-These entspricht dem Denken unserer Zeit: immer ist sofort Gewalt mit im Spiel' erklärt Göttner-Abendroth. Bei der Pfeilspitze könnte es sich um 'eine längst verheilte Verletzung' handeln."
Zett, 9.9.2001 S. 9
Kultfigur
aus Tirol (zwischen 750 und 400 v. Chr.)