Erfahrungen eines verheirateten Priesters

Papst Woityla möchte die Kerzen löschen

Ein Traum und vielleicht noch etwas mehr

Ein paar Worte im voraus

Als wir uns kennenlernten, hatten Graziella und ich den undefinierbaren, aber doch sicheren Eindruck, daß wir gut zusammenpassen würden, um den nächsten Abschnitt unseres Lebens gemeinsam zu gehen, auch wenn sich zwischen uns noch turmhoch die Mauer des strengen Zölibatsgesetzes stellte.

Unsere Bekanntschaft brachte in mein Leben etwas ganz Außergewöhnliches. Durch das "Ja" von Graziella nahm zwar mein Priesterleben eine radikale Wende, und für uns begann damit ein neuer Abschnitt unserer Geschichte, der jedoch für beide all die Jahre herauf unglaublich schön werden sollte. Dem Leser, der vielleicht nach den ersten paar Seiten zögern könnte, mit der Lektüre weiterzufahren, weil er befürchtet, in eine schnulzenhafte love-story oder in irgendwelche religiöse Gefühlsduseleien verwickelt zu werden, aber auch jenem, der darin die Skandalgeschichte eines Priesters und seiner Liebesbeziehung wittert, möchte ich raten, trotzdem weiterzulesen. Er wird bald in eine Landschaft treten, die ihm bekannt sein könnte, und auf Probleme stoßen, die ihn selber zutiefst berühren, sowie auf Fragestellungen, die früher oder später leider aber oft ganz plötzlich und unerwartet - uns alle treffen, weil sie zu den ureigensten des Menschen zählen.

Der Kerninhalt der folgenden Seiten möchte der Versuch sein, aus erlebter Erfahrung eine Antwort zu geben auf die Frage: Gibt es jemand, der einem in den schwersten Stunden des Lebens Stütze bieten oder Antwort geben kann auf die lange Reihe der quälenden "Warum"? Warum das Leid, warum der Schmerz, warum so früh, warum gerade ich? Ist das gerecht, ist das der Sinn, ist das noch Leben, was gibt's danach? Und unausweichlich wird dann der Leser auch der wohl erdrückendsten all unserer Fragen begegnen: Wie kann ich mich der unumgänglichen Herausforderung, dem Tod, stellen?

Ich kann mir auch vorstellen, daß sich so manche Leser in diesen Zeilen wiederfinden werden, sei es, daß sie eine liebe Person verloren haben, die den gleichen Kalvarienweg wie meine Frau Graziella gehen mußte, sei es, daß sie selber betroffen sind und - wie eigentlich jeder Tumorkranke - mit Hoffnung ums Überleben kämpfen, oder sei es, daß sie es vielleicht trotz allem geschafft, haben und nun glücklich auf eine Zeit zurückblicken dürfen, die mit viel Angst und Qual verbunden war.

Aber auch all jene sollen angesprochen werden, die als Begleitpersonen ihrer Lieben, meist im stillen und verborgenen, den mühsamen Weg dieser unbarmherzigen Krankheit gegangen sind oder noch gehen müssen.

Im ersten Teil habe ich auch meinen persönlichen Werdegang bis hin zur Bekanntschaft mit Graziella eingefügt. Um ein ganzheitlicheres Bild von Graziella zu zeichnen, wollte ich kurz aufzeigen, was es für sie bedeutet hat, zur damaligen Zeit diese durchaus nicht leichte Entscheidung auf sich zu nehmen, um mit einer Person, die vom zehnten Lebensjahr an vom Eheund Familienleben "weg-erzogen" worden war, eine Ehe einzugehen. Dazu brauchte es Mut und Ausdauer. Graziella hat beides aufgebracht. Sie war großartig! Durch ihr Jawort wurde sie mir zur wunderbaren Frau und den Kindern zur unsterblichen Mutter.

Die Überzeugung, daß Graziella mir unverdienterweise zugeführt worden ist und uns dann für zwanzig Jahre mit Liebe und Segen beglückt hat, half uns auch in den schweren Stunden der Trauer daran zu glauben, daß sie uns im Grunde ja geschenkt und nicht genommen wurde. Graziella, danke, daß du bei uns warst! Ein einziger Tag mit dir hätte sich auch schon gelohnt! Und so habe ich mich schließlich aufgerafft, diesen Dank niederzuschreiben. Als Schlüssel zur Lektüre des Buches mögen die Worte von Marlene gelten, die mit blutendem Herzen Abschied nimmt von ihrem geliebten Vater, der infolge eines Tumors mit 48 Jahren im Sterben liegt:

Der Sinn des Lebens ist, es zu leben, der Sinn des Menschen, Mensch zu sein, zählt nicht die Zeit, die uns gegeben, schaut auf das Herz, es zählt allein.

Carlo Pescollderungg

"Danke Graziella" ist ein ungewöhnliches Buch. Der verheiratete Priester Carlo Pescollderungg, Bozen/Haslach, beleuchtet darin die Schrecknisse und Qualen der Krebskrankheit seiner Frau Graziella, die im März vergangenen Jahres verstorben ist. Es ist ein authentisches Buch, ein Buch, das Mut machen und Trost spenden will. Aber es ist auch das Bekenntnis eines Priesters, der sich sowohl zu Ehe und Familie, als auch zum Priester berufen fühlt. Es ist ein Dank an seine Frau, die "den Mut hatte, einen Priester zu heiraten". Das Buch ist ein "überzeugender Beweis der Gottesverbundenheit eines schlichten Menschen". Es macht betroffen und entläßt die Leserin und den Leser verändert, wie die Lektorin Margaret Bergmann meint.



Pescollderungg Carlo, Danke Graziella, Bozen, 1999, 272 S., erhältlich in allen Buchhandlungen und direkt bei PLURISTAMP Verlag, Nicolodistr. 26, Bozen, Tel. 0471/284553.



29.06.97: Sonntag
Fest Peter und Paul: Tag der Priesterweihe

Vor dreißig Jahren wurde ich am Fest Peter und Paul im Brixner Dom zum Priester geweiht. Für die Kollegen, die mit mir geweiht worden sind und heute irgendwo draußen einer Pfarrgemeinde vorstehen, gibt es Anlaß zum Feiern. In den einzelnen Pfarreien werden verschiedene Jubiläumsfeiern mit bunten Aufmärschen abgehalten, manchmal mit geschwollenen Ansprachen und anschließend immer mit entsprechenden Berichten in der Tageszeitung "Dolomiten".

Ich fuhr in der Früh mit Graziella zur Vorstellung des Kirchenführers, den ich herausgegeben habe, nach Niederdorf, und als wir an Brixen vorbeifuhren, waren die Bilder jenes Weihetages wieder plastisch vor mir. Ich sagte zu Graziella: "Es ist eine Erfahrung, die ich nicht .missen möchte. Wir könnten eigentlich heute für uns allein mein dreißigjähriges Priesterjubiläum und unser zwanzigjähriges Hochzeitsjubiläum in einem feiern."

Wir haben dann auch zu dem Anlaß nach der Buchvorstellung in Niederdorf einen schönen Ausflug nach Cortina d'Ampezzo angeknüpft.

Schön war es! - Allerdings werden wir morgen vergebens unser Jubiläumsfoto in der Tageszeitung suchen.

Papst Woityla möchte die Kerzen löschen
Ein Traum und vielleicht noch etwas mehr

Bald nach dem Jubiläumstag hatte ich einen eigenartigen Traum. Ich stand mit Graziella auf einer leicht erhobenen Terrasse und blickte auf eine endlose Ebene, die angefüllt war mit einem Meer von brennenden Kerzen. Sie waren verschieden nach Größe und Farbe, die eine flackerte mehr, die andere weniger, aber keine einzige war ausgelöscht, alle brannten.

Unter den verschiedenen Kerzen stach eine Art ganz besonders hervor. Sie stellte an sich eine Doppelkerze dar, bestehend aus zwei Schäften und zwei Dochten, jedoch die beiden Flammen schlugen eine Brücke und vereinigten sich zu einer einzigen hellen Flamme. Jetzt merkten Graziella und ich, daß über unseren Köpfen ebenso eine bogenförmige Flamme leuchtete, und da erkannten wir, daß diese Kerzen die verheirateten Priester mit ihren Frauen verkörperten. Alle warteten mit Spannung, weil der Papst angemeldet war. Auf der Rückfahrt von Bogotà sollte er nämlich hier Station einlegen und eine Stellungnahme zum Problem des Priesterzölibates ablegen. Tatsächlich kam er jetzt mit seinem Papstmobil hereingefahren. Er stieg sogleich aus und ging ohne zu zögern auf eine der Doppelkerzen zu und blies die Flamme mit großer Entschiedenheit aus. Es blieb aber nicht bei der einen allein, der Papst beschleunigte den Schritt und zog im Zick-Zack sichtlich erregt durch die Menge und blies der Reihe nach die Kerzen der verheirateten Priester aus. Dabei fiel auf, daß er gar nicht zitterte, nein, er schien jugendlich und voll Energie.

"Dann wird er aber auch zu uns kommen", meinte Graziella. "Ja, ja", antwortete ich gelassen und hielt sie fest an mich gedrückt, "bis er die ganze Runde gedreht hat und dann rechts oben herkommt, hat er noch lange zu blasen." "Wieviele seid ihr denn überhaupt, die geheiratet haben?" "Man hört, daß es in der gesamten Katholischen Kirche mehr als 300.000 geben soll."

"Oh je, dann hat der Arme wohl zu tun", bemerkte Graziella, "da wird ihm wohl der Atem ausgehen, bis er zu uns kommt." Da tauchte aber plötzlich Thomas Gottschalk vom ZDF auf und flüsterte dem Papst zu, er habe einmal bei einer Sendung von "Wetten, daß... ?" einen Sieger gehabt, der imstande war, in drei Minuten aus einem einzigen Nasenloch 2800 Kerzen auszublasen.

"Soll ich ihn hereinholen?", fragte er.

"Freilich!" stimmte der Papst begeistert zu.

Nun holte Gottschalk den Akrobaten herein, einen kleineren, beleibten Mann mit gehobener Brust, elegant angezogen, in schwarzem Frack, mit weißem Hemd und Schmetterling und einem weißen Tuch über dem Arm. Es handelte sich um keinen Geringeren als um Bischof Krenn, den ich schon einmal vor einiger Zeit im ORF bei einer Playback-Wohltätigkeitssendung in dieser Aufmachung erlebt hatte, als er in der Rolle von Pavarotti aufgetreten war.

"Eure Heiligkeit", wandte sich Bischof Krenn an den Papst und machte eine tiefe Verneigung vor ihm, "Sie haben mich rufen lassen. Ich stehe Ihnen gerne für Ihre Playback-Benefizshow zur Verfügung."

Graziella und ich schauten uns verwundert an. Benefizshow? Die Flammen der Priesterkerzen begannen unruhig zu flackern. Man ließ sie aus der Menge herausholen, um sie in einer endlosen Reihe nebeneinander aufzustellen. Im großen Eifer und weil sich gerade die Gelegenheit bot, griff man jedoch nicht nur die Kerzen der verheirateten Priester heraus, sondern auch andere, die es zu löschen galt, wobei Krenn jedesmal einen Blick zu Woityla warf, der ihm dann zunickte. Darunter waren unter anderen die Kerzen von Drewermann, Küng, Boff, Gaillot u.a.

Als die lange Reihe der Kerzen, die fast bis zum Horizont reichte, aufgestellt war, setzte über Lautsprecher eine schwungvolle Walzermusik ein, und Bischof Krenn, der seine ganze Konzentration auf diesen Augenblick gerichtet hatte, drückte mit dem Zeigefinger das linke Nasenloch zu und begann nach dem Startzuruf "Top, die Wette gilt!" zu schwingen und zu blasen und Pirouetten zu schlagen, wobei er, sauber im Takt und unter dem Jubel der Zuschauer, 20 bis 30 Kerzen pro Ansatz auszulöschen vermochte.

Graziella flüsterte mir zu: "Wo wird das wohl hinführen? Und übrigens, warum bläst Krenn nicht aus dem linken Nasenloch? Auf diese Weise kommt er ja nach jeder Pirouette aus dem Gleichgewicht."

"Krenn kann aber nur aus dem rechten Nasenloch blasen" , entgegnete ich ihr.

Der Papst war sichtlich erfreut und begleitete den blasenden und fauchenden Krenn ganz hinunter bis zum Ende der langen Kerzenreihe.

Was war aber inzwischen passiert? Als der in Schweiß gebadete Bischof Krenn und der Papst sich umdrehten, um auf das vollendete Werk zurückzublicken, mußten sie mit großem Entsetzen feststellen, daß alle Priesterkerzen wieder mit ihren hellen Flammen brannten. Der Papst hatte nicht damit gerechnet, daß es sich dabei um jene Art von Kerzen handelte, die unauslöschlich sind, weil sie immer wieder - und mag der Windstoß noch so vehement sein - von neuem aufflackern.

Bischof Krenn ließ enttäuscht den Kopf hängen, aber der Papst sprach ihm Mut zu, und mit einem kaum merkbaren Schmunzeln auf den Lippen reichte er ihm die Hand und sagte: "Schade um die verblasene Luft! Die Jury hat aber trotzdem entschieden, daß Sie die Wette gewonnen haben." Graziella, die sich unterdessen fest an mich geklammert hatte, schaute mich an und fragte: "Was meint er wohl damit?"

In diesem Augenblick wachte ich auf und spürte die warme Hand von Graziella auf meiner Wange.