Er ist mittlerweile 85-jährig und kein bisschen leise. Während seine Gegner in ihm einen altersstarrsinnigen Stänkerer sehen, freuen sich seine Anhänger ob seines kritischen und angriffigen Geistes. Herbert Haag, emeritierter Theologieprofessor, bekannter Buchautor und Vater des "Herbert-Haag-Preises für Freiheit in der Kirche" hat sich wieder einmal mit den Schweizer Bischöfen angelegt.
Das Priesteramt, so verkündete Haag ungeschminkt, sei eine Erfindung der katholischen Kirche und für die Feier der Eucharistie nicht Voraussetzung. Doch, so Haag weiter, die Bischöfe seien eben zu feige, in Rom gebührend auf die Folgen des Priestermangels hinzuweisen. Solches wollten die Bischöfe nicht auf sich sitzen lassen und entzogen dem Greisen wegen Verbreitung unkatholischer Aussagen offiziell und öffentlich das Vertrauen.
Hat sich Herbert Haag theologisch wirklich versündigt? Kein Exeget würde heute noch ernsthaft die Behauptung aufstellen wollen, dass Jesus Christus Priester nach katholischem Amtsverständnis mit Zölibat und Weihe eingesetzt habe. Diese Vorstellung haben vor Haag schon andere Theologen wissenschaftlich widerlegt wenngleich viel vorsichtiger und differenzierter. Doch der Streit zwischen den Bischöfen und Herbert Haag ist nur scheinbar ein theologischer.
Vielmehr trifft Haag die pastorale Wunde und damit die Bischöfe am Nerv: Die am Priestermangel leidende Basis wird immer aufmüpfiger, die priesterlosen Pfarreien neigen zunehmend zu unerlaubter "Selbsthilfe", derweil der vatikanische Druck auf die Bischöfe zunimmt, diese Basis im Sinne katholischer Lehre zu disziplinieren. So liegt Haags "Sünde" eher im Tabubruch.
Indem Haag offen ausspricht, dass unter anderem das Katholische Priesteramt nicht eigentlich auf die Person Jesu zurückgeht, bringt er die Ergebnisse der theologischen Forschung auf Kollisionskurs mit der kirchlichen Tradition und die Bischöfe in die Klemme.
Dass sich beide Seiten öffentlich der Gesprächsverweigerung bezichtigen und die Bischöfe nur noch mit der Machtdemonstration des Vertrauensentzugs zu reagieren wissen, stellt letztlich eine Konkurserklärung der innerkirchlichen Kommunikation dar.
Urs Jecker, Redakteur bei Schweizer Radio DRS. Aus: Kirche Intern, 3/2000, S. 16.