Das Guthaben der Armen

Warum auch Satelliten besteuert werden sollen und wer davon profitieren soll

Wieviel Steuern bezahlen Staaten oder multinationale Firmenkonsortien, wenn sie einen Nachrichtensatelliten in die Erdumlaufbahn gebracht haben? Nichts. Was entrichten multinationale Konzerne, wenn sie in den Ozeanen außerhalb der 10 Meilen Zone nach Rohstoffen suchen und diese abbauen? Nichts. Wie ist es möglich, dass auf dem Mond bereits Grundstücke verkauft werden? Wem gehören der Mond, die Ozeane, die Atmosphäre? Es sind Allgemeingüter, die niemandem gehören können oder - besser gesagt die im Besitz der gesamten Menschheit sind. Auf diese Zusammenhänge hat der ehemalige Benediktinerabt von San Paolo fuori le Mura in Rom Giovanni Franzoni am 28. September bei einer interessanten Begegnung in Bozen hingewiesen. Er war von Pax Christi eingeladen worden. Die Veranstaltung wurde auch von der Initiativgruppe für eine lebendigere Kirche mit getragen.

Richtungsweisend waren die Konsequenzen, die der engagierte Katholik zog. Derzeit scheint nur ein Gesetz zu gelten, meinte er, und zwar folgendes: was niemandem gehört, kann von jenem in Besitz genommen werden, der als erster den Anspruch darauf anmeldet. Das führt unweigerlich zur Ausbeutung der Allgemeingüter, die für alle Menschen bestimmt sind, durch reiche Staaten und multinationale Konzerne. Die Armen dieser Welt bleiben auf der Strecke. Wie aber können die Industriestaaten oder große Firmen dazu gebracht werden, für den Abbau oder die Benützung von Allgemeingütern zu bezahlen? Franzoni schlägt vor, Steuern auf Konzessionen für die Benutzung der Allgemeingüter einzuheben. Sie sollen in einen "Fond für Entwicklung und die Begleichung der Auslandsschulden der Länder des Südens" fließen. Diesem Modell liegt die Vorstellung zugrunde, dass die unterentwickelten Länder des Südens ein Guthaben bei den Industriestaaten haben. Alle müssen ja von den Allgemeingütern profitieren. Derzeit tun es nur die reichen Länder und ihre Konzerne. Auf diese Weise könnte die Menschheit aus der derzeitigen Misere von Hunger, Elend und Unterentwicklung des Großteils der Völker herauskommen.

Ist dies alles aber nicht zu schön, um wahr zu sein? Werden sich die Industrienationen ohne Druck bereit erklären, Steuern zu zahlen? Giovanni Franzoni ist sich dieser Fragen bewusst. Er weist darauf hin, dass diese Visionen bereits von Fachleuten diskutiert werden, vor allem was den Abbau der Rohstoffe in den Ozeanen und in der Antarktis betrifft. Wenn viele Menschen solche Ideen unterstützen, kann sich ein Bewußtsein entwickeln, das zum Umdenken führt. Wer hätte vor 20 Jahren gedacht, dass die Zwangsarbeiter im 3. Reich einmal eine Entschädigung erhalten werden? Wenn Staaten und Konzerne geächtet werden, wenn sie nicht entsprechende Steuern auf Allgemeingüter bezahlen, könnte sich ein Weg auftun. Heute kann es sich auch kein Staat mehr leisten, die Sklaverei zu befürworten. Das würde eine weltweite Ächtung zur Folge haben. So unrealistisch scheint dieses Modell von Steuern auf Allgemeingüter zugunsten der Armen der Welt also doch nicht zu sein. Der Weg dorthin dürfte allerdings lang sein.

Diese Ideen kommen nicht von ungefähr. Franzoni stellte sie bewußt ins Heilige Jahr 2000. "Spettacolo e commercio" habe es bisher durchwegs bei den Feierlichkeiten im Jubiläumsjahr in Rom gegeben, meint er. Er beklagt, dass sich die Kirchenleitung mit den großen Themen, die die Menschheit derzeit bewegen, kaum oder überhaupt nicht beschäftigt. Er trat gemäß der biblischen Bedeutung des Jubiläumsjahres für eine Versöhnung mit der Umwelt, der Menschen untereinander, ja mit der Erde insgesamt ein. Das biblische Sabbatjahr fordert uns dazu auf, über unser Entwicklungsmodell und die Widersprüche eines unbegrenzten Wachstums nachzudenken, Grenzen zu setzen beim Konsum und dem Verbrauch von Ressourcen. So könnte das Heilige Jahr religiös gesprochen zu einem Segen für die gesamte Menschheit werden kann.

Robert Hochgruber




Nachzulesen sind diese Überlegungen in den beiden Büchern von Franzoni Giovanni Franzoni "Lasst die Erde ausruhen. Offener Brief für ein mögliches Jubiläum" (erschienen 1997) und "Anche il cielo è di Dio. Il credito dei poveri" (erschienen 2000). Giovanni Franzoni ist eine schillernde Figur des italienischen Katholizismus: 1928 geboren, dazu bestimmt, in der Kirche Karriere zu machen, zum Abt des bedeutenden Benediktinerklosters San Paolo fuori le Mura gewählt und als solcher Teilnehmer des II. Vatikanischen Konzils, 1973 wegen Meinungsverschiedenheiten mit dem Vatikan zum Rücktritt gezwungen er setzte sich u.a. für die Meinungsfreiheit der Katholiken beim Referendum über die zivile Ehescheidung ein 1976 laisiert, da er erklärt hatte, die kommunistische Partei gewählt zu haben. Giovanni Franzoni lebt seit 1973 in der Basisgemeinde San Paolo fuori le Mura, gibt eine Zeitschrift heraus und ist Autor mehrerer bekannter Bücher.