Interview
Demokratische Struktur notwendig - Rolle der Frauen in der Kirche verändern - Lebenszeichen an der Basis
"Wir sind Kirche"
ist in den USA ein ganzes Netzwerk von Gruppierungen
mit Reformanliegen. Sehen Sie die Chance einer wirklichen Kirchenreform?
Bewirken diese Reformanliegen etwas?
Maureen Fiedler: Ja, ich glaube, es kann Reformen geben von der Basis
her, das läuft hier in kleinen Glaubensgemeinschaften, wie wir das
nennen. Katholiken, die zusammenkommen, sich gemeinsam treffen, soziale
Aktionen durchführen, über die hl. Schrift sprechen. An der Basis
geschieht das also. In der Hierarchie ist es derzeit bei uns überaus
schwer, so wie auch anderswo in der Kirche.
Was ist aus ihrer Sicht das wichtigste Reformanliegen? Ist es die
Freistellung des Zölibates? Ist es die Möglichkeit der Laien, bei der
Bischofswahl mitzubestimmen? Ist es die Zulassung der Frauen zu
Weiheämtern?
Ich glaube, das allerwichtigste Anliegen, von dem letztlich alle anderen
abhängen, ist eine Veränderung in der Führung der Kirche, so dass wir
eine echte demokratische Struktur in der katholischen Kirche haben.
Gleich danach kommt die Rolle der Frauen in der Kirche. Wir brauchen
hier eine qualitative Veränderung und wir müssen erkennen, daß die
Frauen von Jesus als Teil auch der Kirchenämter betrachtet wurden. Das
ist ganz wichtig. Und damit hängt natürlich auch die Freiwilligkeit des
Zölibats zusammen und auch die andere Behandlung von Homosexuellen, die
ausgeschlossen waren. Es ist ganz wichtig, dass auch sie eingeschlossen
sind.
Werden wir es Ihrer Meinung nach noch erleben, dass Frauen oder dass
eine katholische Frau Priesterin wird?
Ja. Sie und ich, wir haben schon so lange gelebt. Es gibt in der
tschechischen Republik eine Frau, Ludmilla Javorowa, die als Priesterin
von einem Bischof geweiht wurde, und zwar als die Tschechoslowakei noch
kommunistisch war. Der Vatikan erkennt ihr Amt nicht an. Aber ja, ich
freue mich auf den Tag, an dem der Vatikan das anerkennt und wenn wir
dann Hunderte und Tausende von Frauen auch als Priesterinnen weihen. Ich
weiß nicht, ob ich das noch erlebe, aber ich denke doch. Ich bin nicht
sicher, daß die Kirche überleben kann und sie kann sicher nicht lebendig
sein, wenn die Frauen nicht voll und ganz mitwirken.
In Österreich hat sich mittlerweile schon eine gewisse Müdigkeit breit
gemacht. Bemerken Sie das auch in den USA?
Ja. Hier in den USA gilt das gleiche, wenn es darum geht mit der
Hierarchie zu interagieren, mit den meisten jedenfalls. Es gibt hier
Bischöfe, wie es sie wahrscheinlich auch in Europa gibt, die die
Reformbewegung begrüßen. Aber großteils ist der Umgang mit der
Kirchenhierarchie ein Problem. Aber wir haben eine ganz lebendige
Basisbewegung und es gibt sehr viel Hoffnung. Interessant ist eines.
Alle, die hier engagiert sind, identifizieren sich mit der Katholischen
Kirche, sie nennen sich Katholiken und sie sind entschlossen, Teil der
Tradition und Teil der Kirche zu bleiben. Und diese Lebendigkeit an der
Basis und das Wachsen dieser Gemeinschaften glaube ich, wird ein
Lebenszeichen werden und es werden immer mehr Leute dazukommen und das
wird die Zukunft der Kirche sein. Und letzten Endes muß auch die
Kirchenhierarchie erkennen, dass hier der Geist zu Hause ist und diese
Realität anerkennen.
Das klingt fast wie ein Glückwunsch zum 5. Jahresjubiläum. Ich danke
Ihnen. Auf Wiedersehen.
Aus: Orientierung ORF 2 vom 25.06.2000
Zur Person:
Sr. Maureen Fiedler, Orden der Loretto-Schwestern, Diplom in
Politikwissenschaft, Jahrgang 1942, arbeitet im Quixote Zentrum
Maryland, ist engagiert für soziale Gerechtigkeit, gegen die
Todesstrafe, für die Gleichberechtigung der Geschlechter in der Kirche,
für eine umfassende Kirchenreform. Sie gehört der Bewegung "Catholics
speak out USA" (entspricht: "Wir sind Kirche") an, die das
Kirchenvolksbegehren durchgeführt hat. Sr. Maureen ist Vorstandsmitglied
der internationalen
Bewegung Wir sind Kirche (IMWAC).
Gemeinsam mit Linda Rabben veröffentlichte sie das Buch "Rome has
spoken", in dem in 18 Themenbereichen die Veränderungen der
römisch-katholischen Lehrmeinungen über Jahrhunderte aufzeigt werden.