Am 7. September saßen Kurator und Pfarrer bis in die späten Abendstunden im Sekretariat, verfassten Pressemitteilungen und beantworteten Fragen neugieriger Journalisten, evangelischer und katholischer Christen. Auslöser war die vatikanische Erklärung "Dominus Jesus", die allerdings nur betonte, was wir alle schon wussten: Die röm.- katholische Kirche ist die einzig wahre Kirche und nur durch sie können die Menschen selig werden; nur in ihr findet man die volle Wahrheit; nur katholische Pfarrer sind richtige Pfarrer usw. Allen anderen christlichen Kirchen (Anglikanern, Orthodoxen, Lutheranern, Baptisten, Methodisten, Waldensern, Kopten, Altkatholiken ...) fehlt etwas Entscheidendes: sie alle vertreten nur Teilwahrheiten und stehen nicht in der Kompetenz, tatsächliche und vollkommene Kirche Jesu Christi zu sein.
Die Stellungnahme unserer Kirchengemeinde gegenüber der Öffentlichkeit reihte sich an eine Flut von internationalen Protesten, von Empörung und Betroffenheit gegen diesen Alleinvertretungsanspruch der röm.- katholischen Kirche. ELKI (Evangelisch-Lutherische Kirche) Dekan Jürgen Astfalk kritisiert, dass die Lehrtradition der kath. Kirche sich nicht auf die Heilige Schrift gründet. Für den EKD-Ratsvorsitzenden Manfred Kock ist die Erklärung ein "Rückschlag für das ökumenische Miteinander... Die Zeichen aus Rom stehen auf Stillstand." Der Weltkirchenrat in Genf und London befürchtet eine Beeinträchtigung des ökumenischen Dialogs und einen Rückschlag für die komplexen Gespräche über die Beziehungen der Kirchen untereinander. Erzbischof Cary, Oberhaupt der anglikanischen Kirche betont: "Die Kirche von England und die weltweite anglikanische Gemeinschaft akzeptieren nicht, dass die Ordnung des geistlichen Amtes und ihre Eucharistie in irgendeiner Weise defizitär sein sollen." Auch der deutsch-schweizer Theologe Hans Küng kritisiert scharf: "Die Erklärung ist eine Mischung aus mittelalterlicher
Rückständigkeit und vatikanischem Größenwahn." Und den Rückfall in vorkonziliare Zeiten befürchtet Herwig Sturm, Bischof der Evangelischen Kirche in Österreich.
Verschärft wurde der Konflikt, weil neben der Erklärung "Dominus Jesus" vom Vatikan auch eine "Note" der Glaubenskongregation über den Gebrauch des theologischen Begrif "Schwestern-kirchen" veröffentlicht wurde. Wörtlich heißt es darin: "Im eigentlichen Sinn sind Schwesternkirchen ausschließlich Teilkirchen untereinander. Es muss immer klar bleiben, dass ... die universale, eine heilige, katholische und apostolische Kirche nicht Schwester, sondern Mutter aller Teilkirchen ist."
Aus:"Gemeindebrief Okt. Nov. 2000"