Die Pfarrseelsorge im herkömmlichen Sinn ist in Auflösung begriffen. Das Bild des gutmütigen, ein wenig weltfremden, aber doch liebenswürdigen Pfarrers, der als Eheloser mit einer Haushälterin unter einem Dach wohnt, am Vormittag in die Schule geht, am Nachmittag Hausbesuche macht und am Abend mit Auserwählten die Pfarrangelegenheiten bespricht, der Früh- oder Abendmessen für fromme ältere Frauen hält, am Sonntag kernig predigt und ansonsten pflegeleicht ist - dieses Bild hat sich einfach überlebt. Pfarrer sind größtenteils Organisatoren geworden, die einerseits einem stets schrumpfenden, immer kapriziöser werdenden Kreis von schwierigen, sich dem Zeitgeist verweigernden Personen das Bild einer ewig gleich bleibenden Kirche vermitteln sollen, andererseits stets fröhlich und optimistisch dem Neuen aufgeschlossen sein müssen, das junge oder oft nicht mehr ganz junge MitarbeiterInnen einbringen wollen. Sie sollen gute Verwalter und Hausbesorger sein, das Betriebsklima in der Pfarrkanzlei in Schwung halten und die oft uneinsichtigen Verhaltensweisen von Papst und Bischöfen abfedern. Ansonsten wird zumeist noch erwünscht, dass sie den spirituellen Sehnsüchten derer entgegenkommen, die mit anderen Religionen und Meditationsformen liebäugeln. Theologische Kompetenz scheint weniger gefragt, da Theologie, wenn sie nicht überhaupt als dogmatisches Glasperlenspiel erscheint, zumindest als verkopft und wenig alltagstauglich gilt.
Wen wundert es, dass viele Pfarrer sich als "Funktionäre" fühlen, die einfach zu funktionieren haben, um dem oben geschilderten Erwartungscocktail zu entsprechen? Dies frustriert, denn das Priestertum wurde von Männern angestrebt, die sich als Seelsorger verstehen - Menschen, die im Gespräch zuhören und die Zeit haben, durchaus "Helfertypen", die das Bild einer attraktiven, verständnisvollen und in Lebensfragen kompetenten Kirche vermitteln wollten. Geborgenheit kann aber nur der vermitteln, der sie selber erfährt. Zumal den ehelosen Priestern wurde bei ihrer Weihe das Bild vermittelt, die Pfarrgemeinde würde ihre Ehelosigkeit mittragen und sie würden in ihr eine familiäre Atmosphäre erleben, die mit dem Anspruch des Christlichen verbunden ist. Dies scheint weitgehend nicht der Fall. Wahrscheinlich ist dies auch eine Überforderung der Gemeinden, in denen ehrenamtliche Mitarbeiter oft an der Grenze ihrer Belastbarkeit einen Betrieb aufrechterhalten, der vom Kirchenjahr gleichermaßen diktiert wird wie von Erwartungen an gemütliche Stunden im Pfarrheim und von Spendensammlungen für kirchliche Gebäude.
So kommt es immer mehr dazu, dass hellsichtige Pfarrer ihren Dienst hinterfragen. Sie erleben ihn zunehmend als schlecht organisierten Rückzug aus Bastionen, die ihnen persönlich gar kein Anliegen sind. Immer wieder befragt - durch verordnete "Dialoge" etc. -, aber doch selten wirklich angehört, schleicht sich der Verdacht ein, missbraucht zu werden. Dieser wird umso stärker, wenn Pfarrer zusehen, wie sich andere Priester in Spezialbereichen profilieren und inszenieren. Dieser Weg ist ihnen verwehrt, denn die Regionalpfarre widersetzt sich hartnäckig den verschiedensten Reformversuchen. Was bleibt, ist eine gewisse integrative Funktion ("ruhender Pol"), es sei denn, man beißt in den sauren Apfel und entschließt sich, konsequent alle zu vertreiben, die einen bestimmten Weg nicht mitgehen wollen. Menschen in der Vorbereitung auf einen Sakramentenempfang sind zunehmend "katecheseresistent". Noch bevor ein Gespräch mit ihnen überhaupt möglich wird, müssen die verschiedensten Vorurteile gegenüber der Kirche als Institution ausgeräumt werden - oder der Pfarrer trennt säuberlich zwischen "Amtskirche" und "seiner Pfarrei". Ein solcher Weg wird mittlerweile von vielen schon allein deswegen beschritten, weil sie den Eindruck haben, der Bischof und andere vorgesetzte Stellen wären sowieso nicht am pfarrlichen Alltag oder gar an den Pfarrern selbst und ihren Begabungen interessiert, sondern einzig und allein daran, dass auf der seelsorglichen Landkarte eine Pfarrei - bzw. heutzutage auch bereits ein Verband von Pfarren - besetzt ist. Dieses im Fachjargon sogenannte "Löcherstopfen" hat, gepaart mit einer unauffälligen Dienstausübung des Pfarrers (nicht zu kantig, fröhlich beschwichtigend, ein paar Akzente setzend - aber auch nicht zu erfolgreich) den folgenden Effekt: Der Seelsorger gerät mit der Zeit in Vergessenheit und man erinnert sich seiner erst, wenn er um Pensionierung ansucht.
Was ist zu tun?
Wenn nicht bald etwas geschieht, droht das System zu implodieren: Es bricht in sich zusammen. Da und dort ist dies schon geschehen: Pfarren sind bereits Stützpunkte bestimmter Frömmigkeitsrichtungen geworden, wer da nicht mitkann, muss eben auswandern. Jeder soll schauen, dass er findet, was er braucht, rette sich, wer kann, den letzten beißen die Hunde, das scheinen die unausgesprochenen Schlagworte der Stunde zu sein. Indem nichts geschieht, ereignet sich bereits etwas: Kirche verliert ihr "Profil", sie zerbröckelt horizontal und vertikal. Es gibt nicht nur eine Spannung zwischen "oben" und "unten", sondern eine spürbare Tendenz, in den einzelnen Gemeinden die verschiedensten Dinge in den Mittelpunkt des Glaubens stellen zu wollen. Egal ob dies dann "Fatima" ist oder irgendetwas anderes, es existiert nebeneinander wie Kraut und Rüben. Hier wäre Theologie gefragt: Was ist die Mitte des christlichen Glaubens? Welches Lebensrecht hat das Christentum in seiner katholischen Ausprägung? Was sind die Perspektiven für die Zukunft?
Da nicht zu erwarten ist, dass sich in absehbarer Zukunft etwas am gesellschaftlichen Klima ändert, muss auch der Lebensstil der Pfarrer radikal neu überdacht werden. Eine Trennung der ökonomischen Funktion vom Seelsorgedienst, Priesterwohngemeinschaften für Zölibatäre und/oder neben diesen auch verheiratete Priester (mit dem Recht auf persönliche Weiterentwicklung - Scheidung und Wiederheirat nicht ausgeschlossen), all das klingt zunächst revolutionär. Denn noch immer geht man anscheinend fraglos vom Ideal des "heiligen" Mannes aus, der, wenn er schon nicht dieses Ideal erfüllt, seine Schwächen so verheimlichen kann, dass sie nicht auffallen. Einsamkeit, Alkoholismus und was es sonst noch alles unter Priestern gibt, wird tabuisiert. Das Schlimmste daran: Es ist gar nicht mehr notwendig! Die große Mehrheit in der Bevölkerung weiß längst, dass der Priester ein Mensch wie jeder andere ist und gesteht im allenfalls zu, es besonders gut zu meinen.
Noch einmal: Wenn alle diese Fragen weiterhin unter den Teppich einer angeblich christlichen Liebe gekehrt werden, die nichts anderes ist als verdrängte Aggressivität und verweigertes Problembewusstsein, dann wird sich die Katholische Kirche weiterhin marginalisieren. Sie wird dann nicht nur kleiner - was in einer demokratischen Gesellschaft sowieso nicht zu verhindern ist - sondern auch bedeutungsloser. Anders gesagt: Sie schrumpft sich nicht gesund, sondern krank. Derzeit ist die Katholische Kirche noch ein Fall für den Therapeuten. Wenn sie wie bisher weitermacht, wird sie bestenfalls zum Stoff für den Kabarettisten.
Dr. Heinz Lederleitner
Aus: "Wir sind Kirche" Zeitschrift der österreichischen Plattform Nr. 29 / 15.10.2000