Das Wesen der Kirche und das Leben der Gemeinden machen das Priesteramt zu einem notwendigen Beruf. Auch unsere Zeit braucht Menschen, die dem Anruf Gottes Folge leisten und ihr Leben in den Dienst Gottes und der Menschen stellen.
Der Priester muß besonders heute etwas von der Welt verstehen, in der er lebt, und auf neue soziale und geistige Entwicklungen eingehen können. Er muß zugleich selbständig genug sein, um trotz der Ratlosigkeit unserer Zeit hilfesuchenden Menschen einen Rat geben zu können. Dieser Rat muß theologisch vertretbar und darauf ausgerichtet sein, die Botschaft Christi im eigenen Leben des Priesters wie in dem der Gemeinde in die Tat umzusetzen und fruchtbar zu machen.
So muß der Priester ein Mann des Glaubens sein, der den Glauben seiner Brüder stärkt.
Die Synode anerkennt dankbar die Tatsache, daß auch in unserer Ortskirche Glaubensbrüder diesen Beruf gewählt haben und, trotz mancher Schwierigkeiten, ihr Priestertum treu und gewissenhaft leben und ausüben.
Es muß jedoch festgestellt und darauf hingewiesen werden, daß die weltweite Krise dieses Berufes sich auch in unserer Diözese immer mehr bemerkbar macht: Es herrschen verschiedene Meinungen über das Wesen des priesterlichen Dienstes, und die darin zum Ausdruck kommende Unsicherheit beunruhigt nicht nur Priester und Kandidaten zum Priestertum, sondern wirkt sich auch auf die übrigen Gläubigen aus. Immer weniger junge Menschen haben in letzter Zeit den Priesterberuf ergriffen. Ebenso haben in unserer Diözese Priester ihr Amt aufgegeben. Die Zahl der Priester nimmt daher ständig ab, damit tritt eine Überalterung des Klerus ein. Zualledem kommen immer neue Aufgaben hinzu, ohne daß alte aufgegeben oder an Laien übertragen werden.
Die Ursachen dieser Krise sind vielfältig; es sei hier auf einige hingewiesen:
Diese Krise kann zu einer tieferen Erkenntnis dessen führen, was überhaupt Priester im Neuen Bund ist und vor allem heute sein soll. Sie kann auch ein besseres Verhältnis des kirchlichen Amtsträgers zu Welt und Gesellschaft einleiten und jene Kluft überwinden, die zwischen Amtsträger und Gemeinde, zwischen Kirche und Gesellschaft zum Teil herrscht. Aus dem Gesagten ergibt sich, daß eine kritische Überprüfung der herrschenden Auffassung vom priesterlichen Dienst berechtigt, ja notwendig ist.
Ortskirche als Ereignis der Weltkirche, Diözesansynode Bozen-Brixen,
1970 - 1973, Athesia 1974 (Gesammelte Dokumente, Dokumentation), S. 42 -
43.