"Ich denke, die schwierigste Frage, die man uns Christinnen und Christen stellen kann, ist diese: "Wenn euer Retter gekommen ist, wie ihr sagt, auf was oder auf wen wartet ihr dann noch?"
Diese Frage, die durchaus zu Recht besteht, ist nicht nur eine schwierige, sondern auch eine sehr deprimierende Frage, weil es im Grunde genommen gar keine echte Frage ist, sondern die mehr oder weniger deutliche, aber sehr kritische Feststellung: Christinnen und Christen: sie erwarten gar nichts mehr; für sie ist ja das Heil und der Retter gekommen. Christinnen und Christen haben keine Träume mehr; sie finden sich mit der brutalen Wirklichkeit, mit dem Status quo ab. Für Christinnen und Christen ist eigentlich alles schon gelaufen.
Unsere Kirchenleitungen tun eigentlich nur wenig, um diesem zu Recht bestehenden Eindruck zu begegnen. Im Gegenteil. Aus Äußerungen des kirchlichen Lehramts zu schließen, sind Erwartungen des Kirchenvolkes überhaupt nicht gern gesehen. Und die Maßgebenden selbst scheinen nicht Menschen zu sein, die die Rettung oder das Heil erwarten, sondern Menschen, die das Heil oder das, was sie unter Heil verstehen, verwalten. Ich sage das nicht nur so daher, ich kann das auch belegen mit vielen Beispielen. Ich möchte nur an eine der letzten Verlautbarungen erinnern. Da kommen doch der Papst, ein paar Kardinäle und Bischöfe mit Sicherheit alles Männer -, und die sagen: Dass die Frauen nicht zu Priestern oder zu Priesterinnen geweiht werden können ist nicht nur eine Frage der Kirchenordnung, sondern eine Frage des Glaubens. Und weil die Unmöglichkeit der Frauenordination zum katholischen Glaubensgut gehört, also eine eigentliche Glaubenswahrheit ist, ist sie auch unabänderlich und für alle verpflichtend. Ich bin der Meinung: Männer, die so etwas festlegen, erwarten nichts mehr von der Zukunft; sie verwalten nur noch die Vergangenheit. Der Geist ist ausgelöscht und wird nicht mehr wehen können, wo er will. Männer, die unfehlbare Wahrheiten aufstellen, werden sich auch nicht mehr mit den Herausforderungen der Zeit und der Welt und der Kirche auseinandersetzen; solche Herausforderungen soll es am besten überhaupt nicht mehr geben. Ich vermute, dass diese Männer, die unfehlbare Wahrheiten festlegen, Unfehlbarkeit mit Unbeweglichkeit verwechseln wobei ich doch meine, dass Unfehlbarkeit etwas mit der Treue des lebendigen Gottes zu tun hat. Aber die ist so wenig gefragt wie der Geist.
Das meine ich, wenn ich sage, die Männer des kirchlichen Lehramtes würden das Heil nicht erwarten, sondern verwalten. Wobei ich überhaupt nicht sicher bin, dass sie das Heil verwalten.
Die Frage bleibt und sie ist sehr drängend: Worauf warten wir Christinnen und Christen eigentlich noch? Ist mit Weihnachten nicht schon alles gegeben? Singen wir nicht zu Recht: Christ der Retter ist da? Ist der Messias, auf den doch die ganze Welt wartet, für Christinnen und Christen nicht schon gekommen?"
Aus dem Buch von Venetz, Hermann-Josef: Die Geburt einer neuen Zeit: Gedanken zu Advent und Weihnachten. Paulusverlag, Fribourg / CH, 1997, S. 82 ff.
Hermann-Josef Venetz, Jahrgang 1938, ist Professor für neutestamentl. Exegese an der Theolog. Fakultät der Universität Fribourg / Schweiz