Predigt von Stefan Wedra am 4. Juni 2000 anläßlich der Gründung eines Alt-Katholikenvereins in Bozen

Petrus, der erste Alt-Katholik?

"In diesen Tagen erhob sich Petrus im Kreis der Brüder (und Schwestern) - etwa hundertzwanzig waren zusammengekommen und sagte: Schwestern und Brüder! Es musste sich das Schriftwort erfüllen. ... Und sie stellten zwei Männer auf. ... Dann beteten sie: Herr, du kennst die Herzen aller; zeige, wen von diesen beiden du erwählt hast. ... Dann gaben sie ihnen Lose; das Los fiel auf Matthias, und er wurde den elf Aposteln zugerechnet." Apostelgeschichte 1,15-26

"Liebe Brüder und Schwestern, ... Wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollendet. ... Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bliebt in ihm." 1 Johannes 4, 11-16

"Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. ... Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, ... damit sie meine Freude in Fülle in sich haben. Ich habe ihnen dein Wort gegeben. ... Und ich heilige mich für sie, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind." Johannes 17,6a.11b-19

Glaubt ihr an Wunder? Ich muss gestehen. Ich selten, obwohl ich glaube, dass es doch Zeichen gibt. Oder wo man erlebt: Aah, passt! Toll!

Das ist mir passiert, als ich vor drei Tagen, die Lesungen für den heutigen Sonntag sah: Vor zwei Monaten haben wir den heutigen Tag gewählt, um einen Alt-Katholikenverein zu gründen, weil wir uns als alt-katholische Gemeinde Kontinuität und Verbindlichkeit geben wollen. In den liturgischen Kalender hat niemand gesehen!

Und dann diese Lesungen, die uns in dieser Situation ungeheuer viel mit auf den Weg geben:

Wir haben die Geschichte gehört, wie der Apostel Matthias gewählt wurde. Es ist interessant, wenn man dabei die Person des Petrus betrachtet. Seine Nachfolger in Rom nehmen es sich heraus einen Bischof frei zu ernennen, quasi dem Kirchenvolk vor die Nase zu setzen. In den Dogmen des ersten Vatikanums heißt es sogar, der Papst handelt aus sich heraus, nicht aufgrund der Zustimmung der Kirche. Für unsere Väter und Mütter der Grund, diese Dogmen abzulehnen.

Petrus, der sicher die Führung in der Jerusalemer Gemeinde hatte, wie hat er geführt? Er beruft sich auf die Schrift. Er sieht die Notwendigkeit, einen Nachfolger zu wählen und die Kontinuität der Überlieferung zu bewahren: Es sollte jemand sein, der Jesus gut kannte. Aber er entscheidet nicht alleine. Es entscheidet im Gebet die ganze Gemeinde, 120 - eine symbolische Zahl für die Gesamtheit. Und die Gemeinde hat Handlungsspielraum. Es heißt nicht, Petrus habe zwei Nachfolger präsentiert und darüber durfte man abstimmen: Sie haben zwei Kandidaten gewählt.

Keine Scheinalternative - nein, ein Entscheidungsprozeß für alle verständlich und transparent. Die Entscheidung kann von allen mitgetragen werden.

Petrus, der erste Alt-Katholik?

Auch die zweite Lesung gibt uns heute sehr viel mit auf den Weg: Wie wird Gott in der Gemeinde lebendig, wie finden wir ihn?

Es sind nicht Beharren auf Rechtgläubigkeit, penibles Einhalten von liturgischen Regeln, moralische Rigidität oder große Bauten, wodurch man Gott in der Gemeinschaft erkennt.

Es ist die Liebe Gottes, die man selbst empfängt und die man weitergibt. Diese Liebe macht uns den Geist Gottes erfahrbar und gibt uns die Kraft, den Glauben zu bezeugen.

Viele Menschen werden davon abgeschreckt, daß die Alt-Katholiken eine so kleine Gemeinschaft sind. Aber es kommt nicht darauf, groß zu sein. Es kommt darauf an, Kirche zu sein und in ihr die Liebe Gottes zu erfahren. Und es ist doch die fehlende Liebe, die manche an der Kirche zweifeln lässt.

Ein dritter Gedanke aus dem Johannesevangelium:

Der Text, den wir gehört haben, war für eine kleine Gemeinde geschrieben, klein, wie wir. Aber diese Gemeinde stand unter einem ungeheuren Druck, angefeindet und Verfolgung ausgesetzt. "Ich habe ihnen dein Wort gegeben, und die Welt hat sie gehasst, weil sie nicht von der Welt sind," und auch wir sind in einer Umwelt, die immer weniger den christlichen Glauben bekennt.

Diese Gemeinde war somit ungeheuer schutzbedürftig und bedurfte des Zuspruchs des erhöhten Christus. Und er gibt ihr eine Schutzbitte an den Vater mit auf den Weg:

"Ich bitte nicht, daß du sie aus der Welt nimmst, sondern daß du sie vor dem Bösen bewahrst."

Ungeheuer wichtig für uns: Gemeinschaften, die angefochten sind, haben die Tendenz, sich abzukapseln und ihr Eigenleben zu führen. Nach der französischen Revolution versuchte man in der katholischen Kirche quasi eine kirchliche Gegenwelt zu erzeugen: Missliebige Gedanken wurden auf den Index gesetzt, Andersmeinende ausgeschlossen, ein eigenes kirchliches Milieu erzeugt: eigene Parteien, Gewerkschaften und Vereine. ...

Oder die Vorgänge um den Gay-Pride in Rom, wo eine Kirche ihre Identität dadurch wahren will, andere Menschen, die nicht in das Konzept passen, auszugrenzen.

Dies kann für uns Alt-Katholiken nicht der Weg sein.

Alt-katholische Kirche ist nicht Kirche gegen die Welt, wir sind Kirche in der Welt, die sich mit den Menschen in ihrer Situation liebevoll auseinandersetzt.

Eins möchte ich aber auch betonen: Wir sind nicht Kirche gegen eine andere Kirche. Wir sind einfach eine Gemeinschaft in der Vielfalt der Kirche Christi und wenn wir uns konstituieren, dann tun wir es um unseretwillen.

Ich habe in den letzten Tagen vielen erzählt, daß wir eine alt-katholische Gemeinde gründen und ich bin oft gefragt worden, was ist der Unterschied?

Wir haben den gleichen Gott, die gleiche Bibel, fast die gleiche Liturgie ... Es ist eine andere Vision von Kirche, demokratisch, liebevoll und schöpferisch-offen in der Welt und für deren Menschen...

Seien wir sie! Amen.