Weshalb der Papst zurücktreten sollte

Menschliche Größe und der Mut zum Abschiednehmen

Einen großen Dienst kann der von Krankheit und Alter gezeichnete Papst Johannes Paul II der Christenheit noch leisten: Er sollte nach dem Ende des Heiligen Jahres 2000 zurücktreten. Der wegen seiner politischen Einflussnahme und seiner charismatischen Ausstrahlung in der Weltöffentlichkeit gefeierte, jedoch wegen seiner autoritären Amtsführung und rigorosen Sexualmoral vor allem innerkirchlich höchst umstrittene "Unbeugsame" würde mit seinem Amtsverzicht ein historisches Zeichen setzen. Ein Zeugnis der menschlichen Demut und Größe, das dem inneren Gehalt der 2000-Jahr-Feier des Geburtstages Jesu voll entsprechen würde. Ein Akt, der im 22. Jahr seines langen Pontifikates längst fällig ist. Ein Abschied der die eine Milliarde Menschen zählende katholische Kirche aus ihrer inneren Angststarre erlösen würde. Solch ein die Welt überraschender Großmut ist dem polnischen Mystiker auf dem Petrusthron durchaus zuzutrauen. Am besten wäre, der Papst verzichtete auf seine Amtsmacht und ginge einfach und brüderlich als ein ökumenischer Dauergast in ein orthodoxes Kloster auf Griechenlands Heiligem Berg. Er wäre wohl glücklich bei den von ihm so geschätzten orthodoxen Gottesmännern in der stillen Mönchsrepublik Athos. Dort haben weibliche Wesen keinen Zutritt. Es gibt keine nach Geschlechtsgerechtigkeit in der Kirche strebenden Frauen, keine emanzipierten Christinnen, die ihn, den "theologischen Macho" auf dem Petrusfelsen, seit langem in Rage bringen.

In Polen dagegen wäre ein zurückgetretener polnischer Papst wahrscheinlich weniger gut aufgehoben. Natürlich wird in seinem geliebten Marien-Wallfahrtskloster Tschenstochau längst eine Prunkwohnung für ihn bereitgehalten. Doch der achtbare, dann von den zu erwartenden Pilgermassen verehrte Altpapst würde vermutlich unter Bischöfen und Klerus "heiligen Unfrieden" stiften. Denn er steht für westliche Christen ist dies verblüffend "links" vom Gros der polnischen Kirchenoberen. Die sind nämlich nationalkonservativ und antijüdisch eingestellt. Im Gegensatz zu jenen Exzellenzen erweist sich Johannes Paul II (der schon als Erzbischof von Krakau einst der Progressivste in Polens Episkopat war) als ein überzeugter Antirassist und Internationalist. Ein Amtsverzicht des Papstes würde insgesamt befreiend wirken. Selbst wenn wie infolge der Machtkonstellation im Kardinalskollegium zu erwarten ist im Anschluss ein ähnlich konservativer Oberhirte ins römische Papstamt gewählt würde. Um die Fortsetzung seiner Linie muss sich der Papst keine Sorgen machen. Doch selbstverständlich weht der Heilige Geist, der das Erstarrte aufbricht so der zu Pfingsten im Gottesdienst gesungene Hymnus -, wo er will.

Doch nach menschlicher Berechnung wird einer von jenen 105 Kardinälen im Konklave zum Papstnachfolger gewählt, die Johannes Paul II selbst seit 1979 zu Kardinälen machte. Allzu massiv und allzu mächtig hat der mit einem riesigen und robusten Sendungs und Selbstbewusstsein ausgestattete derzeitige "Stellvertreter Christi" der Weltkirche seinen Stempel aufgedrückt. Darin besteht die Kehrseite seines lange währenden Pontifikats: Rund fünf Sechstel der Kardinäle, die zur Papstwahl berechtigt sind, weil sie das 80. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, wurden von Wojtyla kreiert. Johannes Paul II agierte von Anbeginn an innerkirchlich als ein intoleranter Machtpolitiker. "Seine" Kardinäle gelten als handverlesene Konservative. Aufgeschlossene Kirchenmänner von theologischem Format, wie etwa den Mainzer Bischof und Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann hat Wojtyla bei Kardinalsernennungen übergangen. Der statusbewusste Papst verkehrt im Vatikan mit seiner in Kurienkreisen so genannten Squadra polacca, der "Polen-Equipe, sowie mit seinen Kardinälen. Bischof Lehmann, einst Meisterschüler des großen Konzilstheologen Karl Rahner SJ, wurde kein "kleiner Dienstweg" zum Papst gewährt. Der Pontifex machte stattdessen folgsamere Geister aus Deutschland zu Kardinälen. So 1983 den Berliner Joachim Meisner, 1985 den Passauer Benediktiner Paul Anton Mayer sowie den Münchner Oberhirten Friedrich Wetter.

Der Rücktritt des seit über 21 Jahren amtierenden Papstes wäre überdies ein Epoche machender Dienst am Petrusamt der Einheit unter den Christen. Johannes Paul II. würde sein an Glanz und an Gewalt reiches Pontifikat wirkungsvoll vollenden. Was aber brächte ein weiteres Amtieren über das Jahr 2000 hinaus? Fände Wojtyla nicht die menschliche Größe und den spirituellen Glaubensmut zur

Askese des Abschiednehmens, so nähme die von ihm unter den Katholiken ausgelöste Kirchenspaltung ihren Lauf. Größtes Unheil droht. Denn der römische Pontifex, also der "Brückenbauer" eint schon lange nicht mehr. Er spaltet. Eigensinnig verfolgt Wojtyla als "unfehlbarer" Herrscher der Kirche seinen äußerst subjektiven theologischen Kurs. Ohne theologische Argumente vereitelt er das Priesteramt für Frauen. Stur setzt er auf eine fossile Kleruskirche. Stur bekämpft er den Einsatz der Laientheologen. Für sein Schisma setzt Johannes Paul II die ihm geliehene Amtsgewalt ohne Zaudern ein. So wird er zum Gegner der christlichen Gewissensfreiheit. All dies summiert sich zur Tragödie.

Natürlich hat das Volk Gottes schon weitaus schlimmere Päpste überstanden als den persönlich glaubwürdigen, stets integren Johannes Paul. Kaputtzukriegen ist die Kirche nicht. So lehren es das Neue Testament und die Erfahrung von bald 2000 Jahren. Doch unter Wojtylas Regiment sind Millionen aus der Kirche geflüchtet. Im Holzschnitt: Kein Papst hat je mehr Leute aus der katholischen Kirche getrieben als Wojtyla. Unter ihm verkümmert das vom Konzil gestärkte "Volk Gottes" zu einer folgsamen "Schafherde", bewacht von schwarzberockten Hirten im Priesterdress und einem bissigen Glaubens-Schäferhund aus Deutschland.

Triumph und Tragödie. Respekt gebührt Papst Wojtyla für seine Rolle nach außen. Weltpolitisch betrachtet: ein großes Pontifikat. Dass die Christen nichts mehr als "jüngere Geschwister" der Juden seien, das hat dieser Papst seiner Kirche eingetrichtert und mit seinem historischen Besuch in der Synagoge in Rom bekräftigt. Das Verhältnis zum Islam hat er von Marokko bis nach Indonesien verbessert. Damit diente er dem Weltfrieden. Den Respekt gegenüber fremden Religionen hat er abgesehen von Ausrutschern eingeschärft und im Weltfriedensgebet von Assisi sowie auf seinen vielen Reise vorgelebt. Seinem Beinahe-Mörder Ali Agca hat der Papst im Gefängnis zugehört. Anschließend verzieh er ihm. Damit gab der Papst, der sich gesundheitlich nie mehr vom Attentat erholte, der Welt ein leuchtendes Beispiel christlicher Barmherzigkeit.

Politisch hatte Johannes Paul II Anteil am Sieg über die Diktatur im Ostblock. Der unvergessliche, gewaltfreie Solidarnosc Arbeiteraufstand in Danzig, dem sich fast ganz Polen anschloss, erfolgte kurz nach Papst Wojtylas erstem triumphalen Polenbesuch. Ganz Osteuropa erfuhr damals, Anfang der 80er Jahre, dass die Diktatur besiegbar sein würde. Biblisch gesprochen: Mit dem "Guten", also ganz zivil, wurde das "Böse", die Diktatur der Lüge, überwunden. Doch das Licht wirft auch dunkle Schatten: Wojtylas Triumph in Polen vertiefte auch seine verhängnisvolle "Freundschaft" zu General Vernon Walters, einem Vertrauten der katholischen Geheimsekte Opus Dei. Walters organisierte im Auftrag von US-Präsident Reagan den Krieg gegen die Armen in Südamerika. Folgenreicher Fehlschluss: In seiner Urteilskraft geradezu benebelt von seiner polnischen Erfahrung unter der Stalin-Diktatur, meinte der römische Papst, er müsse wie ein "geistlicher Waffenbruder" mit den USA unter dem Rechtsrepublikaner Reagan eine angeblich drohende KP Machtübernahme im "katholischen" Lateinamerika bekämpfen. Sein jenem schmutzigen Krieg klebt an Wojtylas weißem Papstgewand gleichsam das Blut ungezählter christlicher Märtyrer. Den Anfang 1980 Hilfe suchend nach Rom geeilten Erzbischof Romero aus El Salvador ließ der Papst öffentlich im Regen stehen. Wojtyla wollte Romeros Klage über die Massaker an der Basiskirche nicht hören. Die Militärs verstanden die Botschaft. Sie handelten ihrerseits konsequent und setzten die vor der Weltöffentlichkeit erfolgte päpstliche Abkehr in Mord um. Sie erschossen Romero kurz nach seiner Rückkehr am Altar.

Es ist tragisch. An einer der tödlichsten Christenverfolgungen seit Petrus und Paulus hat der Papst indirekt mitgewirkt und dies, obgleich er einst selbst als junger Pole unter der Verfolgung durch Nazideutschland gelitten hatte. Wojtyla wurde, weil er die Realität Südamerikas nur durch die antikommunistisch getönte Ostbrille wahrnahm, zum ideologischen Helfer der Christenverfolgung.

Und dennoch: Unter ihm wurde später der Heilige Stuhl zum geachteten Anwalt für Menschenrechte, insbesondere der vom globalen Kapitalismus Ausgegrenzten. An die 50 Staaten von Honduras bis Belgien stimmen in der UNO zumeist so ab, wie Wojtyla es will. "Wie viele Divisionen hat der Papst?", so fragte Sowjetdiktator Stalin Mitte des 20. Jahrhunderts. Heute unterhält der Vatikan Beziehungen zu 173 Staaten. Unter Wojtyla wurde der Vatikan zu eine zivilen Großmacht.

Genug der Politik und der menschlichen Tragik. All seine Verbleibende Lebenskraft hat der 80-Jährige auf das Heilige Jahr 2000 konzentriert. "Durchschlagend" möchte er die Botschaft Christi aller Welt nahebringen. Dass die angepasste Hierarchie fast nur mehr "liberale" Anpassung an den wildgewordenen Kapitalismus predigt, das bekümmert diesen Papst. Solcherlei Verflachung erzürnt ihn. Und auch deshalb inszeniert er als "großer Kommunikator" sein Heiliges Jahr. Er will all die "geistlosen" Zwischeninstanzen, also die Bischöfe und ihre Konferenzen, umgehen, um mit der kraftvollen Spiritualität seines Christusglaubens die Fernsehgemeinde rund um den Globus (und natürlich auch die vielen Rompilger) zu erreichen. Deshalb setzt dieser Papst auf die "überredende", die persuasive Macht der TV Bilder, die er, im Heiligen Jahr 2000 mehr denn je, mit kaum je erschütterlichem, großem Selbstbewusstsein selber produziert.

Thomas Seiterich-Kreuzkamp, Publik-Forum 2000 Nr. 2, S. 24-27




Godfried Daneels, belgischer Kardinal, hat ein Buch veröffentlicht, in dem er dafür plädiert, dass der Papst aus Alters und Gesundheitsgründen sein Amt aufgeben soll. In dem Werk mit dem Titel "Die volle Freiheit" begründet Daneels seine Überzeugung mit der Tatsache, dass für kath. Bischöfe eine Amts-Alters-grenze von 75 Jahren gilt. Eine solche Regelung könne auch analog für Päpste eingeführt werden so die These. Er, Daneels, wäre nicht überrascht, wenn der Papst sich nach dem Heiligen Jahr 2000 von seinem Amt zurückziehen würde, heißt es.
Karl Lehmann, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, - er hatte im Jänner mit seinem Ausspruch, dass er dem Papst die Kraft und den Mut zum Rücktritt zutraue, wenn er seine Aufgabe nicht mehr erfüllen könne hält angesichts weltweiter kirchlicher Probleme die Einberufung eines Dritten Vatikanischen Konzils für sinnvoll. So müsse es endlich eine Aussprache über den Priestermangel in der Welt und über Wege zu seiner Beseitigung geben. Damit verbunden sehe er die Fragen nach anderen Zulassungswegen zum Priesteramt und nach dem Diakonat der Frau. Möglicherweise könnten auch die Bischofsernennungen ein Thema sein.