Nachlese zur Seelsorgetagung Ende August 2000 in Brixen

Verordnete Hoffnung ?

Etwa 350 Priester, Religionslehrerinnen und lehrer sowie Interessierte trafen sich in dieser Woche zur Seelsorgetagung in Brixen. Sie überlegten drei Tage lang, wie sie selber und die Kirche Zeichen der Hoffnung für das 3. Jahrtausend sein könnten. Ein großspuriges Motto, zutreffend für die berechtigten Ambitionen der Kirche, verständlicherweise eine Überforderung für die lokale Kirche. Es war der Auftakt des Arbeitsjahres der Diözese.

Ein Glanzlicht waren die Ausführungen von Hauptreferent Gotthard Fuchs, Professor für Spiritualität und Dogmengeschichte in Wiesbaden. Er machte deutlich, dass das Evangelium nichts von seiner Aktualität verloren habe, dass das Christentum mit seiner Überzeugung von der Würde des Menschen, mit seinem Ja zum Leben und zur Welt und mit seinem Engagement für Entrechtete und Ausgegrenzte einmalig sei und Zukunft habe. Zugleich wies er darauf hin, dass sich die derzeitige monarchistische patriarchale Gestalt der Kirche im Sterben befinde und dass die neuen Entwicklungen auf die Gleichberechtigung von Mann und Frau, auf Demokratie und individuelle Glaubenswege hinauslaufen. Es sprach vom nötigen Erwachsenwerden im Glauben des Einzelnen und der Kirche, von der heutigen Sehnsucht nach Spiritualität und Gottesbegegnung zusammengefasst im Begriff der Mystik. Sie sei kein Sonderweg für Fromme oder Gebildete, sondern die Chance der Christen im 3. Jahrtausend.

Unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern war wenig Begeisterung zu spüren, wenig Mut zur Auseinandersetzung mit den verschiedenen Strömungen in der Gesellschaft. Es gab kaum Bereitschaft, sich mit der derzeitigen Situation der Kirche wirklich zu beschäftigen. Die brennenden Probleme ließ man bei einer Podiumsdiskussion lieber unter dem Teppich. Insgesamt entstand der Eindruck, dass die Hoffnung verordnet war. Ein lang gedienter Dekan brachte es auf den Punkt. In seinem Dekanat herrsche eine resignative Stimmung unter den Priestern. Man mache halt die Arbeit und wisse nicht recht, wie es mit der Kirche weitergehe verständlich aufgrund der Überalterung der Seelsorger. Trotzdem wurde deutlich, dass die Kirche im sozialen Bereich, auch im Bereich von Kunst und Kultur sowie auf religiösen und gemeinschaftsstiftenden Gebiet Großartiges geleistet hat und weitgehend noch leistet.

Einhellig wurde die Ablehnung der Anfang September stattfindenden Seligsprechung von Papst Pius IX kundgetan. Er hatte auf dem I. Vatikanischen Konzil mit zwielichtigen Methoden das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes durchgesetzt. Er hatte Todesurteile vollstrecken und Juden verfolgen lassen. Kirchenpolitische Überlegungen seien der wirkliche Grund, wurde gesagt. Die gleichzeitige Seligsprechung des "Papa buono" Johannes XXIII solle damit neutralisiert werden. Die gegenwärtige Kirchenführung hat offensichtlich Angst vor dem Papst der Öffnung, dem Papst, der das II. Vatikanische Konzil und damit eine neue Ära in der Kirche eingeleitet hatte. Bedauert haben mehrere, dass die Seligsprechung Pius IX das eh schon angekratzte Image der Kirche belaste.

Auffallend war, dass sich an den Diskussionen nur eine Frau und nur wenige Religionslehrer beteiligt haben. Ist Südtirol noch klerikal, d.h. priesterzentriert ausgerichtet oder haben sich die männlichen Laien und die Frauen schon verabschiedet? Warten sie nur auf bessere Zeiten? Oder sie sind noch nicht ausreichend emanzipiert?

Trotz allem, die Priester und die Religionslehrerinnen und lehrer versuchen ein Hoffnungszeichen zu sein und sind es wohl auch meistens. Die Institution Kirche muss allerdings noch viel an sich arbeiten, damit sie ein Hoffnungszeichen bleibt.

Robert Hochgruber