Reform notwendiger denn je

5 Jahre Kirchenvolksbegehren

Ich kann mich noch gut erinnern an die Zeit von vor 5 Jahren. Wie wir an den Ständen ausgeharrt haben, wie wir diskutiert haben, wie wir gebangt haben, ob wohl ausreichend Menschen die Aktion unterstützen, wie es wohl weitergehen wird! Da wurde Bewegung sichtbar, da gab es viel Diskussion und Kritik, viel Hoffnung und Erwartung. Zugleich war auch viel Angst zu spüren, viel Unsicherheit und Ablehnung.

Sollen wir uns heute noch an diese Zeit erinnern, wo doch äußerlich sehr wenig geschehen ist? Es scheint, dass der Alltag in der Kirche gleich weitergegangen ist wie vorher.

Zunächst möchte ich festhalten, dass es immer gut ist, sich an die guten Zeiten, an die bewegten Zeiten, an Zeiten des Aufbruchs zu erinnern. Das praktizierten schon die Israeliten. Das gibt Kraft. Das gibt Durchhaltevermögen. Das gibt Hoffnung. Das gibt Vertrauen auf einen Gott, der alles lenkt.

Zunächst glaube ich, sagen zu dürfen, dass durch das Kirchenvolksbegehren und die nachfolgenden Tätigkeiten viel Bewusstseinsbildung geschehen ist. Die Kirche ist heute nicht mehr die selbe, wie vor fünf Jahren. Immer mehr Gläubige folgen ihrem individuellen Gewissen. Und das nicht nur in Fragen der Sexualmoral. Sie sagen offen und deutlich, was sie von der Kirchenleitung erwarten. Sie lassen sich nicht mehr mit leeren Floskeln abspeisen. Leider ziehen auch viele von der Kirche aus. Sie sind des Einsatzes müde. Ich kann sie gut verstehen. Manchmal frage ich mich auch, ob man die gegenwärtige Struktur der Kirche nicht sterben lassen muss, wie Gotthard Fuchs sagt. Und trotzdem: Die Forderungen des Kirchenvolksbegehrens sind aktueller denn je. Die Probleme in der Kirche haben deutlich zugenommen. Der Priestermangel ist akuter denn je.

Auch in Südtirol spüren wir das zunehmend. Die Weihe von ständigen Diakonen ist da wohl keine Antwort darauf. Ich habe in allen Zeitungsartikeln zur letzthin statt gefundenen Weihe der zwei neuen ständigen Diakone nicht herausfinden können, wozu so eine Weihe notwendig ist. Was dürfen sie nun tun, was sie vorher nicht durften? Alles hätten sie bei Notwendigkeit auch ohne Weihe tun können. Die Ehefrauen der beiden Diakone hätten wohl vor den Männern geweiht werden müssen, wenn ihre Tätigkeit in Betracht gezogen worden wäre. Eine Antwort auf die Probleme der Pfarrgemeinden, auf die Fragen der Frauen, auf die Situation der Laientheologen scheint die Diakonatsweihe nicht zu sein.

Und weiter: Die Frauen fragen eindringlicher denn je, wie es die Kirchenleitung mit der Frage der Gleichberechtigung der Geschlechter hält. Sogar die Laientheologen nehmen an den Universitäten ab. Es ist nur mehr eine Frage der Zeit, bis zu wenig ReligionslehrerInnen und Laien im pastoralen Dienst zur Verfügung stehen. Kurz: Laut Wertestudie 2000 nimmt die Religiosität in der Gesellschaft zu und die Bedeutung der Kirchen ab, und zwar nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch bei den eigenen Mitgliedern. Die Kirchenleitung verwaltet in dieser Situation den Mangel, wie der Grazer Pastoraltheologe Univ.-Prof. Rainer Bucher sagt. Wo bleiben die Visionen, wo bleibt die erneuernde Kraft des Evangeliums?

Andererseits sind die Rufe nach Dezentralisierung des römischen Machtapparates lauter den je. Der 95jährige Kardinal König wird nicht müde, von einem "mangelhaften" Führungsstil der römischen Kurie zu reden, von einer "Überforderung" des Papstamtes. Kardinal Daneels aus Belgien ließ jüngst aufhorchen. Kardinal Martini sprach von einer Versammlung der Vorsitzenden der Bischofskonferenzen, die die Tagesordnung selbst festlegen dürfen (In Südtirol darf das jeder Klassenrat!). Der verstorbene Kardinal Basil Hume trat für eine "kollaborative Regierung der Kirche" ein. Die Bischofssynoden aller Kontinente fordern eine Dezentralisierung kirchlicher Machtbefugnisse. Katholische Laienverbände Europas aus 12 Ländern fordern mehr Mitsprache bei Bischofsernennungen und eine stärkere Mitbeteiligung der Laien an Entscheidungen. Das alles sind unüberhörbare Signale.

Freilich braucht es noch etwas Geduld. In diesem Pontifikat noch einen Erneuerungsschub zu erwarten, wäre wohl unmenschlich. Aber ein zukünftiger Papst wird sich dem Ruf nach Dezentralisierung, Subsidiarität, innerkirchlicher Demokratie, Mitentscheidung der Laien, Geschlechtsgerechtigkeit, Abbau des Klerikalismus, Öffnung gegenüber der Moderne, echter Ökumene ... nicht entziehen können. Wir Gläubige können heute schon den Boden dafür bereiten: in unseren Herzen, in unseren Hirnen und in unseren Taten. Die Initiativgruppe möchte weiterhin einen Beitrag dazu leisten.

Robert Hochgruber